Die Anerkennung kam spät: Erst mit 64 erhielt der einstige Horrorfilmstar Jamie Lee Curtis den Oscar. Seitdem läuft es. Ein Gespräch über aberwitzige Altersrollen, Filme, die selbst ihr Angst machen, und Frauen, die die Sau rauslassen.Jamie Lee Curtis ist sofort präsent. Trotz des üblichen Zeitdrucks wirkt sie im Interview offen und konzentriert. Sie fragt zurück, hört zu, widerspricht, lacht kurz, wird dann ernst. Sie nimmt kein Blatt vor den Mund – ganz gleich, ob es um Hollywood, Politik oder die tiefen Risse in der US-Gesellschaft geht. Man spürt: Hier sitzt eine Schauspielerin, die sich und anderen nichts mehr beweisen muss.Das Interview fand Ende vergangenen Jahres per Videocall nach London statt, noch vor dem US-Kinostart ihres neuen Films „Ella McCay“. Nach schwachen Einspielergebnissen und gemischten bis negativen Kritiken – der „Guardian“ und andere lobten vor allem die Besetzung und Curtis’ Spiel, kritisierten jedoch die inkohärente Story – kommt der Film in Deutschland gar nicht erst ins Kino, sondern ist ab 5. Februar auf Disney+ zu sehen. Auch politisch hat sich der Kontext seitdem dramatisch verändert: Das Gespräch entstand noch vor den tödlichen Schüssen auf die US-Staatsbürger Renée Good und Alex Pretti im Januar in Minneapolis, beide erschossen bei Einsätzen der Einwanderungsbehörde ICE. Curtis solidarisierte sich mit Protestlern, reagierte auf ihrem Instagram-Account mit Trauer und Wut auf den Tod von Good und Pretti. „These were Americans! Shot by our government“, schrieb sie. Eine Aktualisierung des Interviews war nicht mehr möglich – und doch wirkt vieles von dem, was sie über den Hass in Amerika sagt, heute fast hellsichtig.„Ella McCay“ erzählt von einer jungen, idealistischen Politikerin, die aus einem beschädigten familiären Umfeld stammt und plötzlich politische Verantwortung übernimmt. Es ist ein Film über Macht, Moral und die Frage, wie man integer bleibt in einem System, das dafür wenig Belohnung vorsieht. Curtis selbst steht exemplarisch für Wandel. Einst Horror-Ikone, später unterschätzt als körperbetonte Komödiantin, ist die Tochter der Hollywood-Legenden Janet Leigh und Tony Curtis heute eine ernst genommene Charakterdarstellerin, die mit 67 alles spielen kann – und es auch tut. WELT: Ich muss Ihnen vorab gestehen, dass ich „Halloween“, John Carpenters Horror-Klassiker, der Sie Ende der 70er-Jahre zum Star machte, zur „Scream Queen“, bis heute nicht gesehen habe – ihn mir nicht ansehen kann. Jamie Lee Curtis: Warum nicht?WELT: Weil ich Schocker, in denen Serienmörder als das grundlos Böse ihren Opfern nachjagen, nicht aushalte. Für mich war schon der Trailer zu viel. Curtis: Ich verstehe Sie. So etwas macht mir auch Angst. Welchen Film haben Sie denn als ersten von mir gesehen – „Blue Steel“?WELT: Nein, den Gruselfilm „Nebel des Grauens“, auch von Carpenter.Curtis: Der ist aber auch ziemlich unheimlich.WELT: Das stimmt. Aber darin geht es ja um die Geschichte von halb verwesten, leprakranken Seemännern, die aus dem Meer kommen, um sich an den Nachfahren jener Menschen zu rächen, die sie ein Jahrhundert zuvor mit einem falschen Leuchtfeuer auf die Klippen und in den Tod geführt hatten. Das ist nicht annähernd so verstörend wie der maskierte Serienkiller aus „Halloween“. Was ich am „Nebel des Grauens“ bemerkenswert fand, ist, dass Sie darin mit Ihrer Mutter Janet Leigh spielen.Curtis: Ja, es war schön, meine Mutter in „Nebel des Grauens“ zu sehen.WELT: Die Todesszene Ihrer Mutter in der Dusche in Hitchcocks „Psycho“ ist in die Filmgeschichte eingegangen. Welche Erinnerungen haben Sie an Ihre gemeinsame Arbeit in dem Carpenter-Film?Curtis: Als junge Schauspielerin stand ich schon vor „Nebel des Grauens“ mal mit meiner Mutter vor der Kamera – in einer Folge der Serie „The Love Boat“. In „Nebel des Grauens“ haben meine und ihre Rolle jedoch kaum etwas miteinander zu tun. Ich erinnere mich aber daran, dass es auch für alle anderen Beteiligten schön war, meine Mutter am Set zu erleben. Sie war eine Legende, eine wunderschöne Person. Sie war aber vor allem ein liebenswerter Mensch. Aber ich habe jetzt keine besondere Beziehung zu diesem Film, nur weil wir zusammen darin mitspielen, das war eher eine Kuriosität. Sehen Sie, meine Eltern waren beide sehr beliebt, sehr talentiert – sie wurden beide als Filmstars sehr respektiert. Und es ist schön, dass ich mit meiner Mutter zusammen arbeiten konnte. Aber meine Eltern sind nun beide schon lange tot. Ich habe stets versucht, sie zu ehren, gleichzeitig meinen eigenen Weg zu gehen und herauszufinden, warum ich hier bin. Das habe ich, glaube ich, sehr konsequent umgesetzt.Lesen Sie auchWELT: In Ihrem neuen Film „Ella McCay“ spielen Sie die resolute Tante der jungen Protagonistin – eine ältere Frau, die sagt, was sie denkt: Ihrem sexsüchtigen Bruder empfiehlt sie eine Kastration. Als ihre Nichte mit 34 Jahren US-Gouverneurin wird, freut sich die Tante derart, dass sie mit Hitzewallungen in der Menopause kokettiert: „Mein Körper explodiert mit Schweißausbrüchen – dies sind meine ersten glücklichen Schweißausbrüche.“ Curtis: (lacht) Ich bin 67 Jahre alt.WELT: Dank Rollen wie dieser werden Sie seit den vergangenen fünf, sechs Jahren ganz anders wahrgenommen und wertgeschätzt – selbst dann, wenn die Filme dazu floppen. Haben Sie eine Erklärung dafür, dass Sie mit 60plus immer wieder solche Parts bekommen, Frauen, die die Sau rauslassen – die scharfzüngig sind, die Witz, Esprit und Coolness haben? Curtis: Ich habe mein ganzes Leben darauf gewartet, in Filmen Möglichkeiten wie diese zu bekommen. Ich war immer geduldig, ein braves Mädchen. Ich habe Werbespots gemacht, habe schlechtes Fernsehen und gutes Fernsehen gemacht, ein paar gute Filme gedreht – aber mehr schlechte Filme. Was ich vor allem in den letzten Jahren gelernt habe: Bei diesen jüngsten Rollen, die Sie ansprechen, steht und fällt alles mit dem Drehbuch. Wenn die Sprache und die Ideen eines Skripts auf eine Schauspielerin treffen, die sie gut interpretiert, und wenn der Film es dann auch zulässt, dass man dies wirklich wahrnehmen kann, dann ist das Freiheit. Ich fühle mich heute freier als je zuvor, als an jedem anderen Tag meines Lebens. Und jetzt, da ich hier vor Ihnen sitze, fühle ich mich freier als gestern. Da können Sie mal sehen, wie entfesselt ich in meiner Kreativität und in meinen Möglichkeiten bin. Und ich nutze das in vollem Umfang.WELT: Entfesselung trifft es ganz gut. Was all Ihre aberwitzigen, unangepassten Rollen der vergangenen Jahre betrifft, lohnt es sich, mal ins Detail zu gehen. Sie bekamen 2023 Ihren ersten Oscar überhaupt für Ihre Darstellung der grotesk überzeichneten Steuerprüferin Deirdre in dem postmodernen Multiversum-Märchen „Everything Everywhere All At Once“.Lesen Sie auchCurtis: Mit meiner Freundin Michelle Yeoh, die darin die Hauptrolle spielt, und in die ich mich in einem Teil des Films ja verliebe.WELT: In der sogenannten Hot-Dog-Dimension, einem absurden Paralleluniversum, in dem Menschen Wurstfinger haben, sind Sie beide ein Paar. Curtis: Ja, genau das meinte ich damit, als ich sagte: Ich war geduldig in meiner Karriere. Ich habe mein ganzes Leben darauf gewartet, jemanden wie Deirdre zu spielen oder wie Donna Berzatto in der Serie „The Bear“.WELT: Die alkoholkranke, toxische Mutter des von Jeremy Allen White dargestellten jungen Küchenchefs, die Sie ab 2023 spielten. 2019 waren Sie die Machtfrau einer Großfamilie in dem Krimi-Erfolg „Knives Out“, 2025 in „The Last Showgirl“ eine Ex-Tänzerin, die gegen Demütigung und den körperlichen Verfall kämpft. Im selben Jahr spielten Sie in der Komödien-Fortsetzung „Freakier Friday“ eine Oma, die durch ein magisches chinesisches Ritual Körpertausch mit Ihrer Enkelin vollzieht, und Sie produzierten den Actionfilm „The Last Bus“ mit Matthew McConaughey …Curtis: … ich wollte schon mein ganzes Leben lang als Produzentin arbeiten. Ich hatte seit meinem 19. Lebensjahr und habe bis heute mit 67 immer wieder solche Ideen. Zurzeit produziere ich eine Serie namens „Scarpetta“ mit Nicole Kidman, die nächstes Jahr bei Amazon Prime herauskommt und in der ich selbst auch spiele. Sie basiert auf den Romanen von Patricia Cornwell und handelt von der Gerichtsmedizinerin Kay Scarpetta. Diese Bücher wurden vor 30 Jahren geschrieben, niemand hat sie bisher verfilmt. Irgendwie habe ich es dann geschafft.WELT: Eins hatte ich noch vergessen: 2025 spielten Sie auch noch in „Star Trek: Sektion 31“, einem Spin-off-Film der Science-Fiction-Reihe. Das ist schon ein gewaltiges Pensum. Wie bringen Sie all das unter einen Hut?Curtis: Sie sind der erste Mensch, dem ich je begegnet bin, der weiß, dass ich in diesem „Star Trek“-Film mitgespielt habe. Ich selbst habe ihn bisher nicht mal gesehen, kenne auch niemanden, der ihn gesehen hat – außer Ihnen. Ich weiß nicht mal, ob es eine Serie oder ein Film ist.WELT: Ein Film.Curtis: Okay, ich habe es gemacht, weil meine Freundin Michelle Yeoh, die darin eine Hauptrolle spielt, mich darum gebeten hat. Sehen Sie: Ich nehme gerade alles mit, was geht, versuche, das voll auszuschöpfen. Eben weil ich ein Gespür für das Ticken der Uhr habe: tick-tock, tick-tock – und damit meine ich jetzt nicht die gleichklingende chinesische Social-Media-Plattform, mit der unsere Kinder ausspioniert und gehackt werden (TikTok, d. Red.). Ich meine das Voranschreiten der Zeit: tick-tock, tick-tock.WELT: Auf Deutsch heißt es tick-tack.Curtis: Ich werde älter, mein Mann wird älter, meine Kinder werden älter. Und während wir alle älter werden, ist mir bewusst, dass ich mehr Zeit mit meiner Familie brauchen werde. Gleichzeitig weiß ich aber auch, dass dies gerade ein perfekter Moment für mich ist, was meine Kreativität betrifft. Nur habe ich deshalb keine größenwahnsinnigen Fantasien, dass ich auch in zehn Jahren noch Filme produzieren oder sogar Regie führen werde. Ich bin 67 und habe genau jetzt diese schöpferische und geschäftige Phase. Nächstes Jahr werde ich in einer Neuauflage von „Mord ist ihr Hobby“ spielen. Es gibt noch eine Sitcom und ein paar Dinge, die ich gerne machen würde. Danach sehen wir weiter.WELT: Mrs. Curtis, die fiktive Jung-Politikerin Ella McCay, die Ihrem neuen Film den Namen gibt, wird im Jahr 2008 mit 34 deshalb unverhofft US-Gouverneurin, weil der Vorgänger Minister wird. Sie scheitert später an den Mühen der Ebenen. Hat das auch Aussagekraft für die Jetztzeit in den USA?Curtis: Unser Film spielt im Jahr 2008. Das ist insofern bedeutsam, weil wir Menschen uns damals noch alle mochten. 2008 war es jedenfalls noch möglich, über Parteigrenzen hinweg zu denken. Selbst wenn man in vielen Dingen unterschiedlicher Meinung war, konnte man Gemeinsamkeiten entdecken. Das ist heute nicht mehr möglich. Ella übernimmt in dieser Zeit ein Amt, für das sie nicht ausgebildet wurde. Sie ist streb- und arbeitsam, hat jedes Detail im Blick. Sie verbringt beispielsweise Stunden um Stunden damit, darüber nachzudenken, wie man staatliche Institutionen schaffen kann, die Menschen helfen. Was sie nicht gut beherrscht, ist das politische Klinkenputzen und Anbiedern: also Hände schütteln, Small Talk machen und erst einmal allen „Hallo zusammen“ sagen. Lesen Sie auchWELT: Ella McCay kommt als junge Frau immerhin in eines der höchsten politischen Ämter in den USA. Michelle Obama sagte kürzlich, man solle in verstörenden Zeiten wie diesen jetzt bloß nicht wieder damit anfangen, sie als Kandidaten für die Präsidentschaft ins Gespräch zu bringen, denn die USA seien einfach noch nicht bereit für eine Frau im Weißen Haus. Teilen Sie diese Einschätzung?Curtis: Ich weiß es nicht. Aber was weiß ich schon? Ich weiß derzeit nicht, ob Amerika bereit ist, ich weiß nicht, wozu Amerika bereit ist. Ich glaube allerdings, dass Amerika genug davon hat, dass ein bestimmter Mann mit dem Finger auf eine Frau zeigt und sie ein Schwein nennt (Donald Trump hatte im November 2025 eine Reporterin an Bord der „Air Force One“ als „piggy“ gescholten und damit Empörung ausgelöst, d. Red.). Amerika hat die Nase voll. Ich weiß mehr darüber, wovon Amerika die Nase voll hat, als darüber, was das Land braucht. Aber je mehr wir etwas leid werden, desto klarer sehen wir, was uns fehlt, was wir uns wünschen. Also, um auf Ihre Frage zurückzukommen, ob es zu diesem Zeitpunkt vorrangig darum gehen sollte, in Zukunft eine Frau in diesem Amt zu haben, oder ob es nicht wichtiger wäre, künftig jemanden im Weißen Haus zu haben, der vor allem zu Mitgefühl fähig ist, dazu, sich um das Wohl anderer Menschen zu kümmern. WELT: Wie fällt Ihre Antwort darauf aus, welche Eigenschaften sollte diese Person haben und welche nicht?Curtis: Es geht bei dieser Frage nicht um das Geschlecht. Sollte eine Frau den Job künftig machen: großartig. Sollte es ein Mann machen: auch großartig, solange er oder sie nur Empathie aufbringen und die Fähigkeit, fürsorglich im Dienst für andere Menschen Politik machen zu können. Im Moment befinden wir uns in einer Spirale aus Hass und Misogynie. Ich denke, Trumps ständiges mit dem Finger auf andere Zeigen könnte sein Untergang sein – der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Zur PersonDie als Tochter der Filmstars Janet Leigh und Tony Curtis am 22. November 1958 in Los Angeles geborene Jamie Lee Curtis studierte zunächst Jura, brach aber ab, um als Schauspielerin zunächst in kleinen Rollen zu arbeiten. Den Durchbruch hatte sie mit „Halloween“ (1978) als Laurie Strode, eine Rolle, zu der sie in „Halloween H20“ (1998) sowie der Trilogie 2018–2022 zurückkehrte. Weitere wichtige Filme waren in den frühen Jahren „Nebel des Grauens“ (1980), „Ein Fisch namens Wanda“ (1988), „True Lies“ (1994) oder „Freaky Friday“ (2003). Für ihre Rolle in „Everything Everywhere All at Once“ bekam sie 2023 den Oscar. Seit 1984 ist sie verheiratet mit Christopher Guest, das Paar hat zwei adoptierte Kinder.
Jamie Lee Curtis: „Ich fühle mich freier als je zuvor“ – warum späte Anerkennung alles verändert - WELT
Die Anerkennung kam spät: Erst mit 64 erhielt der einstige Horrorfilmstar Jamie Lee Curtis den Oscar. Seitdem läuft es. Ein Gespräch über aberwitzige Altersrollen, Filme, die selbst ihr Angst machen, und Frauen, die die Sau rauslassen.






