Ein Zweisitzersofa mit Beistelltischchen, ein Fernseher, ein Bett, drei Stühle, zwei Kochplatten, ein paar Bücher und private Fotos: Viel ist es nicht, was Michael Wagner besitzt. Doch für den 53-Jährigen ist es mehr, als er sich noch vor wenigen Monaten zu hoffen wagte. Nach Jahren der Wohnungslosigkeit wieder eine eigene Mietwohnung zu haben – daran hatte er längst nicht mehr geglaubt.Bis September 2025 teilte er im kommunalen Obdach der Stadt Lübbecke am nordöstlichen Rand von Nordrhein-Westfalen ein Dreibettzimmer - und damit Enge, Frust, fehlende Privatsphäre. «Ich habe mich viele Jahre lang daran gewöhnt, nichts zu haben», sagt er. Jetzt lernt er wieder sein Leben in die eigene Hand zu nehmen.Dass Wagner heute wieder einen eigenen Schlüssel in der Tasche trägt, verdankt er dem Prinzip des «Housing First». Der Ansatz in der Obdachlosenhilfe kam vor etwa zehn Jahren nach Deutschland und ist inzwischen wichtiger Baustein vieler Strategien gegen Wohnungslosigkeit - auch der nordrhein-westfälischen Landesregierung.Housing-First: Am Anfang steht die Wohnung, dann kommt der RestDer Gedanke: Ohne Vorbedingungen wie Abstinenz oder Therapieteilnahme bekommen Wohnungs- und Obdachlose eine dauerhafte Wohnung - weg aus Notunterkünften, weg von einem Alltag, in dem sich Probleme oft eher verfestigen als lösen lassen. 1.500 Menschen wie Wagner wurden nach Angaben des Bundesverbandes Housing First zwischen 2015 und 2025 in eine Wohnung vermittelt.