Dass ein ICE reichlich Verspätung hat, merkt man spätestens dann, wenn im Bordrestaurant Wasser und Kekse verschenkt werden. Kostenlose Speisen sind ab einer Stunde gesetzlich vorgeschrieben, und wer schon so lang in der vollen Bahn ausharren muss, kriegt dann immerhin auch ohne Sitzplatzreservierung ein Plätzchen. Auf unserer Fahrt wurden Essen und Getränke schon verteilt, da stand der Zug noch am Startbahnhof. Ärgern könnte man sich nun – oder freuen über die neugewonnene Zeit.Am Vorabend hatte meine Kollegin, mit der ich unterwegs war, mir „Schafkopf“ beigebracht. Ein traditionell bayerisches Kartenspiel ist das. Auf mich als Nichtbayer wirkte es anfangs so unverständlich wie die aktuelle Verspätung unserer Bahn. Statt Karo, Kreuz und Pik gibt es in diesem Kartenspiel „Eichel“, „Gras“ und „Schellen“. Statt Bube und Dame gibt es „Unter“ und „Ober“. Und – na klar – die Zehn ist bei Schafkopf höher als der König. Wäre ja auch kaum ein bayerisches Kartenspiel, wenn nicht alles etwas eigen wäre.SZ Bayern auf Whatsapp:Nachrichten aus der Bayern-Redaktion – jetzt auf Whatsapp abonnierenVon Aschaffenburg bis Berchtesgaden: Das Bayern-Team der SZ ist im gesamten Freistaat für Sie unterwegs. Hier entlang, wenn Sie Geschichten, News und Hintergründe direkt aufs Handy bekommen möchten.Jedenfalls wollten wir die Zeit im Zug nutzen, um noch ein paar Runden dieses Spiels zu spielen, da lernte ich noch eine neue Besonderheit: Schafkopf funktioniert ausschließlich zu viert. Wir waren zu zweit. Kein Problem, erklärte meine Kollegin, dann brächte sie mir eben noch ein anderes Spiel mit denselben bayerischen Karten bei: Watten.Das funktioniert ähnlich, mit der Ausnahme, dass der König jetzt doch höher ist als die Zehn, dass zwei der vier Siebener noch einmal höher sind als alles andere – und dass … ach ja, wie war das noch gleich?Wir verzweifelten gerade daran, uns die letzten Regeldetails mit einer Spielanleitung aus dem Internet zu erschließen, da blickte ein Mitreisender neben uns auf, der bis dahin in sein Handy vertieft war. Weder „Hallo“ noch „Servus“ sagte er – erklärte uns dafür aber alle Regeln perfekt.Kaum ins Spielen gekommen, schaute noch eine andere Mitreisende herüber: Ob wir da Schafkopf spielten? Das habe sie letztens auch gelernt. Wir erklärten ihr, dass es Watten sei – und erst viel zu spät kam mir der Gedanke: Wir könnten ja nun wirklich Schafkopf spielen, mit ihr und dem Herrn neben uns. Doch da hatte der Zugchef bereits eine Reihe von Fahrgästen aufgerufen, in einen anderen Zug zu wechseln. Die Dame war weg.Verspätung: am Ende zwei Stunden.Komfort: wie üblich.Kommunikation: bestens.