Ein Hamburger Straßensänger bewirbt sich seit 15 Jahren vergeblich beim Eurovision Song Contest. Aufgeben aber gilt nicht, und so hofft Hobo Lichtermann immer noch auf seinen großen Durchbruch – auch wenn er fast 60 Jahre alt ist und gar keine Noten kann.Ein winterlicher Mittwoch am Hamburger Hafen. Obwohl die Sonne scheint, ist es lausig kalt, von der Elbe her weht ein eisiger Wind. Der dick vermummte Straßensänger, der drei Pullover übereinander gezogen hat, packt trotzdem seine Gitarre und seinen kleinen Verstärker aus, klemmt sich seine Mundharmonika unter die Nase und beginnt mit kräftiger Stimme zu singen.„Füreinander sind wir da“, heißt das Lied, der Sänger hat es selbst geschrieben: „Komm’ zu uns, wenn es dich friert, wo sich die Kette der Angst verliert, komm’ zu uns, was dein Herz auch sah, füreinander sind wir da.“ Weil die Promenade wie leer gefegt ist, nur ein einsamer E-Roller-Fahrer sein Gefährt abstellt, kurz zuhört und zwei Euro spendiert, hört der Musiker nach fünf Songs mit seiner Darbietung auf. „Solche Pechtage gibt es“, sagt er gelassen. Er denkt aber nicht daran, nach Hause ins Warme zurückzukehren, sondern fährt mit der Bahn in die Innenstadt, wo er sich mehr Publikum verspricht. Rückschläge auszuhalten, ist er gewohnt, mehrfach den Standort zu wechseln, auch. Und, wenn es schlecht läuft, mit ein paar Cent-Münzen abzuziehen. „Aufgeben ist kein Thema“, versichert Hobo Lichtermann, 58 Jahre alt, Liedermacher.Lesen Sie auchEr ist ein hartnäckiger Zeitgenosse, dieser hagere Musikant mit seiner hellen Baseballcap, dem grünen Kapuzenparker und den verwaschenen Jeans. Ein Mann, der eisern an seinen Zielen festhält, auch wenn sie unerreichbar scheinen. Obwohl er seit vielen Jahren auf der Straße singt und spielt, darüber alt und grau geworden ist, blieb ihm der große Erfolg bislang versagt. Kein Talentsucher hat ihn je entdeckt, kein Musikmanager hat ihm von der Straße weg einen Plattenvertrag offeriert, nur wenige Fans folgen ihm auf seinem YouTube-Kanal.Und auch sein Traum, Deutschland beim größten Gesangswettbewerb der Welt, dem Eurovision Song Contest (ESC), zu vertreten, scheint mehr als unrealistisch. Was den Straßensänger nicht hindert, sich Jahr für Jahr für den Vorentscheid zu bewerben, immer und immer wieder, und fast jedes Mal mit dem gleichen Lied. 15-mal hat er schon vorgesungen, Videos eingereicht, gehofft, gebangt, gezittert, stets vergeblich. Auch dieses Jahr, wenn am 16. Mai in Wien das 70. Finale steigt und rund 160 Millionen Zuschauer zusehen, wird er nicht dabei sein.Für den deutschen Vorentscheid in Berlin, der am 28. Februar von der ARD übertragen wird, nominierten die Juroren neun Künstler mit Namen wie wavvylboi, Ragazzki und Molly Sue, sie singen Titel wie „AOK“, „Black Glitter“ und „Wonderland“. In einer dreistündigen Show, die von Barbara Schöneberger und Hazel Brugger moderiert wird, kämpfen sie um die Gunst der Zuschauer, die mit abstimmen dürfen. Der Sieger reist zum Event nach Wien.Er führt ein Leben zwischen Istanbul und HamburgMusiker Lichtermann, der das Spektakel wieder einmal nur am Fernseher verfolgen wird, hat eine ungewöhnliche Vita. 1968 als Tekin Sengül an der türkischen Schwarzmeerküste geboren, wächst der Junge zunächst wie so viele Gastarbeiterkinder auf. Die Eltern, die kurz nach seiner Geburt mit ihm nach Heilbronn ziehen, um bei einem Autozulieferer am Fließband zu stehen, fremdeln in der neuen Umgebung, tun sich mit der deutschen Sprache schwer, haben Heimweh.Der Sohn dagegen integriert sich schnell, findet Freunde, packt problemlos den Realschulabschluss. Als die Familie Mitte der 1980er-Jahre in die Türkei zurückkehrt, fühlt er sich seinerseits fremd und zerrissen. Weiß nicht richtig, wohin er gehört. Er macht zwar sein Abitur in Istanbul, studiert auch zwei Jahre Jura, bleibt aber Außenseiter: „Ich konnte dreimal besser Deutsch als Türkisch.“ Weil er in der Türkei nicht klarkommt, kehrt er in die Bundesrepublik zurück, die er als seine wahre Heimat empfindet. Kommt aber auch hier nicht wirklich an.Er lebt mal in Münster, mal in Bochum. Studiert mal dieses, mal jenes, jobbt ein bisschen, bekommt Stress mit Ausländerbehörden, die ihn ausweisen wollen, protestiert dagegen mit einem Sitzstreik. Hadert mit seiner Situation und mit sich selbst. Als er fast pleite ist, kauft er eine gebrauchte Gitarre, wie sich das für Abenteurer gehört, und trampt Richtung Griechenland. Dort, hat er gehört, könne man sich für lau einen EU-Pass besorgen. Er strandet aber schon im italienischen Brindisi, völlig abgebrannt, nächtigt in Gebüschen oder unter Brücken. Als er nichts mehr zu essen hat, setzt er sich auf die Kaimauer der Hafenstadt und beginnt, auf der Gitarre zu klimpern und von morgens bis abends das einzige Lied zu singen, das er kann, „Knockin‘ on Heavens Door“ von Bob Dylan. Und findet, weil er eine schöne Stimme hat, ein paar spendable Zuhörer.Lesen Sie auchDas ersungene Geld reicht zwar kaum zum Überleben, aber er erkennt, was er wirklich will: Musik machen, Künstler werden, vor großem Publikum spielen. Dass er nie Musikunterricht hatte, nicht einmal Noten kennt, nie auf einer Bühne gestanden hat, sieht er nicht als Hindernis. Haben nicht viele als Namenlose auf der Straße angefangen und sind später berühmt geworden, Stars wie Rod Stewart, Janis Joplin, Donovan? Warum soll ihm das nicht auch gelingen?Zum Karrierestart trampt er nach Hamburg, kein Zufall. In der Stadt, in der einst unbekannte junge Musiker aus Liverpool für wenig Kohle rockten, in Hinterzimmern hausten und kurz darauf als Beatles weltbekannt wurden, will er den Grundstein zum Erfolg legen. Ähnlich wie damals seine Vorbilder schlägt sich mühsam durch. Schläft mal in der Abstellkammer einer Moschee der rechtsradikalen Grauen Wölfe, mal in einem der von Linksradikalen besetzten Häuser in der berüchtigten Hamburger Hafenstraße.Tagsüber singt er in der S-Bahn oder auf den zentralen Plätzen der Stadt: auf der Reeperbahn, am Jungfernstieg, vor dem Hauptbahnhof. Zum Vergnügen von Passanten, die dem Sänger mit den schulterlangen Haaren gern zuhören, zum Verdruss von Ladenbesitzern und Anwohnern, die ihn zur Hölle wünschen. Häufig kassiert er Platzverbote, ein Polizist verfolgt ihn besonders hartnäckig. „Er hat mich immer wieder erwischt, egal, wo ich stand“.Mittellose stehlen ihm seinen Sängerlohn vor der Nase wegDabei ist das Künstlerleben auf der Straße ohnehin schwer genug. Beim Streit um einen begehrten Standort gerät er in eine Schlägerei mit Bettlern, kassiert eine dicke Beule. Ein anderes Mal zerschmettert ein Betrunkener direkt vor ihm eine Bierflasche, will ihn verletzen. Und Mittellose wie er selbst klauen ihm vor seiner Nase den Sängerlohn. Doch nichts bringt ihn von seinem Plan ab, im Gegenteil. Um besser als andere aufzutreten, lernt er Dutzende Songs auswendig, Titel von Leonard Cohen bis Paul McCartney. Übt immer wieder bestimmte Gitarrengriffe, schaut bei seinen Konkurrenten genau hin. „Fast alles hab’ ich mir von anderen Straßenmusikern abgeguckt“, erinnert er sich.Weil er nicht immer nur nachsingen will, beginnt er, selbst Lieder zu schreiben – wenige auf Englisch, die meisten auf Deutsch. Greift soziale Themen auf wie seine Vorbilder, die Liedermacher Konstantin Wecker und Hannes Wader, komponiert rund 40 Songs mit Titeln wie „Lieber Herr Wind“, „Vagabundentraum“ oder „Lieder, die keine Aufenthaltserlaubnis brauchen“. Und er legt sich den Künstlernamen Hobo Lichtermann zu. Passt besser zu einem deutschen Liedermacher als Tekin Sengül, findet er.Als Barde mit ungewöhnlichen Texten und ausdrucksvoller Stimme erregt er zwar Aufsehen, wird auch ein paarmal engagiert, singt für kleine Gagen beim Kirchentag und auf Kleinkunstbühnen, aber das war’s dann auch schon. Immerhin hat er es zu einem Zuhause gebracht: Einer jungen Frau, die es in die Ferne zieht, kauft er einen alten Bauwagen ohne Strom und fließendes Wasser ab, führt jahrelang ein Boheme-Leben ohne große Perspektive und soziale Sicherheit.Eine Begegnung, fast zu kitschig, um wahr zu sein, ändert alles. Bei einem Auftritt in Hamburg-Altona fällt ihm ein Mädchen auf, das ihm freundlich zunickt, ihm mehrere Münzen spendiert. Und das wieder weg ist, bevor er reagieren kann. „Ihr Lächeln habe ich nie vergessen“, sagt er rückblickend. Als er sie Jahre später beim Singen in der U-Bahn erneut trifft, spricht er sie an: „Wir kennen uns doch.“ Sie werden ein Paar, ziehen zusammen, bekommen innerhalb von zehn Jahren drei Kinder, benötigen dringend Geld. Der Sänger wird sesshaft, beginnt ein bürgerliches Leben, erhält die deutsche Staatsangehörigkeit. Macht ein Praktikum als Koch, brutzelt fortan über zwei Jahrzehnte lang in Hamburger Gaststätten. Schlägt keine Akkorde mehr, sondern haut Schnitzel und Steaks in die Pfanne, oft sogar als sogenannter Alleinkoch. „Auf der Straße war es hart“, erinnert er sich, „am Herd war es härter.“Durch das ständige Stehen erleidet er einen doppelten Bandscheibenvorfall, der Stress in der Küche führt zu einem Burn-out, die Folgen hat er bis heute nicht überwunden. Das Jobcenter finanziert ihm eine Online-Ausbildung als Audio-Engineer, er lernt, wie man Musiktitel am Rechner mischt, erhält ein Diplom, aber keinen Job. Die Familie zieht in den Hamburger Westen, der Sohn ist schon aus dem Haus. Der Musiker richtet sich im Souterrain des Hauses ein kleines Studio ein, in das er sich zurückziehen kann und wo er viele Stunden an neuen Texten und Tönen bastelt. Er singt auch wieder, inzwischen alt geworden, auf der Straße. Und findet das voll okay.Das Lied ‚High Above All' drückt alles aus, was ich der Welt sagen willNach der Pleite am Hafen versucht er es an diesem Mittwoch unter einer Hochbahn-Brücke in der City, es ist verdammt laut. Er kämpft gegen das dröhnende Vibrieren der Bahn an, die im Minutentakt über seinen Kopf rauscht. Ignoriert das schrille Gebell eines kleinen Hundes, das Geschrei einer Kita-Gruppe, den Lärm eines vorbei rasenden Motorrads. „Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein“, singt er, eine ältere Frau stellt sich neben ihn und trällert mit. Sie ist schon wieder weg, als er sein Lieblingslied anstimmt: „High Above All“ (Hoch über allem). Ein einfaches Lied mit eingängiger Melodie, bei dem es um Frieden, Liebe und um einen Vogel geht, der hoch über alle Länder fliegt und Hoffnung bringt. Verfasser ist Lichtermann selbst, er singt den englischen Text mit Inbrunst und deutschem Akzent. „Das Lied drückt alles aus, was ich der Welt sagen will“, erklärt er dazu.Die strenge Jury überzeugt er nichtBei elf von 15 Anläufen hat er sich mit diesem Song beim ESC beworben, so auch dieses Mal. Wobei er erstmals um seine Teilnahme kämpfen musste. Während bis 2025 jeder mitmachen durfte, auch Leute, die normalerweise nur in der Badewanne singen, ist ab sofort der Zugang begrenzt. Der Südwestrundfunk (SWR), der die Durchführung vom Norddeutschen Rundfunk (NDR) übernommen hat, akzeptiert laut Bewerbungskriterien nur Kandidaten mit „herausragender Stimmqualität und Bühnenpräsenz“, „künstlerischer Glaubwürdigkeit und starker Persönlichkeit“ sowie mit „bestehendem Business-Umfeld“ – Bedingungen, die Hobo Lichtermann nach Meinung der strengen Kontrolleure nicht alle erfüllte.Der Straßensänger klagte gegen seinen Ausschluss, wurde wegen seiner langjährigen Teilnahme doch zugelassen, zog seine Klage zurück. Und flog, wie stets, bei der Vorauswahl raus. „High Above All“ fand keine Gnade vor der Jury, die sich laut SWR aus „Expert:innen“ und „musikaffinen Normalos“ zusammensetzte. Ziel der Jury war es laut Sender, einen Beitrag auszuwählen, „der Deutschland auf der Höhe der Zeit repräsentiert“.Bei den letzten zehn Wettbewerben landeten die deutschen Beiträge viermal auf dem letzten und dreimal auf dem vorletzten Rang, nur einmal schaffte ein Titel den Sprung unter die ersten Zehn. Viel schlechter hätte auch Hobo Lichtermann kaum abschneiden können – womöglich sogar besser.Für 2027 plant er einen weiteren Versuch, vielleicht sogar mit einem neuen Lied. Zwar schätzt er seine Chancen auch in Zukunft gering ein, aber endgültig begraben will er seinen Traum, einmal vor Millionen zu singen, noch lange nicht, auch wenn er sich bis dahin mit dem Applaus an zugigen Straßenecken und in S-Bahn-Waggons begnügen muss. Kein Thema, sagt der Sänger: „Auch wenn nur drei Leute klatschen, macht mich das glücklich.“
Straßensänger: Der unerschütterliche Traum vom ESC trotz vieler Rückschläge - WELT
Ein Hamburger Straßensänger bewirbt sich seit 15 Jahren vergeblich beim Eurovision Song Contest. Aufgeben aber gilt nicht, und so hofft Hobo Lichtermann immer noch auf seinen großen Durchbruch – auch wenn er fast 60 Jahre alt ist und gar keine Noten kann.






