PfadnavigationHomeICONISTTrendsSerienhit „Heated Rivalry“Hype um queere Eishockey-Serie – vor allem Frauen sind gefesseltVeröffentlicht am 11.02.2026Lesedauer: 6 MinutenHeimliche Zärtlichkeiten: Connor Storrie (l.) und Hudson Williams in Folge 4 der Serie „Heated Rivalry“Quelle: Sabrina LantosDie kanadische Eishockey-Serie „Heated Rivalry“ zeigt genüsslich Sex zwischen jungen Männern – und ist damit zum globalen Phänomen geworden, auch und vor allem bei Frauen. Wie kommt das?Mit der Serie „Heated Rivalry“ (wörtlich übersetzt: hitzige Rivalität) ergeht es einem derzeit wie mit Donald Trump. Wer sich einmal drauf einlässt, kann sich vor Nachrichten, banaler und substanzieller Natur, kaum noch retten. Für die nächste Staffel möchte er sich „muskulöser, saftiger, dicker“ trainieren, erklärt Hudson Williams, einer der Hauptdarsteller, und vom Hintern seines Co-Stars Connor Storrie habe er 35 Fotos aus verschiedenen Winkeln auf seinem Telefon. Und während Storrie in Los Angeles beim Chanel-Dinner sitzt, läuft Williams als Model in Mailand bei Dsquared. Kein Detail ist den Fans zu banal: Obwohl Storrie in der Serie einen rauchenden Russen spielt, ist es im echten Leben verwirrenderweise Williams, der gelegentlich mit einer Zigarette erwischt wird. In gemeinsamen Interviews sind sie so niedlich und zärtlich miteinander, dass man verrückt werden möchte. Den atemlosen Aufstieg vom Niemand zum Weltstar erleben sie als neue beste Freunde gemeinsam – und dieses Märchen hat seit den Beatles nichts von seiner Strahlkraft verloren. Was sich von selbst versteht: Das offizielle Merchandising zur Serie, etwa die Mütze mit dem Schlüsselsatz „I’m coming to the cottage“, ist fast komplett ausverkauft. Nur Kühlschrankmagneten sind noch reichlich zu haben. Lesen Sie auchEs geht aber auch ernsthaft. Die Serie, die Ende November von einem kanadischen Streamingdienst mit dem sinnigen Namen „Crave“ (deutsch: sich nach etwas verzehren) veröffentlicht wurde, mittlerweile ins Programm von HBO Max aufgenommen wurde und ab dem 6. Februar auch in Deutschland läuft, ist ein internationales Phänomen. Die Folge 5 erreichte bei den Nutzern der International Movie Data Base – einem digitalen Lexikon bewegter Bilder – die Höchstnote von glatten zehn Punkten, was bisher nur der Folge „Ozymandias“ der bahnbrechenden Serie „Breaking Bad“ gelang. Und vor allem stürmte diese Serie mit einer Wucht durch die sozialen Medien wie zuletzt vielleicht noch der Film „KPop Demon Hunters“ – es gibt Public-Viewing-Partys und Hinweise, welche Stellen man beim Fernsehabend mit den Eltern vielleicht besser überspringt.Denn „Heated Rivalry“ erzählt von zwei Eishockeyspielern: dem japanisch-kanadischen Shane Hollander und dem in den USA spielenden Russen Ilya Rozanov. Im Stadion sind die beiden Konkurrenten – und im Hotelzimmer ein Liebespaar. Wie sie mit ihrer geheimen Leidenschaft durch die ultramaskuline Welt des Profisports schlittern, ist der wichtigste Handlungsfaden. Und der ausführliche, genüsslich inszenierte Sex. Außer auf dem Eis tragen die zentralen Charaktere so wenig wie möglich, selbst Unterhaltungen oder Mahlzeiten werden gern mit freiem Oberkörper absolviert und irgendwo lockt immer ein nackter Hintern. Selbst die spanische Netflixserie „Elite“, die neue Maßstäbe setzte, was variantenreichen Sex unter Teenagern betraf, wirkt neben „Heated Rivalry“ aus Kanada ein wenig prüde.Dass Streamingdienste unterschiedliche Zielgruppen (etwa Hobbyköche oder Romantikerinnen) bedienen, ist nicht neu. Die Überraschung aber bei „Heated Rivalry“: Die Serie wird nicht nur von schwulen Männern geschaut, sondern mehr noch von Frauen. Bei der Verleihung der Golden Globes vor wenigen Wochen durften die beiden Shooting-Stars einen Preis verleihen und rätselten auf der Bühne, ob nun jeder im Publikum – Sean Penn, Julia Roberts etc. – ihre Serie gesehen habe. „Vielleicht nicht. Aber ihre Fitnesstrainer. Ihre Mütter. Ihre Töchter“, beschlossen sie und winkten Müttern und Töchtern am heimischen Fernseher zu.Was diese daran reizt, zwei hübschen Kerlen beim Analverkehr zuzuschauen, darüber rätselt derzeit die halbe Welt. Die Hamburger Sexologin Katrin Hinrichs findet das gar nicht so abwegig. „Das sind ja zweifellos wunderschöne, ästhetische Körper. Und das Gute ist: Die Frauen müssen das nicht nachspielen. Sie müssen das nicht an ihrem eigenen Liebesleben messen. Sie stehen dabei nicht unter Leistungsdruck oder Genussdruck.“In ihrer Praxis begegnet Hinrichs dem modernen, verunsicherten Mann und sieht im Erfolg der Serie einen Hinweis auf gesellschaftliche Veränderungen: „Hier wird eine Alternative zur toxischen Männlichkeit gezeigt. Eishockey ist ein ultramaskulines Milieu. Insofern ist es interessant, dass die Heldenreise gerade im Eishockeystadion stattfindet“, sagt sie: „Hier sprechen Männer über ihre Gefühle. Und Verletzlichkeit ist doch eine neue Stärke.“Was jungen Frauen gefallen soll, braucht zwingend junge Männer als eye candySpätestens seit Elvis Presley und Marlon Brando sind auch junge Männer Sexsymbole. Spielten jedoch früher Coolness, Kreativität, Wagemut, Freiheitsdrang oder gar politische Überzeugungen eine wichtige Rolle, sind es heute Bizeps, Brustmuskeln und ein durchtrainierter gluteus maximus. Ein schlacksiger Schussel etwa wie der frühe Hugh Grant würde heute erst mal ins Gym geschickt werden. Was jungen Frauen gefallen soll, braucht zwingend junge Männer als eye candy. Was sich auch geändert haben dürfte: die Akzeptanz von schwulen Storylines und zwischenmännlicher Erotik. Der Film „Saltburn“ machte nicht nur die beiden Hauptdarsteller Barry Keoghan und vor allem Jacob Elordi zu Stars, die „Badewasserszene“ verpasste dem Publikum auch einen wohligen Schauer. Der sichere Oscar-Anwärter Timothée Chalamet, derzeit wohl wirksamster Schauspieler der Welt, erlebte seinen Durchbruch mit einer Rolle, in der er mit einem Mädchen, einem Pfirsich, vor allem aber einem Mann schlief.Natürlich gab es auch früher schon schwule Geschichten, die ein breiteres Publikum erreichten, etwa den Kinofilm „Brokeback Mountain“ oder die britische Serie „Queer as Folk“, die auch nicht gerade zimperlich war. Vor allem dürfte die queere Netflixserie „Heartstopper“ den Weg geebnet haben, die so warmherzig erzählt war, dass man sie praktisch lieben musste. Aber dass eine softpornografische Serie wie „Heated Rivalry“ ein derartiges Pop-Phänomen wird, ist einfach noch nie vorgekommen.Dabei könnte man einiges daran monieren. Die queere New Yorker Clique einer Nebenfigur ist so klischeehaft (arm, aber schrill) gezeichnet, als befinde man sich noch immer in den 80ern. Dass der Halbasiate beim Sex mit dem aggressiven Russen die passive Rolle einnimmt, folgt unseligen schwulen Stereotypen.Und vielleicht am gruseligsten ist die Ausstattung. Wenn sie keine Sportkleidung tragen, sieht Ilya aus wie ein Stricher in einer Vorabendserie und Shane wie ein frühvergreister Familienvater. Die einzige auffallende Marke ist Under Armour, also demonstrativ schmucklose Sportswear. Die Häuser und Wohnungen in der Serie wirken, als habe sich der Praktikant einer Relocation Agency ausgetobt: Hotelzimmermöbel, schlechte Kunst, blöde Objekte fürs Regal und gelegentlich ein Bildband. Und wenn die Boys füreinander kochen, gibt es Hamburger oder Tuna-Melt-Sandwiches.Vielleicht ist das sogar realistisch, denn es handelt hier sich um Leistungssportler, die für Interior Design, Mode oder Kulinarik in ihrem jungen Leben noch keine Zeit hatten. Doch was auch immer man von „Heated Rivalry“ halten mag: Mit dem nervigen Vorurteil von der schwulen Geschmackselite räumt die Serie endlich mal auf.Aber zwischen schönen Männerkörpern, scheußlichen Einrichtungen, eher zu kurzen Eishockeyszenen und plattem Storytelling gibt es gelungene Momente: ein Lächeln auf dem Eis, eine nicht abgeschickte SMS, die ganze Unsicherheit der ersten großen Liebe, die noch dazu verboten ist. Und in Folge 5 erreicht die Serie eine unerwartete Wucht – schließlich erzählt sie von Menschen, die sich verstecken und ihre Sehnsüchte unterdrücken müssen.Ein märchenhafter Höhepunkt, denn die Realität sieht anders aus. Es gibt keine aktiven Eishockeyspieler, die offen schwul sind, und die Akzeptanz von Homosexualität ist in den USA messbar gesunken. Ilya und Shane sind nur Nebendarsteller in der entscheidenden Szene.Es gibt einen Clip, wie die beiden Schauspieler die Dreharbeiten der emotionalen Kernschmelze beobachten. Spätestens da scheint ihnen zu dämmern, dass ihre Serie die Welt verändern wird. Oder sie zumindest für ein paar Minuten freundlicher aussehen lässt. More heated natürlich sowieso.