PfadnavigationHomeICONISTModeReisegepäck mit BedeutungNichts erzählt mehr über Stil als ein KofferVeröffentlicht am 10.10.2025Lesedauer: 6 MinutenVom Film in die Wirklichkeit: Dieser Louis-Vuitton-Koffer wurde für Wes Andersons „Darjeeling Limited“ entworfenQuelle: LOUIS VUITTON/LB PRODUCTION/TOUS DROITSVergessen Sie Abendroben oder Maßanzüge: Der wahre Luxus ist edles Reisegepäck. Vor dieser Botschaft gibt es kaum ein Entrinnen. Vor allem nicht in den Shopping-Gegenden von Tokio. Was kann man da noch lernen?Auf der Omotesando Street und in den winkeligen Seitenstraßen, einem der berühmten Shopping-Bezirke von Tokio, sieht man im Abstand von jeweils wenigen Metern: mehrere Pyramiden von altmodischen Schrankkoffern im Schaufenster der Ralph-Lauren-Boutique, ein beleidigtes deutsches Paar, das keine Voranmeldung für den Rimowa-Laden hatte und deswegen am Eingang abgewiesen wurde, Motorräder im Schaufenster des Louis-Vuitton-Flagship-Stores, die aus Koffern zusammengebastelt wurden, ein Geschäft des Alukofferproduzenten Tumi, das vielfältige Personalisierungsmöglichkeiten anbietet. Und – seit Langem mal wieder – wartende Menschen vor der Gucci-Boutique. Sie ist einer von zehn Läden weltweit, in der es die erste Schnupper-Kollektion des neuen Designers Demna zu kaufen gibt. Das erste Bild, das die italienische Luxusmarke für ihr Comeback unter Kreativdirektor Demna kommunizierte, war ein riesiger Koffer. Ach so, und im Mega-Kaufhaus Isetan Shinjuku, wo sogar die ultrararen Marken Phoebe Philo und The Row kleine Verkaufsstellen betreiben, ist die einzige, vor deren Nische sich eine Schlange gebildet hat, die Pariser Koffermarke Goyard.Lesen Sie auchZufälle gibt es bekanntlich keine. Schon gar nicht in der hochgradig kontrollierten Welt des Luxus. Eine Mitreisende auf dem Japantrip stellt lakonisch und zutreffend fest, dass die Japaner sogenannte Supershopper sind. Für sie ist Einkaufen weder Sucht noch Notwendigkeit, sondern eine eigene Kunstform. Was Konsum betrifft, ist Tokio eindeutig Avantgarde und somit werden die dortigen Phänomene auch in kauffaule Gesellschaften wie der deutschen durchsickern. Deswegen stellt sich spätestens nach dieser kursorischen Marktforschung und frappierenden Massierung von Koffersichtungen die Frage: Was hat es mit dem Tanz ums teure Gepäck auf sich?Denn hier werden Objekte für Tausende oder gar Zehntausende von Euro feilgeboten, die nach dem Erwerb monatelang in Schrank oder Keller verstauben, um gelegentlich auf Gepäckbändern und in Frachträumen malträtiert zu werden. Die Einzigen, die diese Repräsentationsobjekte zu sehen bekommen, sind Ryan-Air-Fluggäste in der Baggage-Claim-Nachbarschaft oder das Hotelpersonal, welches (streng nach bösartigen Statuskriterien beurteilt) materiell so weit unter den Kofferbesitzern steht, dass sie als Publikum nicht geeignet sind. Und dass beim Check-in zufällig Mariah Carey vorbeirauscht und die Hutschachtel von Goyard lobt, ist so wahrscheinlich wie ein Picknick mit selbst gemachten Marmeladen mit Ex-Prinzessin Meghan Markle.Lesen Sie auch Da die Kleidung der Luxusmarken mittlerweile unerreichbar kostspielig geworden ist, (ein Mantel aus der ersten Dior-Kollektion von Jonathan Anderson soll an die 200.000 Euro kosten), hoffen die Häuser vielleicht, die Kunden mit ebenfalls teuren, aber wenigstens vermeintlich langlebigen Produkten wie Koffern locken zu können. Doch vermutlich ist die Strategie eine andere. Um den Hype zu verstehen, lohnt sich ein genauer Blick auf eine der schönsten Kofferserien der Welt: die Louis-Vuitton-Koffer mit den kleinen, unbeholfen gezeichneten Elefanten, Geparden, Zebras, Gazellen und Giraffen. Die Zeichnungen stammen von Eric Chase, das Gepäck wurde ursprünglich für den Wes-Anderson-Film „Darjeeling Unlimited“ mit Adrien Brody und Owen Wilson von 2007 entworfen. Lesen Sie auchIn seiner Frühjahr/Sommer 2026-Show holte Pharrell Williams, der Kreativdirektor von Louis Vuitton, diese Objekte wieder aus dem Schrank, dieses Mal können sie also auch Normalsterbliche erwerben – wenn sie die erforderlichen Träger bezahlen können. Denn auch wenn das jetzt vulgär scheinen mag, für die meisten Verbraucher und Reisenden sind die wichtigsten Kriterien bei der Wahl ihres Gepäcks: Kann man möglichst viel reinquetschen – und kann man es problemlos durch endlose Flugzeughallen rollen? Bei den Wes-Anderson-Koffern aber wird nichts gerollt, das würde den charmanten Nostalgie-Effekt trüben. Und in die kleineren Modelle dürfte nicht wesentlich mehr passen als zwei zusammengefaltete Hemden, eine gerollte Tropenmütze mit Moskitonetz und vielleicht noch ein abgewetzter Roman von Graham Greene. Dieses Scheingepäck erfüllt eine andere Funktion als den Klamottentransport von A nach B. Es beschwört eine Welt herauf, in der das Reisen noch eine würdevolle, ereignisreiche und abenteuerliche Tätigkeit war, bei der wohlsituierte und der Welt wohlgesonnene Individuen ebendiese erkundeten, zwischendurch mit fachmännischem Schuss eine Gazelle fürs Abendessen erlegten und im Sonnenuntergang herrlich stark gemixte, chininhaltige Cocktails schlürften.Jede Marke erzählt ihr eigenes Märchen. Bei der neuen Generation von Rimowa-Koffern etwa, die Digitaltechnik mit dem traditionellen gefalteten Aluminiumlook verbinden, wird das Narrativ des rastlos im Privatflugzeug die Welt durchquerenden Entrepreneurs, Popstars oder Spitzensportlers evoziert, der seine gesamte Existenz in diese Boxen verstaut und damit um den Globus fliegt, auf dem Weg zum selbst gegründeten Wirtschaftsgipfel – oder zum Oben-ohne-Training für die Abermillionen von TikTok-Fans.Lesen Sie auchDie absurd aufwendigen, vielfältigen und kostspieligen Koffer, mit denen Konsumenten zugeballert werden, haben die gleiche Funktion wie die Haute Couture: Sie führen Lebensentwürfe vor, die entweder historisch oder unerreichbar sind. Laden also zum Träumen ein. Beziehungsweise zum Erwerb einer Bauchtasche, eines Portemonnaies oder eines kümmerlichen Stücks Handgepäck, an denen noch ein Hauch des großen Abenteuers zu haften scheint.Was sich bei einem Spaziergang durch die Straßen und Gassen des Omotesando Hills auch beobachten lässt:1. Boutiquen werden zu Clubs Eine poppig gestaltete Schuhschachtel von Audemars Piguet lockt den Flaneur, bis er am Eingang feststellt: nur mit Einladung. Bei der Sportmarke On und der Zara-Filiale, in der die neue Kollaboration mit Disney verkauft wird, bilden sich lange Schlangen und man zieht enttäuscht wieder ab – trotz des tollen Micky-Maus-Ohren-Eingangs bei Zara. Einst war der Einkaufsbummel ein großer Demokratisierer, Kaufhäuser gehörten zu den ersten Orten, an denen sich Frauen ohne Begleitung in der Öffentlichkeit tummeln konnten. Jetzt ist der Eintritt Glückssache oder erfordert langfristige Planung, wie beim „Berghain“ oder bei populären Museumsausstellungen. 2. Exklusiv hat ausgedient Die spektakulär aufwendige Dior-Boutique mit mehrstöckigem, gestuften Dachgarten liegt an einer Mega-Kreuzung, direkt gegenüber ein runtergekommener Laden der Sneaker-Marke Hoka. Ein kleiner Eckladen von Prada-Beauty ist zusammengezimmert, windschief und bunt wie eine Imbissbude in Mexiko-City. Neben Szenefriseuren und Second-Hand-Boutiquen steht eine Dependance des ehrwürdigen Pariser Juweliers Van Cleef & Arpels. In Europa achten Luxusmarken meist streng darauf, dass die Nachbarschaft genauso exklusiv wie man selbst ist. Doch wie man in Tokio sieht, geht es auch anders: mit Abwechslung und ohne Ansteckungsängste. 3. Vintage wird noch größer Alles spricht dafür: Nachhaltigkeit, Budgetfragen, Haltung. In Tokio ahnt man, dass das Thema Vintage noch lange nicht ausgeschöpft ist. Über mehrere Etagen werden etwa bei Vintage Qoo Tokyo Designerklamotten und Accessoires angeboten. Das Souterrain ist ausschließlich für Chanel-Taschen reserviert. Können die alle echt sein? Können sie vermutlich in dieser Stadt – wo sich Kunden in der schatzkammerartigen Food-Etage des Isetan-Kaufhauses selbst für sechs artig verpackte Gebäckstücke in die Schlange stellen.