Lea Drinda ist der Shooting Star unter den deutschen Schauspielerinnen im Jahr 2025. Sie ist eine der vier Hauptdarstellerinnen des Films „In die Sonne schauen“, der für den Auslands-Oscar im Rennen ist. Zudem ist ab 12. Dezember ihre schwarze Komödie „Danke für Nichts“ in der ZDF-Mediathek. Ein Treffen in Paris.In die Sonne hat sie schon geschaut – der Film, in dem Lea Drinda mitspielt, hat den Jurypreis von Cannes gewonnen und ist für den Oscar nominiert. Für ICON, das Luxusmagazin von WELT, blickte die 24-Jährige in die Kamera: als Model für die aktuelle Louis-Vuitton-Kollektion. Das Shooting im vornehmen Pariser „Hôtel Particulier“ unweit des Place du Palais Bourbon ist gerade beendet. Es ist noch etwas Zeit, bis die deutsch-spanische Schauspielerin von einem Wagen zum Flughafen gebracht wird, um den letzten Abendflieger zurück nach Berlin zu erreichen. Wir setzen uns in ein Café an der Ecke der Rue de Grenelle und lassen den Tag Revue passieren.WELT: In dem Film „In die Sonne schauen“, der jetzt als deutscher Beitrag zu den Oscars soll, geht es viermal um junge Frauen, die gemeinsam haben, dass sie alle zu verschiedenen Zeiten auf demselben Hof in der Altmark an der Grenze zu Polen leben - von vor dem Ersten Weltkrieg bis heute. Sie verkörpern dabei eine junge Frau in den 1940ern, deren erotische Neugier erwach, die aber mit bestimmten Erwartungen an sich kämpfen muss. Was hat Sie daran besonders gereizt? Lea Drinda: Mich hat interessiert, dass der Film nicht mit erhobenem Zeigefinger darauf hinweist, was Frauen erleben, sondern dass man es fühlt. Als Schauspielerin war das erstaunlich einfach, weil es in den Szenen sehr fein und sanft angelegt war. Aber im Zusammenschnitt über fast 160 Minuten entfaltet sich eine unglaubliche Wucht – man begreift, wie schmerzhaft die weibliche Existenz sein kann. Gleichzeitig liegt in ihr auch eine große Schönheit. Diese Ambivalenz hat mich sehr berührt.WELT: Haben Sie sich während der Dreharbeiten manchmal selbst in Konflikt mit der Figur erlebt?Drinda: Konflikt klingt fast zu hart. Natürlich gab es Momente, in denen die Figur Dinge tat, die ich selbst vielleicht anders entschieden hätte. Aber die Szenen waren so präzise geschrieben, dass ich mich selten fremd fühlte. Und wenn doch, war genau das spannend: sich in ein Feld zu begeben, das einem zunächst fremd ist. Da lernt man über sich selbst – wovor man Angst hat, wofür man sich schämt. Man entdeckt Grenzen, geht über sie hinaus. Wichtig ist, dass vorher klar ist, womit man sich bei Themen wie Nacktheit oder Intimität wohlfühlt. Das war bei diesem Projekt immer gegeben.Lesen Sie auchWELT: Der Film wirkt fast wie ein Dialog mit einer anderen Zeit. Hat er Ihr Verständnis von weiblicher Emanzipation geprägt?Drinda: Ich habe mich schon in meiner Jugend stark von der Idee der Weiblichkeit distanziert, weil ich nicht einsehen wollte, was mir zugeschrieben wurde, wie ich mich zu verhalten hätte. Heute versuche ich, Weiblichkeit zurückzugewinnen – als etwas Starkes, Sensibles. Der Film hat diesen Prozess bestärkt. Gleichzeitig habe ich gemerkt: Man braucht nicht immer alle historischen Fakten im Kopf. Wenn man anfängt zu denken, sieht man es auf der Kamera. Man soll fühlen. Das war für mich entscheidend. Ich fand es auch bei unserem Mode-Shooting spannend, einmal als erwachsene Frau inszeniert zu werden, oft werde ich in Filmen ja noch gern als minderjähriger Teenager besetzt.WELT: Sie haben im Vorgespräch von transgenerationellen Traumata gesprochen. Spüren Sie die in Ihrer eigenen Familie?Drinda: Ja, auf jeden Fall. Traumata übertragen sich auf zwei Ebenen: durch Verhalten und Psyche, aber auch körperlich. Wer im Krieg Hunger erlebt hat, hebt alles auf – und die nächste Generation versucht, Ballast wieder loszuwerden. Manche Muster versteht man erst, wenn man in die Familiengeschichte schaut. Es gibt auch eine epigenetische Dimension: Erlebter Schmerz wird in den Genen weitergegeben. Manchmal spürt man etwas, ohne den Grund zu kennen. Wenn man dann weiß, was Großeltern oder Urgroßeltern erlebt haben, kann man eigene Verklemmungen besser einordnen. Ganz lösen kann man sie selten – aber man findet einen Umgang.WELT: Mit dem Film waren Sie auch in Cannes. Wie haben Sie das Festival erlebt – eher als glamourösen Ausnahmezustand oder als Ort des künstlerischen Austauschs?Drinda: Beides. Cannes ist wie ein Fiebertraum. Ich war nur kurz dort, kam direkt vom Set und musste danach wieder weiterdrehen. Es war überwältigend: vormittags Sonne und Orientierungssuche – welches Kino, welcher Termin – und nachmittags reihten sich die Kleider und Smokings aneinander. Der rote Teppich war tatsächlich weniger beängstigend, als ich dachte, weil wir als Ensemble gemeinsam gegangen sind. Wir haben uns an den Händen genommen, die Musik unseres Films lief – das war ein Gänsehautmoment.WELT: Welche Begegnungen oder Eindrücke sind Ihnen besonders geblieben?Drinda: Offen gestanden war es so dicht, dass vieles verschwimmt, wie unter Wasser. Aber es gab auch diese Zufälle – dass wir als Frauen alle in Weiß, Rosé oder Champagner auf den Teppich kamen, ohne es abzusprechen. Mein Kleid war von Nicolas Ghesquière persönlich entworfen worden. So habe ich Champagner getragen und getrunken.WELT: Sie arbeiten für den roten Teppich gerne mit Nicolas Ghesquière und dem Team von Louis Vuitton zusammen. Wie erleben Sie diese Zusammenarbeit?Drinda: Das ist ein großes Glück. In einem Raum mit Menschen zu sein, die alle so viel Geschmack haben, führt erstaunlich schnell zu einem gemeinsamen Nenner. Die Arbeit ist sehr personenbezogen: Das Team versucht wirklich, mich zu verstehen und einen Look zu kreieren, der nicht nur die Marke repräsentiert, sondern auch zu mir passt. So entstehen Outfits, in denen ich mich stark und gleichzeitig wohlfühle. Gerade in Cannes habe ich gemerkt, wie viel es ausmacht, wenn man nicht verkleidet wirkt, sondern das Gefühl hat: Das bin ich – nur in einer besonders schönen Form.WELT: Welche Rolle spielt Mode für Sie als Ausdruck Ihrer Persönlichkeit?Drinda: Mode war für mich immer eine zweite Haut, ein Schutzraum. Gerade wenn man sich im eigenen Körper unsicher fühlt, kann Kleidung Sicherheit geben. Durch die Schauspielerei bin ich manchmal etwas verloren – weil ich so viele verschiedene Rollen spiele, weiß ich oft gar nicht mehr, was mein eigener Stil ist. Aber Kleidung kann Identität schaffen, im Privaten wie im Beruf. Heute ist mir Praktikabilität wichtig, gleichzeitig liebe ich Exzentrik. Ich möchte nicht proaktiv auffallen, aber mich auch nicht verstecken. Mode balanciert das aus.WELT: Wonach entscheiden Sie, was Sie morgens anziehen?Drinda: Es muss praktisch sein, aber auch eine Stimmung ausdrücken. Manchmal will man stark wirken – dann ziehe ich einen Blazer und hohe Schuhe an, und plötzlich bin ich einen Kopf größer. Wichtig ist mir auch, dass ich darin rennen könnte. Kleidung darf nie Fessel sein.WELT: Ihr Durchbruch gelang mit „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“. Wie hat die Serie Ihre Haltung zur Schauspielerei geprägt?Drinda: Sie war für mich der Wendepunkt. Ich habe vorher viel Kunst gemacht – Bildhauerei, Zeichnungen, Tätowieren. Aber die Schauspielerei hat mir das Ventil gegeben, das ich gesucht hatte. Mit der Rolle der Babsi wurde mir klar: Genau das will ich tun.WELT: In der ZDF-Serie „Becoming Charlie“ ging es um Identität jenseits klarer Zuschreibungen. Was hat diese Arbeit mit Ihnen gemacht?Drinda: Vieles war mir vertraut. Ich hatte selbst lange Schwierigkeiten mit der Vorstellung, „Frau sein zu müssen“. Deshalb konnte ich die Konflikte der Figur so authentisch darstellen. Gleichzeitig war es befreiend, das öffentlich zu verhandeln – und zu merken, wie wichtig solche Geschichten für viele sind.WELT: Gibt es eine Figur, die Ihnen besonders nah geblieben ist?Drinda: Eigentlich alle – und gleichzeitig keine. Jede Rolle ist ein Teil von mir, und doch nicht ich. Aber einige haben mir besondere Körperlichkeiten geschenkt, andere neue Gefühle. Es ist ein ständiger Lernprozess.WELT: Sie sind zweisprachig aufgewachsen, sprechen unter anderem Valencianisch, eine Variation der katalanischen Sprache. Welche Bedeutung hat das für Sie?Drinda: Meine Mutter ist aus der Region Valencia, ihre Muttersprache ist Valencianisch – und sie hat von Anfang an entschieden, nur so mit uns zu sprechen. So bin ich zweisprachig aufgewachsen, später kamen Spanisch, Französisch und Englisch dazu. Heute spreche ich fünf Sprachen. Es prägt mein Selbstverständnis stark: Jede Sprache öffnet eine andere Persönlichkeit, eine andere Welt.WELT: Und zum Schluss: Was steht als Nächstes an?Drinda: Ich habe für Disney+ die Serie „City of Blood“ gedreht – ein wilder Mix aus Klimakrise, Politik und Vampiren, u.a. mit Lars Eidinger. Und bald beginne ich die zweite Staffel von „Where’s Wanda“ für Apple TV. Daneben freue ich mich auf „Kalter Hund“, einen Arthouse-Film mit Corinna Harfouch, der auf Festivals laufen wird.WELT: Gibt es Kolleginnen, die für Sie Vorbilder waren oder die Sie in Ihrer Arbeit geprägt haben?Drinda: Es gibt Schauspielerinnen, die mich sehr beeindrucken. Gena Rowlands etwa, deren Präsenz und Verletzlichkeit ich bewundere. In dem Blumenkleid von Louis Vuitton habe ich mich ein wenig wie sie gefühlt. Oder auch Nicole Kidman, die eine enorme Bandbreite hat und sich immer wieder neu erfindet. Für mich sind solche Frauen nicht nur Vorbilder im Schauspiel, sondern auch in der Haltung zum Leben. Sie zeigen, dass man sich als Künstlerin immer wieder neu erfinden darf, ohne sich selbst zu verlieren.WELT: Wohin möchten Sie sich künstlerisch entwickeln?Drinda: Ich bin dankbar, dass ich so früh schon so unterschiedliche Rollen spielen durfte. Im Kern will ich einfach weiter lernen, mit jeder Rolle, jedem Film. Das ist für mich das Schönste an diesem Beruf. Wenn es mir erlaubt wird, wenn man mich will – dann gebe ich dieser Arbeit alles. Fotos: Markus Jans für ICON; Styling & Text: Clark Parkin; alle Looks: Louis Vuitton; Haare: Fabien Renna; Make-up: Giulia Sterza; Styling-Assistenz: Nicolas Klam