PfadnavigationHomeICONISTGesellschaftGeruchsconnaisseureRiechen, unsere völlig unterschätzte SuperkraftVon Frank LorentzVeröffentlicht am 25.12.2025Lesedauer: 7 MinutenRiechen ist der einzige Sinneseindruck, der ohne vom Verstand gefiltert zu werden ins emotionale Zentrum des Gehirns wandertQuelle: AP/Martin MeissnerGerüche dringen direkt ins Gehirn und beeinflussen das Verhalten, doch ihre Wirkung wird oft noch unterschätzt. Warum sich das gerade ändert, zeigt ein Treffen mit zwei Spezialisten, die sich der Erforschung und der Erzeugung von Düften widmen. Von Aalen, Kate Middleton und der Kunst der Verführung.An einem Freitagvormittag im November hat Robert Müller-Grünow einen außergewöhnlichen Job zu erledigen. Der Kölner Fachmann für Duftkommunikation – er entwickelt Düfte im Auftrag von Unternehmen und stellt Geräte her, um sie dezent verströmen zu lassen – steht in der ersten Etage im Düsseldorfer Kunstpalast, wo sich die Sammlung des Hauses befindet. Sie enthält 800 Kunstwerke, von der Antike bis zur Gegenwart. Derzeit sind es noch etwas mehr, denn Müller-Grünow schlüpfte auf Wunsch von Museumschef Felix Krämer in die Rolle eines Kurators und fügte eine Parallelausstellung hinzu. Titel: „Die geheime Macht der Düfte“ (bis 8. März 2026). An 27 Stationen kann man in die Geschichte der Düfte eintauchen – ein wahrhaftiger Schnupperkurs.Lesen Sie auchSo erfährt man beispielsweise, welches Parfüm für die 1920er-Jahre typisch war, als Frauen öffentlich zu rauchen begannen und ein neues, rebellisches Selbstbewusstsein zur Schau trugen („Tabac Blond“ vom französischen Hersteller Caron, ein Raum ist damit beduftet). Oder wie es auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs roch (nach feuchter Erde, Schweiß, Blut, verwesendem Fleisch).Eine solche Ausstellung habe es seines Wissens noch nicht gegeben, sagt Müller-Grünow und späht über das Geländer des Atriums nach unten, ins Foyer. Aha, da ist er. Der Mann, dem er gleich eine Privatführung geben wird: Hanns Hatt, Prof. Dr. Dr. Dr., Zellphysiologe an der Universität Bochum, Jahrgang 1947, und einer der ganz, ganz wenigen international renommierten Geruchsforscher. Hanns Hatt durch eine Ausstellung über die Geschichte der Düfte zu führen, das ist ungefähr so, als würde man einem Spitzenfußballer und Obertechniker wie Jamal Musiala die Geschichte des Dribblings nahebringen.Je entwickelter eine Gesellschaft, desto weniger riecht sieDer Mensch riecht rund um die Uhr. Solange er atmet, nimmt er Gerüche wahr (Erkältungstage ausgenommen). Riechen ist der einzige Sinneseindruck, der auf direktem Weg – ohne vom Verstand gefiltert zu werden – ins limbische System wandert, das emotionale Zentrum des Gehirns. Folge: Kann eine Person eine andere buchstäblich nicht riechen, ist die Beziehung hinüber. Und umgekehrt: Zwei, die sich gut riechen können, passen zusammen. Trotz ihrer fundamentalen Bedeutung fürs Zwischenmenschliche handelt es sich beim Geruchssinn um eine unterschätzte Art der Wahrnehmung. Müller-Grünow hat dazu eine These: Je entwickelter eine Gesellschaft, desto weniger ist sie auf den Geruchssinn angewiesen, um im Alltag klarzukommen. Naturnah lebende Völker in Asien oder Südamerika haben ein eigenes Vokabular, um Düfte zu bezeichnen. Sie orientieren sich an Gerüchen, leben im Wortsinn „der Nase nach“. Wir nicht. Wir haben kein solches Vokabular.Wenn wir einen Geruch beschreiben, wählen wir Wörter, die eigentlich in andere Kontexte gehören: blumig, holzig, faulig, frisch. Müller-Grünows Schlussfolgerung, formuliert in seinem Bestseller „Die geheime Macht der Düfte“, welcher der Düsseldorfer Ausstellung den Namen gab: „Wir wissen, dass wir viel mehr riechen könnten, wenn wir nur wollten.“Die Corona-Zeit markiere einen Wendepunkt, erzählt Hanns Hatt, als die ersten Museumsräume abgeschritten und durchschnuppert sind. Seitdem gewinne der Geruchssinn an Stellenwert, sei nicht mehr ganz so unterschätzt. Millionen erkrankter Menschen hätten am eigenen Leib erfahren, welche Einschränkung an Lebensqualität es bedeutet, wenn man plötzlich nicht mehr riechen und schmecken kann (jedes Geschmackserlebnis besteht zum Großteil aus Riechen). Da geht eine Menge Erinnerung über den Jordan. Und eine Menge Emotion.Lesen Sie auchNach seinen Worten erzeugen Duftstoffe ein Muster im Gehirn, das abgespeichert wird und wiedererweckt werden kann. Wunder des limbischen Systems! So kann es geschehen, dass wir einen bestimmten Geruch in der Nase haben und uns jäh in die Vergangenheit zurückversetzt fühlen. Womöglich ist die anhaltende Beliebtheit von Weihnachtsmärkten darauf zurückzuführen, dass sie mit ihren typischen Gerüchen nach Zimt, gebrannten Mandeln und Tannengrün Gehirnareale aktivieren, die uns in vergangen geglaubte Zeiten entführen, welche tief in uns wundersamerweise unverändert präsent sind.Riechen – ein komplexer Vorgang. Grob zusammengefasst, funktioniert er so (ausführlicher nachzulesen in Hatts Werk „Das kleine Buch vom Riechen und Schmecken“): Alles, was duftet, gibt winzige Duftmoleküle in den Raum ab. Wie Staubkörner schwirren sie umher. Beim Einatmen treffen sie auf die 30 Millionen Riechzellen in der Nasenschleimhaut (je 15 Millionen links und rechts). Aus jeder Zelle wachsen Fäden, an denen Riechrezeptoren sitzen. Hier docken die Moleküle an. Jeder Mensch besitzt 350 verschiedene Rezeptoren, jeder passt zu genau einem Molekül. Zu Vanille. Oder zu Moschus.Jede Riechzelle wiederum ist mit einem – und nur einem – Rezeptor ausgestattet. Da manche Düfte aus zwei, drei Molekülen zusammengesetzt sind, andere hingegen aus ein paar Dutzend, ergibt sich eine astronomisch hohe Zahl an Kombinationsmöglichkeiten sowie an Düften, die der Mensch voneinander zu unterscheiden imstande ist.Ein Schäferhund hat 200 Millionen Riechzellen und 1000 Rezeptoren, deshalb riecht er noch viele Tausend Mal besser als der Mensch. Den besten Geruchssinn hat der Aal (eine Milliarde Riechzellen): Er würde es erschnuppern, wenn man einen Fingerhut Rosenwasser in ein Gewässer kippte, das dreimal so groß wie der Bodensee ist.Lesen Sie auchRiechrezeptoren befinden sich beim Menschen nicht nur in der Nase. Bis zu 30 sind über den ganzen Körper verteilt. Das heißt: Düfte gelangen sowohl über die Atmung als auch über die Haut und den Magen-Darm-Trakt in unser Blut und entfalten dort ihre Wirkung. Von ätherischen Ölen wie Lavendel weiß man schon lange, dass sie Stress lindern. Hanns Hatt wies nach, dass der therapeutische Einsatz von Düften auch bei schweren Erkrankungen sinnvoll sein könnte. Seine Studien ergaben, dass eine bestimmte Prostatakrebszelle, mit einem Maiglöckchenduftmolekül beschossen, zu wachsen aufhört.So wie Hatt die Wissenschaft vom Riechen prägt, ist Müller-Grünow, Jahrgang 1968, studierter Betriebswirt und Inhaber der Firma Scentcommunication, einer der wenigen, die sich in der Welt der Duftkommunikation auskennen. In seiner Branche geht es um den Einsatz von Düften mit dem Ziel, Botschaften zu transportieren. Für die Telekom entwickelte er zusammen mit dem Parfümeur Geza Schön einen Duft, der auf dem Aromamolekül „Iso E Super“ basiert – synthetisches Sandelholz. Wie Waldbaden. Man kommt sofort zur RuheSeit Neuestem kommt er in den Flagship-Stores des Konzerns zum Einsatz. Motto: Wo es gut riecht, da fühle ich mich wohl, da lasse ich gern mein Geld. Weltweit gebe es rund 500 Parfümeure, sagt Müller-Grünow. „Die Zahl der Astronauten ist größer.“ Und von den 500 seien nur wenige richtig gut. Geza Schön ist spätestens seit 2006 eine der größten Nummern unter den Duftkünstlern: In dem Jahr erschien sein aus einem einzigen Molekül – ebenfalls Iso E Super – bestehendes Parfüm „Molecule 01“.Für Eurowings ließ Müller-Grünow jüngst einen Duft zusammenstellen, bestehend unter anderem aus rosa Pfeffer, Basilikum und Meersalz, der beim Boarding zu schnuppern ist. Für die Ausstellung im Düsseldorfer Kunstpalast entwickelte er ein hauseigenes Parfüm mit folgender Duftnote: „Natur und Innerlichkeit. Wie Waldbaden. Man kommt sofort zur Ruhe.“ Lesen Sie auchAls der britische Thronfolger Prinz William in der Londoner Westminster Abbey Kate Middleton heiratete, war es Müller-Grünow, der in der berühmten Kirche einen Duft verbreiten ließ: Kate Middletons Lieblingsparfüm „White Gardenia Petals“. Pionier auf dem Nischenmarkt der High-End-Raumbeduftung ist das US-Modelabel Abercrombie & Fitch. Es begann in den 1990er-Jahren, Düfte in seinen Läden zu versprühen. Manch einer mag das alles hochgradig manipulativ finden. Letztlich aber ist es nur Marketing: der Versuch, für andere attraktiv zu erscheinen und die Nase vorn zu haben. Ein Mensch, der sich parfümiert, hat nichts anderes im Sinn.Lesen Sie auchZweieinhalb Stunden dauert die Privatführung, das Gipfeltreffen der Geruchsconnaisseure. Keine Schnupperstation wird ausgelassen, jedes Molekül liefert Anlass zu Fachsimpelei. Am Schluss erfährt sogar Hanns Hatt etwas Neues. In einer Vitrine hat Müller-Grünow den Prototypen eines Gerätes ausgestellt, an dessen Entwicklung er gerade arbeitet: „Brainscent“. Das Gerät enthält drei Kartuschen, die jeweils einen bestimmten Duft freisetzen. Nachts mit beruhigender Wirkung, tagsüber die Konzentrationsfähigkeit steigernd. Informationen darüber, welcher der drei Düfte gerade am besten geeignet ist, um das persönliche Wohlbefinden zu steigern, übermittelt beispielsweise ein am Finger zu tragender Smart Ring, der die Körperfunktionen KI-gesteuert misst.Hanns Hatt, ehemals Präsident der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste und mit etlichen Auszeichnungen dekoriert, möchte das Gerät am liebsten direkt haben. Klar: Die Grundlagenforschung dafür stammt maßgeblich von ihm selbst.