PfadnavigationHomePanoramaZweiter Prozesstag„Dann habe ich einfach Gas gegeben“ – Täter schildert Anschlag in MagdeburgVeröffentlicht am 11.11.2025Lesedauer: 4 MinutenLutz Stordl berichtet aus Magdeburg. Wegen Sicherheitsbedenken ist die Genehmigung für den Weihnachtsmarkt gestoppt. Ein Markt schaffe allein schon ein „Ziel eines terroristischen Anschlages“, hieß es. Parallel läuft der Prozess gegen Attentäter Taleb al-Abdulmohsen.Der Todesfahrer von Magdeburg hält im Prozess zunächst wirre Vorträge, schwadroniert von Galilei, Hawking und Einstein. Später spricht Taleb al-Abdulmohsen aber auch über den Anschlag auf den Weihnachtsmarkt.Der Todesfahrer von Magdeburg hat versucht, den zweiten Prozesstag zum Anschlag auf den Weihnachtsmarkt zur Selbstdarstellung zu nutzen. Dabei setzte der Angeklagte Taleb al-Abdulmohsen seine Aussage zunächst fort, ohne wirklich auf den Anschlag am 20. Dezember 2024 mit sechs Toten und über 300 Verletzten einzugehen. Die Anklage wirft dem Mann aus Saudi-Arabien unter anderem vollendeten Mord in sechs Fällen und versuchten Mord an weiteren 338 Menschen vor. Erst später äußerte er sich dann zur Tat.Der Vorsitzende Richter Dirk Sternberg ermahnte den 51-Jährigen zu Beginn, zum Geschehen und der Vorgeschichte auszusagen – statt in politische Äußerungen abzuschweifen. Zudem warnte er den Angeklagten, einen zur Verfügung gestellten Laptop während der Verhandlung zu nutzen, um politische Aufrufe zu formulieren.Am ersten Prozesstag hatte al-Abdulmohsen diesen hochgehalten und „Sept. 2026“ war zu lesen. „Da ist die nächste politische Wahl in Sachsen-Anhalt“, erklärte der Angeklagte, der als Islamkritiker bekannt ist. Am 6. September 2026 wird in Sachsen-Anhalt ein neuer Landtag gewählt.Angeklagter kündigt Hungerstreik anUnbeeindruckt zeigte sich das Gericht zunächst von der Ankündigung des Angeklagten, erneut Nahrung zu verweigern. „Sie haben es nicht in der Hand, durch Hunger- oder Durststreik die Verhandlung zu verzögern oder zu torpedieren“, betonte Richter Sternberg. Da die Anklage verlesen sei und al-Abdulmohsen Gelegenheit hatte auszusagen, könne die Verhandlung auch ohne ihn fortgesetzt werden, erklärte Sternberg.Der Todesfahrer sagte vor Gericht: „Jetzt mache ich den Hungerstreik seit gestern. Ich will das drei Wochen machen. Man erwartet keine körperlichen Schäden.“Lesen Sie auchAm Montag hatte der 51-Jährige zugegeben, am Steuer gesessen zu haben. „Ich bin derjenige, der das Auto gefahren hat“, sagte al-Abdulmohsen. Weitere konkrete Angaben machte er nicht, auch von Reue war keine Rede. Stattdessen kündigte er zuvor an, sich „stundenlang, vielleicht tagelang“ äußern zu wollen.Lesen Sie auchDabei wird der Angeklagte, der selbst als Psychiater im Maßregelvollzug Bernburg psychisch erkrankte Straftäter behandelte, von einem psychiatrischen Gutachter beobachtet. Er wird an vielen Verhandlungstagen dabei sein und soll sich ein Bild von al-Abdulmohsen machen, der Gespräche mit dem Sachverständigen bislang verweigerte.Dabei geht es vor allem um die Schuldfähigkeit des Angeklagten zum Tatzeitpunkt. Dem Angeklagten droht bei einer Verurteilung auch eine lebenslange Sicherungsverwahrung.Von Galilei, Hawking und EinsteinTeils wirren Äußerungen am ersten Prozesstag folgten bei der Fortsetzung vergleichbare Aussagen zu vermeintlichen Vertuschungsaktionen von Polizeibehörden und Staatsanwaltschaften in Deutschland sowie Korruption.Der Angeklagte erwähnte Forscher wie Galileo Galilei, Stephen Hawking, Albert Einstein, schimpfte über deutsche Behörden und mangelnde Hilfe für saudische Frauen. Er habe aufklären und warnen wollen. Er habe Strafanzeigen gestellt und sei aber nicht gehört worden. Stattdessen wurde er selbst angezeigt, etwa weil er den Notruf 112 missbrauchte.Lesen Sie auchAbdulmohsen hatte sehr viel Kontakt zu verschiedenen Behörden und wurde als sogenannter Vielschreiber eingestuft, wie der parlamentarische Untersuchungsausschuss im Landtag herausgearbeitet hat.Inmitten der oft zusammenhanglos wirkenden Aussagen sagte der 51-Jährige Sätze wie: „Hätte man uns verstanden, hätte ich niemanden getötet und niemanden verletzt.“ Als der Todesfahrer das Wort direkt an die Eltern eines getöteten neunjährigen Jungen richten wollte, schritt Richter Sternberg ein.„Dann habe ich einfach Gas gegeben“Auch die Tat selbst beschrieb al-Abdulmohsen. „Dann habe ich einfach Gas gegeben“, sagte er vor Gericht. Als Auslöser für die Todesfahrt am 20. Dezember 2024 nannte er seine Auseinandersetzungen mit deutschen Behörden und deren mangelnde Hilfe für saudische Frauen. Er habe aufklären und warnen wollen. Er habe Strafanzeigen gestellt und sei aber nicht gehört worden. „Es gab nur zwei Wege: Entweder verlasse ich Deutschland oder ich greife an“, schilderte der 51-Jahre alte Angeklagte aus Saudi-Arabien.Am Tag des Anschlags sei er „kalt wie Eis“ gewesen. Er habe das Gefühl gehabt, „dass er etwas Schreckliches mache“. „In der letzten Sekunde habe ich gesehen, dass es keine Hoffnung gibt“, sagte al-Abdulmohsen. Er sei davon ausgegangen, dass die Polizei ihn erschieße. Al-Abdulmohsen beschrieb, wie er das Lenkrad nach rechts lenkte und auf den Weihnachtsmarkt fuhr. Ihm sei alles zu langsam erschienen. Es sei gewesen, als ginge er über den Weihnachtsmarkt, wie Fahren sei es ihm nicht vorgekommen. „Ich habe keine einzige Verletzung wahrgenommen.“ Erst als er den Weihnachtsmarkt wieder verlassen habe, sei ihm aufgefallen, dass er keinen weiteren Plan habe. Durch die Windschutzscheibe habe er da nur verschwommen sehen können – das Wischwasser sei rot gewesen. Erst da sei ihm klar gewesen, dass Menschen verletzt worden seien. Betroffene, die die Verhandlung persönlich verfolgten, waren sichtlich angefasst. Einige rangen um Fassung. Nur noch wenige Nebenkläger dabeiRund 180 Nebenkläger sind im Verfahren vertreten. Am zweiten Tag kamen etwa 30 Menschen – weniger als zum Prozessauftakt. Die Zuschauerreihen mit 100 Plätzen waren jedoch besser gefüllt.Lesen Sie auchDer Angeklagte wurde auch am zweiten Prozesstag mit einem Hubschrauber von der Haftanstalt Burg nach Magdeburg und dann in den temporären Gerichtssaal gebracht. Der Prozess läuft unter starken Sicherheitsvorkehrungen. Das Landgericht Magdeburg hat bislang knapp 50 Verhandlungstage bis zum 12. März 2026 geplant.dpa/coh
Zweiter Prozesstag: „Dann habe ich einfach Gas gegeben“ – Täter schildert Anschlag in Magdeburg - WELT
Der Todesfahrer von Magdeburg hält im Prozess zunächst wirre Vorträge, schwadroniert von Galilei, Hawking und Einstein. Später spricht Taleb al-Abdulmohsen aber auch über den Anschlag auf den Weihnachtsmarkt.










