Zu den gefragtesten Interviewpartnern gehört in Österreich derzeit ein gewisser Peter Hochegger. Der frühere Unternehmer war in einige der größten Korruptionsskandale der Republik verwickelt und saß deswegen im Gefängnis. Er hat etwa dabei geholfen, mehrere Millionen Euro zu verteilen, die bei der Privatisierung eines staatlichen Wohnbauunternehmens in den Nullerjahren flossen. Unter anderem an den damaligen Finanzminister und Society-Liebling Karl-Heinz Grasser. Grasser hat sich, so hat ein Gericht inzwischen rechtskräftig festgestellt, an Absprachen über den Kaufpreis des zu privatisierenden Unternehmens beteiligt und als Gegenleistung viel Geld erhalten. Er verbüßt deswegen gerade eine Haftstrafe.Dieser Herr Hochegger also war nicht nur eine Art Geldbote für Unternehmen, die Einfluss auf die Politik nehmen wollten. Einer, den man anrufen konnte, und dann wickelte seine PR-Firma „Sponsorengelder“ oder „Honorare“ ab, oder er trug gleich selbst Bargeld „im Plastiksackerl“ dorthin, wo es gerade gebraucht wurde. Hochegger geht auch äußerst offen mit seiner Vergangenheit um. Gerade hat er ein Buch mit dem Titel „Die Schattenrepublik“ geschrieben, er hat es bei einer gut besuchten Veranstaltung in einer Buchhandlung vorgestellt und bekommt jede Menge Sendezeit im Fernsehen und in Podcasts.Das ist ungefähr so, als würde ein Verurteilter des Cum-Ex-Skandals oder der Dieselaffäre in deutsche Talkshows eingeladen. In Österreich scheint Korruption nicht nur Teil des Alltags zu sein, sondern deren Ermöglicher sind auch gefragte Mitglieder der Gesellschaft. Hochegger, der sich vor Gericht geständig geäußert hat und sich heute geläutert gibt („Ich war dumm und gierig“), trägt im Plauderton vor, wo er in den vergangenen Jahrzehnten überall seine Finger im Spiel hatte. Er will einen berühmten Fernsehmann beeinflusst haben, für die von ihm vertretenen Firmen zu werben, an der Gründung einer Kleinpartei beteiligt gewesen sein, die als einziges Ziel hatte, den Einzug der Grünen ins Parlament zu verhindern, oder im Auftrag eines Rüstungskonzerns bei Umweltprotesten mitgemischt haben, um den Fokus von der stärker werdenden Friedensbewegung abzulenken.Es ist schwer zu überprüfen, was davon stimmt. Manchmal hat man den Eindruck, Hochegger wolle im Nachhinein eine Art Leistungsnachweis abgeben, und sei es nur bei dubiosen Geschäften. Aber man versteht gut, warum Österreich im Antikorruptionsranking keinen Spitzenplatz einnimmt. Sobald Hochegger zu erzählen beginnt, geht es darum, wen er kannte, aus welchen Zufallsbegegnungen im Kaffeehaus Geschäftsanbahnungen wurden und wie schnell man in Österreich über drei Ecken bei den einflussreichsten Leuten landet. Es ist ein bis heute gültiges Sittenbild einer Welt gegenseitiger Gefälligkeiten, vulgo Freunderlwirtschaft. Aus den traditionell wenig korrupten skandinavischen Ländern weiß man, dass Transparenz der erste Schritt zur Korruptionsbekämpfung ist. Peter Hochegger trägt in Österreich gerade in gewisser Weise dazu bei.Diese Kolumne erscheint auch im Österreich-Newsletter, der die Berichterstattung der SZ zu Österreich bündelt. Gleich kostenlos anmelden.
Österreich: Transparenz als erster Schritt zur Besserung der Freunderlwirtschaft
Ein wegen Korruption verurteilter Ex-Lobbyist gibt Einblicke in eine Welt gegenseitiger Gefälligkeiten.






