PfadnavigationHomeDebatteArtikeltyp:MeinungFriedrich Merz am Tag der EinheitGegen die Populisten von links und rechtsVeröffentlicht am 06.10.2025Lesedauer: 4 MinutenBundeskanzler Friedrich Merz (CDU) spricht anlässlich der zentralen Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen EinheitQuelle: Jean-Christophe Verhaegen/POOL AFriedrich Merz hat am 3. Oktober eine gute Rede gehalten, keine große. Überzeugend war die Rede vor allem, weil Merz, ohne sie beim Namen zu nennen, die Populisten direkt herausgefordert hat. Gut so.Es kommt selten vor, dass deutsche Reden etwas bewirken. Roman Herzogs berühmte „Ruck-Rede“ von 1997 etwa war von derart durchschlagender Wirkungslosigkeit, dass auch Bundeskanzler Friedrich Merz, gefragt, ob er zum Tag der Deutschen Einheit eine „Ruck-Rede“ halten wolle, einer Antwort auswich. Seine unmittelbaren Vorgänger im Amt hinterließen auch Redefloskeln, die eher zur Vorsicht mahnen: Angela Merkels „Wir schaffen das“ von 2015 bleibt als Zeugnis des Wunschdenkens übrig; Olaf Scholz verkündete 2022 eine „Zeitenwende“, um danach weiterzuwursteln wie bisher. Nun also Merz. Dem Kanzler muss es gelingen, die Stimmung zu drehen. Nicht einmal 30 Prozent der Deutschen sind mit seiner Leistung zufrieden; gerade bei der Wirtschaftskompetenz ist das Vertrauen in die Schwarz-Rote Regierung von anfänglich 64 Prozent auf nunmehr 46 Prozent gesunken. Was die Regierung unter diesen Bedingungen bewogen hat, ausgerechnet Emmanuel Macron als Ehrengast einzuladen, dessen Wirtschaftsreformen am Volkswiderstand spektakulär gescheitert sind und der bei seinem Abgang einen gigantischen Schuldenberg und ein zwischen Links- und Rechtspopulisten gespaltenes Land hinterlässt, mag sie mit sich ausmachen. Zukunft sieht anders aus.Lesen Sie auchDennoch: Merz hat eine gute Rede gehalten. Nicht wegen der Phrasen. „Raus aus dem Misstrauensmodus“, „weniger Kontrolle, mehr Freiheit“, „neue Balance, neue Einheit, neuer Konsens“, „neuer Aufbruch“, „neuer Ehrgeiz“ „Neues wagen“ usw.; das alles musste zusammen mit der Absage an Angst, Larmoyanz und Pessimismus natürlich sein und ist auch richtig; doch dürften diese Beschwörungen bald unter „R wie Ruck“ abgeheftet werden.Nein, die Rede war gut, weil Merz, ohne sie beim Namen zu nennen, die Populisten von links und rechts direkt herausgefordert hat. Seine Rede begann Merz mit der Feststellung, dass eine „Allianz der Autokraten“ – später benutzte er die von Anne Applebaum stammende Formulierung „Achse der Autokraten“ – den Westen und seine Werte herausfordert und dass diese Werte „auch von innen“ infrage gestellt werden. Diese Herausforderung, so Merz, müsse Deutschland aber auch als Chance „beherzt ergreifen“ und sich dazu auf seine Stärken besinnen: Freiheit, Rechtsstaatlichkeit, wirtschaftliche Stärke, Weltoffenheit und Einbindung in Europa. Gegen das Gerede von einer durch ethnische, kulturelle, religiöse oder geschichtliche Gemeinsamkeiten bestimmte Schicksalsgemeinschaft zitierte Merz den französischen politischen Philosophen Ernest Renan, der die moderne Nation 1882 als „tägliches Plebiszit“ definierte, „den klar ausgedrückten Willen, das gemeinsame Leben fortzusetzen.“ Lesen Sie auchGerade das Bekenntnis zu Europa und zu einer europäischen Weltpolitik, aber auch zu Klimapolitik und militärischer Wehrhaftigkeit ist mit dem rechten Ultranationalismus und dem fehlenden Patriotismus der Linken unvereinbar – und definiert die Hauptlinien der Auseinandersetzung in den nächsten Jahren. Gut so.Freilich konnte man sich auch in der Congresshalle Saarbrücken zuweilen die Augen reiben und sich fragen, in welcher Welt Friedrich Merz denn lebt. Denn außer einem wie nebenbei absolvierten kurzen Dank an „die Amerikaner, Briten und Franzosen“, ohne die Deutschland die Einheit in Freiheit nicht hätte erringen können, fehlte jeder Hinweis auf die USA und die Nato; und übrigens auch – vier Tage vor dem Jahrestag des Überfalls der Hamas auf Israel und einen Tag nach dem Anschlag eines Islamisten auf eine Synagoge in Manchester – auf Israel.Hätte gut angestandenDabei weiß Merz: Ohne die USA wird Europa nicht gegen die Autokraten obsiegen. Das stimmt auch dann, gerade dann, wenn im Weißen Haus ein schwieriger Partner sitzt. Und ohne klares Bekenntnis zur Sicherheit des jüdischen Staates sind alle Bekenntnisse zu Lehren aus der Geschichte unzureichend. Dies vor dem Staatsgast aus Frankreich, der gerade einen „Staat Palästina“ anerkannt hat, zu bekennen, hätte dem deutschen Regierungschef gut angestanden. Zusammengefasst: Merz hat eine gute Rede gehalten, keine große. Eher eine Skizze der Leitlinien für den Kampf der Mitte gegen die populistischen Ränder als der Entwurf einer neuen Politik. Ihre Wirkmächtigkeit wird sich an den nächsten Wahlergebnissen messen. Am Plebiszit über die Frage, welche Nation wir sein wollen.