PfadnavigationHomeDebatteArtikeltyp:MeinungArbeitsmarktDie „Aktivrente“ kann nur ein erster Schritt seinVeröffentlicht am 05.01.2026Lesedauer: 3 MinutenWELT-Chefökonomin Dorothea SiemsQuelle: Claudius Pflug/WELTWer im Rentenalter weiterarbeitet, wird künftig mit einem stattlichen Steuerfreibetrag belohnt. Arbeitgeber sollten diese Neuregelung nutzen, um Fachkräfte zu halten. Das wahre Problem aber ist die Frühverrentung.Die „Aktivrente“ startet. Gemeint ist der neue Steuerfreibetrag von monatlich 2000 Euro für Arbeitnehmer, die nach dem Erreichen der gesetzlichen Altersgrenze weiterarbeiten. Die Bundesregierung will mit diesem Lockangebot die dringend benötigten Fachkräfte länger am Arbeitsmarkt halten. Denn die Wirtschaft fürchtet immer größere Personalnöte, wenn in den nächsten Jahren die in den 60er-Jahren geborenen Babyboomer in den Ruhestand gehen. Schon heute schließen Handwerksbetriebe, Arztpraxen und Restaurants, weil die Alten aufhören und niemand nachrückt. Für viele mittelständische Industriebetriebe ist der Fachkräftemangel zunehmend existenzbedrohend.Vor diesem Hintergrund erscheint jedes probate Mittel recht, die zahlenmäßig größte Generation, die jemals in Deutschland gelebt hat, länger in Beschäftigung zu halten. Wirtschaft und Wissenschaft bezweifeln allerdings, dass die „Aktivrente“ große Wirkung entfaltet. Das liegt zum einen daran, dass der stattliche Steuerbonus nur bei einer sozialversicherungspflichtigen Weiterarbeit gewährt wird. Damit fallen Selbstständige, Beamte und Minijobber weg. Zum anderen – und dieser Grund wiegt noch schwerer – muss die reguläre Altersgrenze erreicht sein, die derzeit bei gut 66 Jahren liegt und bis 2031 auf 67 Jahre ansteigt.Lesen Sie auchDeutschland ist jedoch ein Land der Frührentner: Rund 60 Prozent nutzen die Möglichkeit, sich vorzeitig aus dem Arbeitsleben zu verabschieden. Und in der aktuellen Wirtschaftsflaute schicken wieder besonders viele Konzerne ihre Senioren über attraktive Altersteilzeitprogramme weit vor dem Rentenalter nach Hause. Die Chefin der Bundesagentur für Arbeit, Andrea Nahles, die einst als SPD-Arbeitsministerin die abschlagsfreie Rente mit 63 durchgesetzt hatte, beklagt heute die unselige Frühverrentungspraxis, die für die Sozialversicherungen eine enorme Belastung ist. Doch die Koalitionäre lassen die Scheunentore weit offen – und Beschäftigte und Personalchefs nutzen die Großzügigkeit der Sozialkassen gerne.Wenn Babyboomer dieser Tage auf alte Freunde treffen, dann kommen sie früher oder später auf die Rente zu sprechen. Und oft entbrennt ein Wettstreit darüber, wer mit den geringsten Einbußen am frühesten in die Altersfreizeit eingetaucht sei. Wenn die Bundesregierung das Arbeiten im Alter wirklich fördern wollte, müsste sie als Erstes die Frührente stoppen. Denn wer einmal im Ruhestand ist, wird nach mehreren Jahren kaum an den Arbeitsmarkt zurückkehren. Bevölkerungsforscher wissen, dass es vor allem das soziale Umfeld ist, das darüber entscheidet, wie lange man berufstätig bleibt. Wenn Freunde und Ehepartner von Reisen und Hobbys erzählen, lockt das viele Ältere wahrscheinlich mehr als die Aussicht auf einen Steuernachlass als Belohnung für das Arbeiten im Rentenalter. Die Koalition muss die Frührente stoppenTrotz aller Bedenken bietet die Aktivrente aber zumindest die Chance, den dringend nötigen Kulturwandel bei der Beschäftigung Älterer zu fördern. Denn Deutschland ist bekanntlich auch ein Land der Steuersparer. Arbeitgeber, die ihre erfahrenen Senioren halten wollen, sollten für die Neuregelung offensiv werben. Vor allem müssen die Chefs frühzeitig ihre älteren Beschäftigten ansprechen. Denn wer mental schon im Ruhestand weilt, lässt sich schwerer zum Bleiben motivieren. Die größte Hoffnung aber bleibt, dass die Koalitionäre angesichts der Dauerkrise des Wirtschaftsstandorts 2026 doch noch den Mut finden, die Frührente zu stoppen. Dann könnte die Aktivrente tatsächlich ein Erfolgsschlager werden.
Arbeitsmarkt: Die „Aktivrente“ kann nur ein erster Schritt sein - WELT
Wer im Rentenalter weiterarbeitet, wird künftig mit einem stattlichen Steuerfreibetrag belohnt. Arbeitgeber sollten diese Neuregelung nutzen, um Fachkräfte zu halten. Das wahre Problem aber ist die Frühverrentung.






