Lady Gaga mit vergoldeter Friedenstauben-Brosche von Schiaparelli bei Joe Bidens Amtseinführung (Januar 2021)Quelle: Caroline Brehman/CQ-Roll Call, Inc via Getty ImagesMessing statt Gold, Strass statt Diamanten, Glas statt Smaragde: Modeschmuck machte vor rund 100 Jahren Luxus erschwinglich. Heute entdecken Millennials und Gen Z den Reiz der oft expressiven Stücke neu. Eine kurze Kulturgeschichte.Trifari oder Coro; Korda, Sandor und Staret – sie klingen wie die Künstlernamen von Erotikdarstellern, bezeichnen aber Modeschmuckmarken, trashig und edel zugleich. So manche Königin trug solch „unechten“ Schmuck, Queen Victoria und Königin Elisabeth II. mochten informelle, mit Glas verzierte Broschen, Lady Windsor Kreolen-Ohrclips. Marlene Dietrich, Marilyn Monroe und Madonna schmückten (und schmücken) sich mit ihm – und Millionen von Frauen weltweit. Modeschmuck, das sind Broschen, Ketten, Ringe, die nicht aus Gold und Silber gefertigt, nicht mit Diamanten und Smaragden oder anderen edlen Steinen besetzt sind, sondern aus günstigen Materialien – etwa Messing, Glas, Kunststoff, Emaille. Und doch sind darunter Stücke, die zu Berühmtheit gelangt sind, wie die zwölf Zentimeter hohe Bärenbrosche, die Jean Schlumberger 1939 für Schiaparelli entworfen hat; es gab Zeiten, in denen halb Hollywood die exotisch angehauchten Kreationen von Eugene Joseff trug, und in den 1970ern war jedem die „Jackie O.“- Kette von Kenneth Jay Lane ein Begriff: ein üppiges, indisch inspiriertes Collier mit zig Tigeraugen und noch mehr Strasssteinchen besetzt.Ein Blick in das Buch „Costume Jewelry“ (engl. für „Modeschmuck“) der Schmuckhistorikerin Carol Woolton (Taschen, 100 Euro) zeigt, wie heutig die Designs von damals sind: Das üppige Blumencollier aus Abertausenden pinken Glasperlchen von William de Lillo (1970) würde wunderbar zu etwas schwarzem Engen passen. Auch schön, hätte man dazu noch dieselben Joseff-of-Hollywood-Ohrringe wie Grace Kelly damals in den Filmen „Bei Anruf Mord“ (1953) oder „High Society“ (1956). Im Band „Vivienne Westwood & Jewelry“ von Alexander Fury (Thames & Hudson, 58,95 Euro) findet man den dreireihigen Perlen-Choker mit Strassreichsapfel von 1990 – inzwischen ein Klassiker, der immer noch in der Kollektion ist –, außerdem weitere Kreationen wie die Büroklammer-Ohrringe, die Kette mit dem „Chaos“-Schriftzug oder die „Simone“-Ohrringe aus recycelten Dosen.Günstige Materialien machen solch expressive Schmuckexperimente erst möglich, sie erlauben wilde Farben und Formen: Tiere, Musikinstrumente, Zeichentrickfiguren, Slogans. Oder, wie es Victoire de Castellane formuliert, die 14 Jahre lang als Schmuckdesignerin bei Chanel und Christian Dior tätig war: „Modeschmuck ist mehr noch als aus Edelsteinen oder Gold gefertigter Schmuck, Flucht aus der Konvention in ein Wunderland, in dem die Grenzen zwischen Natur und Künstlichkeit verschwimmen.“ Modeschmuck ist Kunst und Klumpatsch. Berühmte Designer wie Miriam Haskell (1899–1981) oder Kenneth Jay Lane (1932–2017) ließen sich von Kunst, Möbeln und Teppichen inspirieren, von Reisen in ferne Länder und von Zoobesuchen. Die Gegenwart feiert den Modeschmuck. Seit Lady Gaga im Jahr 2021 zur Amtseinführung von Joe Biden eine übergroße Brosche in Form einer Friedenstaube des aktuellen Schiaparelli-Kreativdirektors Daniel Roseberry am Revers trug, boomt diese Kategorie des modischen Accessoires nicht nur in Form von billigem Kaufhaus-Frissel, sondern als flamboyante Statement Pieces, die in Vintage-Läden zu stattlichen Preisen angeboten werden. Unerwartete Ergebnisse bei AuktionenModeschmuck „als Mittel zum Ausdruck individuellen Stils“ sei insbesondere in der Generation Z beliebt, sagt Christian Sicard, Spezialist für diesen Bereich beim Pariser Auktionshaus Le Brech. Die heutigen 25- bis 35-Jährigen seien bereit, für besondere Stücke – große Ketten, auffällige Broschen, lange, aufwendige Ohrringe – viel Geld auszugeben, beliebt seien Objekte aus den Jahren 1950–1980, auf Auktionen habe sich der Marktpreis vervielfacht. So erzielte ein Paar Chanel-Ohrclips aus dem Jahr 1948, von Lina Baretti entworfen, der mysteriösen, 1994 verstorbenen Grande Dame des Modeschmucks, die auch für Balenciaga tätig war, 2022 nicht die erwarteten 300 Euro, sondern 5700 Euro. In New York versteigerte das Auktionshaus Christie’s Ende 2025 die Sammlung von Susie Hoimes. Die in Kenia geborene Britin Hoimes gilt als eine der wichtigsten Modeschmuckexpertinnen; ihr Geschäft MDVII in San Francisco (1990–2021) war weltweite Anlaufstelle für Sammler von Vintagestücken von Designern wie Chanel, Dior, Pierre Cardin und Yves Saint Laurent. Ein Paar blau-silberner Glas- und Strass-Ohrringe von Chanel (1950) kam anstatt der erwarteten 2000–3000 Dollar am Ende für über 5000 Dollar unter den Hammer. Im Juli waren Schmuckstücke der bebrillten Stilikone Iris Apfel (1921–2024) vom Auktionshaus Doyle versteigert worden, ein Konvolut aus neun bunten Tutti-Frutti-Schmuckstücken, vornehmlich aus Glasperlen, war einem Käufer nicht die geschätzten 300–500 Dollar wert, sondern 6400 Dollar. Doch nicht nur der Vintage-Sektor boomt: Eine aktuelle Marktstudie prognostiziert ein Wachstum des globalen Modeschmucksektors von 37,2 Milliarden US-Dollar im Jahr 2024 auf 61,5 Milliarden bis zum Jahr 2033. Es gibt kein Modelabel, das nicht auch entsprechenden Schmuck im Portfolio hat, seien es Filialisten wie H&M oder Luxushäuser wie Loewe.Der opulente Band „Costume Jewelry“ präsentiert die Modeschmuck-Kollektion der in Turin lebenden Kunstsammlerin, Museumsbesitzerin und Mäzenin Patrizia Sandretto Re Rebaudengo (66): etwa 600 Schmuckstücke aus den 1930er-Jahren bis heute. Er erklärt die Bandbreite von Modeschmuck vom banalen Kaufhaustrash bis zur Kunstform, und warum der Modeschmuck nur im Amerika der 1920er- und 1930er-Jahre entstehen konnte: als erschwingliches und nicht an den gehobenen sozialen Status gebundenes Accessoire für die moderne, da freie und arbeitende Frau. Furys Westwood-Buch bildet eine andere Facette ab, es geht um Punk, Protest und die Radikalisierung von Schmuck. Es zeigt Westwoods Kreationen aus subversiven, da unkonventionellen Materialien, wie sie in krempeligen Schubladen herumfliegen, Nieten, Sicherheitsnadeln, Stoffreste, grob aber trotzdem „ästhetisch“.Modeschmuck bedeutet Konsum, Schnelllebigkeit und Jugend – bis heute. Seine Entstehung fällt in die Zeit der Flapper Girls, der beginnenden Emanzipation der Frau und einem neuen, modernen Wunsch nach Glamour. Einst war Schmuck, das Tragen von Perlen, Edelsteinen und Juwelen, ein Zeichen besonderer sozialer, gar göttlicher Auserwähltheit, signalisierte Adel, hohe Geburt, besondere Fähigkeiten. In Shakespeares „The Winter’s Tale“ erfährt die als Baby verschleppte Perdita von ihrer königlichen Herkunft, als sich in ihrem Besitz ein mit Edelsteinen besetzter Pelz findet; Familienväter schenkten ihren Frauen, Müttern, Töchtern, Schwestern und heimlichen Geliebten an besonderen Tagen besonderen Schmuck aus kostbaren Materialien.Coco Chanel machte Modeschmuck salonfähigDann kamen die späten 1920er und frühen 30er-Jahre, die Zeit nie dagewesenen Konsums, neuer Kaufhäuser, Cadillac-Fahrten und Cocktailpartys. Junge Amerikaner waren mobil, so erklärt es „Costume Jewelry“-Autorin Carol Woolton, verreisten, verlangten nach Schmuck, der auch tagsüber tragbar war. New York City war Zentrum des Modeschmuckdesigns, hier entstanden kühne und erschwingliche Stücke, passend zum Zeitgeist. Designer der Haute Couture wie Coco Chanel und Elsa Schiaparelli nahmen den Trend auf, Chanel machte den Modeschmuck als passendes, kurzlebiges Accessoire für ebenso kurzlebige, schöne Outfits salonfähig, aus Fake wurde Luxus.Lesen Sie auch„Modeschmuck“, sagte Coco Chanel, die selbst gern Kunstperlen trug, manchmal gemischt mit echten Perlen, „ist nicht dazu da, Frauen eine Aura von Reichtum zu verleihen, sondern um ihre Schönheit hervorzuheben.“ Modeschmuck ist für alle, ist inklusiv, bedeutete die Demokratisierung von Luxus und das Gefühl der Teilhabe an dem Glamour derer, die sonst unerreichbar sind. Carol Woolton erklärt den Trend ähnlich wie Auktionshaus-Spezialist Christian Sicard: Modeschmuck sei „heute noch aktuell und wird von nachhaltig denkenden, modebewussten Millennials oder Sammlerinnen der Generation Z entdeckt, die auf Recycling und Upcycling setzen und wie die Amerikanerinnen der 1930er- und 1940er-Jahre etwas suchen, das in besonderer Weise zu ihrer Persönlichkeit passt und ihnen einen eigenen, unverkennbaren Stil verleihen könnte.“ Und auch wenn manche Stücke bei Auktionen unerwartete Höchstpreise erzielen: Bei der jüngsten Schmuck-Versteigerung des Pariser Hauses Le Brech gab es außergewöhnliche Stücke unterschiedlichster Spielarten auch zu erschwinglichen Preisen – vom üppigen Collier mit bunten Papageien, Delfinen, Schildkröten bis zu großen Chanel-Perlen-Ohrclips, Kostenpunkt jeweils 80 Euro. Zum Vergleich: Für ein Glasperlen-Armband mit Strasselementen aus der aktuellen Cruise-Kollektion 2025/26 verlangt Chanel 670 Euro.Modeschmuck – auch wenn nicht unbedingt jener, der im Kaufhaus am Ständer direkt neben dem Eingang hängt –, ist wunderbar, ist ewige Märchendisko aus Glitz und Glam, ist Kunst, er gehört auf Laufstege, wo er die Kollektionen komplettiert, und als aufwendige Vintagestücke in Museen. Das heutige Verlangen danach steht aber auch für den Identitätswahn unserer geltungssüchtigen Gegenwart, narzisstisch und egoistisch leuchtend.
Schmuck: Fake, aber fabelhaft – die Renaissance des Modeschmucks - WELT
Messing statt Gold, Strass statt Diamanten, Glas statt Smaragde: Modeschmuck machte vor rund 100 Jahren Luxus erschwinglich. Heute entdecken Millennials und Gen Z den Reiz der oft expressiven Stücke neu. Eine kurze Kulturgeschichte.






