PfadnavigationHomeICONISTEssen & TrinkenArtikeltyp:MeinungDry JanuaryWarum ich als Weintrinker nicht zur Nüchternheit erzogen werden möchteVon Manfred KlimekVeröffentlicht am 04.02.2026Lesedauer: 3 MinutenWeinkritiker Manfred Klimek unterstützt Kampagnen gegen Alkohol, wundert sich jedoch, warum im Dry January ausgerechnet Wein besonders ins Visier gerätQuelle: Manfred Klimek; Yulia Petrova/Moment RF/Getty ImagesDie Befürworter der Abstinenz erklären Wein zum tödlichen Gift und arbeiten dabei mit moralischem Druck und groben Vereinfachungen. Dabei sollte es am Weinkonsumenten selbst liegen, die richtige Balance zu finden. Diese Verantwortung lässt sich nicht outsourcen.Ich hatte in meinem Leben zwei echte und beschämende Vollräusche mit harten Getränken, auch nach Jahren noch mit Schaudern erinnert. Ich weiß also, wie gefährlich Alkohol sein kann. Kampagnen gegen seine zerstörerische Kraft begrüße ich maximal – auch Hinweise auf Etiketten. Alkohol ist ein Nervengift, das für viele auch tödliche Krankheiten mitverantwortlich ist. Daran gibt es nichts zu beschönigen. Was mich jedoch irritiert, ist der Furor, mit dem sich gewisse Journalisten im Dry January auf Wein einschießen – fast alle alarmistischen Artikel werden mit Fotos von Weingläsern und Weinflaschen illustriert statt mit Abbildungen hochprozentiger Getränke. Es wird also ausgerechnet auf jene Form des Alkohols losgegangen, die fast immer beim Essen konsumiert wird und in kulturelle Rituale eingebettet ist, die auf Maß, nicht auf Exzess beruhen.Lesen Sie auchWein gibt Geschmack, Struktur, Länge, Bitterkeit, Säure – all das macht ihn überhaupt erst interessant. Und deshalb muss jeder, der Wein trinkt, seine Balance selbst finden. Diese Verantwortung lässt sich nicht outsourcen. Doch was in der aktuellen Berichterstattung zum Dry January erneut auffällt, ist etwas anderes: das Ausblenden von Differenzierungen. Die große Mehrheit der problematischen Trinkmuster entsteht nicht durch das abendliche Glas zum Essen, sondern durch hochprozentigen Konsum, Stress- und Fluchttrinken. Diese einfache Tatsache wird in den wenigsten Beiträgen berücksichtigt. Besonders irritiert mich dabei die selektive Behandlung wissenschaftlicher Studien. Seit Jahrzehnten gibt es Forschung, die gesundheitlich positive Effekte von moderatem Weinkonsum in Verbindung mit mediterraner Ernährung aufzeigt. Zuletzt etwa eine groß angelegte Studie der American Heart Association (einer Vereinigung gesundheitspolitisch relevanter US-Kardiologen), die im Dezember veröffentlicht wurde und der die „New York Times“ eine große Geschichte widmete. Dort steht, der Position der WHO zuwider, leichter Alkoholkonsum von etwa zwei Gläsern Wein am Tag „posed no risk for coronary disease, stroke, sudden death and possibly heart failure, and may even reduce the risk“ (NYT, 16.12.2025). Übersetzt: Moderater Alkoholkonsum könnte das Risiko für Herzerkrankungen sogar verringern. Weltverbesserung mit Textbausteinen Das Brisante daran: Diese Studie widerspricht kleineren Studien, die das sogenannte French Paradoxon, also die Erzählung vom gesunden Glas Rotwein, als Humbug abtaten. Ich persönlich hielt das Getue um das French Paradoxon schon immer für ebenso daneben wie die WHO-Parole, dass schon kleinste Mengen Wein massiv gesundheitsgefährdend seien. Aber wenn führende Herzspezialisten aus den USA darauf hinweisen, dass die Auswirkungen von gemäßigtem Konsum auf die Gesundheit komplex sind und noch genauer untersucht werden müssen, sollte das zur Kenntnis genommen und nicht in die Schublade der unliebsamen Gegenrede gesteckt werden. Lesen Sie auchDie Debatte um die angeblich fatale Wirkung von einem einzigen Glas Wein ist keine ernsthafte Diskussion mehr. Sie gleicht einem Erziehungsversuch. Sie arbeitet mit grober Vereinfachung, mit Angst, mit moralischem Druck. Studien, die nicht ins Bild passen, werden ignoriert. Das ist kein Qualitätsjournalismus, sondern Weltverbesserung mit Textbausteinen.Hysterie lässt sich leichter konsumieren als Fakten. Eindeutige Schuldzuweisungen verkaufen sich besser als Ambivalenz. Aber genau diese Ambivalenz darzustellen, wäre die journalistische Aufgabe. Denn zwischen „Alkohol ist harmlos“ und „jedes Glas kann tödlich sein“ liegt eine Wirklichkeit, die andere Geschichten schreibt. Ich habe gelernt, wie gefährlich Alkohol sein kann. Gerade deshalb wünsche ich mir einen Journalismus, der warnt, ohne zu verdummen. Der differenziert, statt zu erziehen. Und der den Wein nicht zum Sündenbock macht, nur weil Differenzierung anstrengender ist als Alarmismus.Manfred Klimek ist Weinkritiker und Fotograf.