PfadnavigationHomeGeschichteThule Air Base1968 stürzte auf Grönland eine US-Stratofortress ab – mit vier Atombomben an BordVeröffentlicht am 21.01.2026Lesedauer: 5 Minuten30. Januar 1968: Generalmajor Richard O. Hunziker, stellvertretender Stabschef für Material des Strategic Air Command, spricht in Thule, Grönland, vor der Presse und einem Team dänischer StrahlenexpertenQuelle: picture alliance/United Archives/kpa KeystoneDokumente, deren Geheimhaltung unlängst aufgehoben wurde, enthalten neue Details zu einem folgenschweren Unglück der US Air Force auf Grönland. Beim Absturz eines Langstreckenbombers wurde viel radioaktives Material freigesetzt – und umgehend die „Operation Crested Ice“ gestartet.Seit Beginn seiner zweiten Amtszeit sorgt US-Präsident Donald Trump mit seinem Vorhaben international für Aufsehen, die Kontrolle über Grönland zu erlangen – notfalls auch mit militärischen Mitteln. Wiederholt kam er Anfang des Jahres 2025 darauf zu sprechen. Zwar wurde es zuletzt still um das Thema, doch in Dänemark, zu dem das autonom regierte Gebiet gehört, glaubt man, dass Trump seine Annexionspläne keinesfalls aufgegeben hat und weiterhin auf eine Übernahme Grönlands hinarbeitet. „Vielleicht haben manche das Gefühl, dass wir aufatmen können. Aber ich glaube: Das können wir nicht“, sagte Dänemarks Premierministerin Mette Frederiksen unlängst.Gänzlich neu ist das (militär-)strategische Interesse der USA an der riesigen Insel zwischen Nordatlantik und Nordpolarmeer indes nicht. Vielmehr reichen entsprechende Beziehungen zwischen Grönland und den USA Jahrzehnte zurück – bis in den Zweiten Weltkrieg. Als Dänemark 1940 von der Deutschen Wehrmacht besetzt wurde, übernahmen die USA die Versorgung Grönlands und schlossen mit dem dänischen Gesandten in den USA Henrik Kauffmann 1941 ein Abkommen zur Errichtung von Basen auf der Insel. Zahlreiche US-Militärstützpunkte wurden daraufhin auf Grönland errichtet. Nach Kriegsende schlugen die USA im Jahr 1946 Dänemark einen Kauf Grönlands vor, was aber auf Ablehnung stieß.Lesen Sie auchStattdessen wurde 1951 ein Verteidigungsabkommen geschlossen, das es den USA erlaubte, weiterhin Militärbasen auf Grönland zu betreiben. Nach dem Ende des Kalten Kriegs zogen sich die Vereinigten Staaten in den 1990er-Jahren weitgehend von dort zurück. Übrig blieb (zumindest offiziell) nur eine US-Präsenz: die Thule Air Base, die 2023 in Pituffik Space Base umbenannt wurde. Im März 2025 besuchte US-Vizepräsident J.D. Vance ebenjene US-Basis im Nordwesten Grönlands und kritisierte die Regierung in Kopenhagen scharf, was dort und auf Grönland selbst mit entsprechendem Ärger zur Kenntnis genommen wurde.Es war nicht das erste Mal, dass es im Zusammenhang mit gerade diesem US-Stützpunkt Verstimmungen gegeben hatte. Bereits kurz nach dem Bau der Thule Air Base 1951 gab es Proteste, weil Bewohner nahegelegener Orte dafür zwangsumgesiedelt wurden; Jahrzehnte später wurden sie dafür entschädigt. Und am 21. Januar 1968 ereignete sich nach einigen kleineren bis mittelschweren Unfällen in den Jahren zuvor nahe der Thule Air Base ein katastrophaler Zwischenfall, der großen materiellen wie diplomatischen Schaden verursachte: der Absturz einer B-52 Stratofortress – mit vier Atombomben an Bord.Lesen Sie auchAn Bord des Langstreckenbombers der US Air Force war während des Flugs ein Feuer ausgebrochen, sodass die sieben Besatzungsmitglieder entschieden, das Flugzeug aufzugeben und sich per Fallschirm zu retten, wobei einer der Männer beim Ausstieg tödlich verunglückte. Die führerlose Maschine schlug in einer vereisten Bucht zwölf Kilometer westlich der Thule Air Base auf, wobei die konventionellen Sprengladungen der Wasserstoffbomben explodierten und giftiges, radioaktives Plutonium freisetzten, das sich in der Umgebung kilometerweit verteilte.Lesen Sie auchSchnelle und effektive Schadensbegrenzung war nun das Gebot der Stunde, und umgehend wurde die aufwendige „Operation Crested Ice“ gestartet, um die Trümmer und das kontaminierte Material einzusammeln, bevor das Eis schmelzen würde. Viele Informationen dazu sind seit Jahrzehnten bekannt, aber einige zuvor geheime US-Dokumente zum Thule-Zwischenfall und seinen Folgen wurden erst kürzlich freigegeben. Das National Security Archive, eine Einrichtung der George Washington University, hat diese jetzt ausgewertet und erstmals veröffentlicht.Die Papiere zeigen, dass die dänische Seite in dieser Krise durchaus in der Lage war, Druck auf die USA auszuüben, da diese das Fortbestehen des Vertrags über die US-Präsenz auf Grönland von 1951 tunlichst nicht in Gefahr bringen wollten. So erwirkte Dänemark, dass das radioaktiv kontaminierte Material und die Trümmer nicht etwa auf der Insel vergraben wurden (wie von den USA präferiert), sondern in versiegelten Spezialcontainern in die USA verbracht werden sollten – alles in allem ein Volumen von 10.000 Kubikmetern. Bis zum Spätsommer 1968 transportierte die US Air Force tausende Tonnen Atommüll in Endlager des US-Bundesstaats South Carolina ab. Dabei konnte jedoch nicht sämtliches Material gefunden und entsorgt werden, darunter Bombenteile, die auch unter Wasser mit einem U-Boot vergeblich gesucht wurden. Spätere Berichte, in Wahrheit sei eine vollständige Atombombe verloren gegangen, erwiesen sich aber als falsch.Neben dem Umweltdesaster galt es gleichzeitig, den politischen Schaden des Unfalls einzuhegen. Denn Dänemark war zwar Nato-Mitglied, hatte aber 1957 eine Anti-Atomwaffen-Politik beschlossen, welche die Stationierung von Kernwaffen auf dänischem Gebiet verbot. Das Thule-Desaster offenbarte nun, dass man es in Bezug auf Grönland dabei nicht so genau genommen und den USA stillschweigend atomare Stationierungen und Überflüge gestattet hatte. Im Februar 1968 verabschiedete das dänische Parlament eine Resolution, die von der Regierung verlangte, US-Garantien zu einem strikt nicht-nuklearen Status von Grönland zu erwirken. Bis Ende Mai 1968 trafen und verkündeten die Regierungen beider Länder eine entsprechende Übereinkunft (wenn auch mit geheimen Absprachen für etwaige „Umstände von extremer Gefahr“).Manche Details zum Thule-Absturz und seinen Folgen sind jedoch bis heute unklar. Denn diverse Akten der US-Botschaft unterliegen nach Angaben des National Security Archive immer noch der Geheimhaltung, ebenso etliche Dokumente des US-Außenministeriums. Ob die Trump-Regierung diese bald freigeben wird, und welche Politik sie hinsichtlich einer möglichen Grönland-Annexion tatsächlich verfolgt (und wie viel davon dann doch nur Rhetorik ist), bleibt vorerst eine spannende Frage.Zu den Themenschwerpunkten von Martin Klemrath bei WELTGeschichte zählen Technikgeschichte, Zeitgeschichte, Kulturgeschichte und die Geschichte der USA – inklusive etwa der Geschichte des US-Dollars.