PfadnavigationHomeDebatteArtikeltyp:MeinungGen ZPlötzlich katholisch – der Boom des christlichen LifestylesVon Emanuela SutterVeröffentlicht am 04.10.2025Lesedauer: 7 MinutenEin beleuchtetes Kreuz in der Nähe von Seliste, MoldawienQuelle: REUTERS/Marton MonusImmer mehr junge Menschen feiern Weihrauch, Papstgewänder und Sakralästhetik. Was fasziniert die Gen Z an der katholischen Kirche – und steckt hinter dem Trend der Anfang einer größeren Bewegung?Ein katholischer Vibe weht durchs Internet. Monate nach dem „habemus papam“ zieht der Bischof von Rom noch immer hippe, junge Menschen in seinen Bann. Millennials und die Generation Z scheinen ob „Bob“ aka Papst Leo XIV. regelrecht auszuflippen.Wer jetzt denkt, dieser katholische Hype wurde von frommen, bürgerlich-konservativen Studenten in die Welt gesetzt, die ihre Wochenenden, bewaffnet mit Rosenkränzen, auf Katechismus-Seminaren verbringen, irrt. Nichts könnte ferner sein. Die mysteriöse strenge Welt des Vatikans findet Einzug in die Popkultur durch kirchenferne, teils homosexuelle Künstler, Influencer und Journalisten, die eines eint: Die Faszination für eine über 2000-Jahre-alte Institution, die sie neu entdecken wie einst Christoph Kolumbus Amerika.Ein Gen Z, der auf den Papst-Hype anspringt, ist der 26-jährige Brite Dylan, dessen TikTok-Seite „Dylan Page“ über 17 Millionen Follower hat. Dylan, der Nachrichten aus aller Welt für die Gen Z aufbereitet, wie er auf seinem LinkedIn-Profil angibt, beginnt eines seiner Videos mit dem Titel „Der Papst-Effekt ist verrückt“ mit den Worten: „Was hat Papst Leo gerade mit der Welt angestellt?“. Dann zählt er einige gute Nachrichten auf, die sich just an dem Mai-Wochenende, als der frisch gewählte Papst am Petersplatz sein erstes Regina-Caeli-Gebet abhielt, parallel in der Weltpolitik abspielten: Pakistan und Indien einigten sich auf eine Feuerpause, Iran und USA schließen ihre vierte Atom-Verhandlungsrunde ab, europäische Staatschefs treten für eine 30-tägige Waffenruhe zwischen Russland und der Ukraine ein und es gibt Hoffnung auf ein Treffen zwischen Selenskyj und Putin. „Alles das an einem Wochenende“, sagt der TikToker begeistert in die Kamera. „Die Frage ist: Hat der Papst gepäpstet oder wäre das alles ohne ihn auch eingetroffen?“, sinniert Dylan weiter. Das Video zählt mit über 20 Millionen Views zu einem der am meisten angesehenen des jungen Briten.Inzwischen hat sich die Welt weitergedreht, einige der „good news“ haben sich als doch nicht so gut entpuppt: Israel und Iran haben sich mit Angriffen überzogen, Russland feuert weiter tödliche Drohnen und Raketen auf Kiew. Doch der viral gegangene Post zeigt: Es gibt eine Faszination gerade unter jungen, nicht kirchlich sozialisierten Leuten für Papst, Kirche und überweltliche Zusammenhänge.Lesen Sie auchGen Z und Gen Alpha entdecken die katholische Kirche neu – das belegen auch Zahlen: Das säkulare Frankreich verzeichnet einen regelrechten Tauf-Boom. 10.384 Erwachsene ließen sich zu Ostern dieses Jahres taufen, was ein Anstieg von 46 Prozent zum Jahr 2024 ist, wie „The Economist“ berichtet. Über 7000 davon waren Teenager, ein Viertel Studenten. Es ist die höchste Zahl an Erwachsenentaufen seit Beginn der Aufzeichnungen durch die französische Bischofskonferenz vor 20 Jahren. In Großbritannien machte die „The Quiet Revival“-Studie von sich reden, die von der „Bible Society“ und dem „YouGov“-Meinungsforschungsinstitut durchgeführt wurde. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass es einen starken Zuwachs an Gottesdienstbesuchen gibt, gerade unter jungen Männern. Zwölf Prozent der Erwachsenen gaben 2025 an, im vergangenen Jahr mindestens einmal im Monat einen Gottesdienst besucht zu haben. 2018 waren es noch acht Prozent gewesen. Das Wachstum betrifft vor allem die junge Generation. 2018 gaben vier Prozent der 18- bis 24-Jährigen an, monatlich in die Kirche zu gehen; 2024 waren es 16 Prozent. Die katholische Kirche ist bei den 18- bis 34-Jährigen die beliebteste christliche Konfession. 41 Prozent der Gottesdienstbesucher in dieser Altersgruppe sind katholisch. Für die USA gibt es keine bundesweite Erfassung der Erwachsenentaufen. Doch einzelne Diözesen vermelden einen Boom im Jahr 2025. Die Erzdiözese Los Angeles etwa spricht von einem Anstieg von 45 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Deutschland hinkt bei dem Katho-Trend hinterher. Hierzulande zeichnet sich keine signifikante Zunahme von Erwachsenentaufen ab.„Konklave“ löst Mikro-Trend ausNicht nur der Papst, auch das Konklave scheint die Gen Z zu beflügeln. „Ich habe mir ‚Konklave‘ fünfmal im Kino angesehen“, bekennt die sich als „gay“ bezeichnende Journalistin Juliana Kaplan, die auf ihrer Instagramseite die Pronomen she/they angibt, in einem Artikel des Business Insider, in dem sie erklärt, warum die nach 1996 Geborenen so besessen von dem 2024 erschienenen Thriller „Konklave“ sind. Der Film, der von einer fiktiven Papst-Wahl handelt, löste in den USA einen Mikro-Trend aus. Die 30-jährige Künstlerin Susan Bin eröffnete im vergangenen Dezember eine X-Fanseite für „Konklave“ mit dem Namen „Pope Crave“. Auf dem Account mit mittlerweile über 100.000 Followern teilt Bin Memes, die sich auf den Film beziehen und postet fiktiven Papst-Merch, den man auf der dazugehörigen Website erwerben kann. Das sogenannte „Conclave Fan Zine“ kommt verpackt in einem roten Kuvert mit Wachs-Siegel. Darin befindet sich ein kleines Magazin mit von der Künstlerin gemalten Bildern, die Szenen aus „Konklave“ zeigen. Überdies finden sich auch Darstellungen mit Anspielungen auf andere Kunstwerke, zum Beispiel Gustav Klimts „Der Kuss“, nur dass der küssende Mann ein Papst ist. Wer kein „Conclave Fan Zine“ erwerben möchte, kann über die Homepage ein italienisches Referendum mit dem Titel „Ja zur gleichberechtigten Ehe“ unterzeichnen. Diese Idee kommt vermutlich von Bins Mitarbeiterin, der Kabarettistin Adrianna McCain, die sich, so Bin in einem Interview mit dem TIME Magazine, für queere Katholiken einsetzt und „echte“ Kardinäle kennt. In dem Interview beschreibt Bin die Papst-Fanbase so: Es seien Menschen mit unterschiedlichen religiösen Hintergründen – von praktizierenden Katholiken bis hin zu Vom-Glauben-Abgefallenen, die sich aber „vielleicht wegen des Films wieder mit dem Glauben auseinandersetzen“. Andere seien überhaupt nicht katholisch, sondern buddhistisch, wie Bin selbst.Lesen Sie auchKirchlich sozialisierte, alteingesessene Katholiken mögen diese Auswüchse an Obsession für Kirche und Papst als skurril empfinden. Eine junge Generation, die säkularer aufwuchs als jede vor ihr, die Großteils nicht einmal mehr das Vater Unser aufzusagen vermag, die durch und durch von Digitalisierung, Pornifizierung und Krisen geprägt ist, mit Depression und „Anxieties“ zu kämpfen hat, interessiert sich auf einmal für Weihrauch, Papst-Gewänder und Gregorianik. Welche Erklärungen gibt es für das vermehrte religiöse Interesse? Einige Beobachter führen es auf die aufgezwungene Einsamkeit und die dadurch entstandene Sinnsuche während der Covid-19-Pandemie zurück. Ein weiterer Faktor könnte, in Zeiten von Digitalisierung und Homeoffice, die Sehnsucht nach einer nicht virtuellen Gemeinschaft sein.Ersteres trifft auf die katholische US-Influencerin Julia James Davis zu, die den Instagram-Account „The War on Beauty“ betreibt. Aufgewachsen in einer Familie jüdischen Glaubens, ging die Twentysomething-Influencerin während ihrer Highschool- und Collegezeit durch Phasen des Atheismus und Agnostizismus, wie sie in einem YouTube-Video erzählt. Die Enkelin des amerikanischen Multimillionärs und Öl-Konzern-Besitzers Marvin Davis litt an Depression und „Anxieties“. Während der Corona-Pandemie stürzte Davis sie eine Sinnkrise, die letzten Endes den Anstoß dafür gab, sich mit der katholischen Kirche auseinanderzusetzen und sich taufen zu lassen. Kirche ist „in“ – Celebrity Culture „out”?Die Frage „Why everyone is becoming Catholic?“, die gleichzeitig der Titel eines ihrer Kurzvideos ist, beantwortet die Kunsthistorikerin so: „Die katholische Kirche ist die letzte Bastion der Wahrheit und Schönheit (…). Die Menschen bemerken das jetzt“. Leute würden sich dem christlichen Glauben zuwenden, weil die westliche Gesellschaft so „verfallen“ und in „Chaos, Instabilität und Dunkelheit gesunken“ sei. In ihren Videos stellt Davis unter anderem die These auf, dass Menschen zunehmend das Interesse an „Celebrity Culture“, also Stars und Promi-Events wie die Met-Gala oder die Oscar-Verleihung, verlieren und katholische Ereignisse wie die Papst-Wahl mehr und mehr in den Fokus geraten. Der Grund sei, so Davis, dass sich Menschen in einer oberflächlichen und schnell verändernden Welt zu der Schönheit, Tradition und Authentizität der Kirche hingezogen fühlen. Der neue Papst-Trend weckt Erinnerungen an den „Catholic aesthetic“Mikro-Trend, der in den vergangenen Jahren aufpoppte. Stichworte sind Rosenkranz, Vintage-Spitzenblusen, Lana Del Rey und kitschige Heiligenbildchen. Beide Trends eint die gemeinsame katholische Ästhetik, wobei der Schwerpunkt bei dem neueren auf der Welt des Kirchenstaates liegt: Hunderte, einheitlich in Rot gehüllte Männer mit goldenen Kreuzen um den Hals, die vor der Kulisse Michelangelos „Die Erschaffung Adams“ Riten durchführen, wie es die Kardinäle aller Zeiten vor ihnen taten. Dem postmodernen Auge tut sich ein anderer Planet auf: Zölibat statt „Hook up“-Kultur, Stundengebet statt Scrollen durch TikTok, Sakralität statt Profanität, Mystik statt Materialismus. Wie jeder Trend wird sich auch der Konklave-Trend wieder verlieren und muss anderen weichen. Und doch ist er ein Fingerzeig, dass die Katholizität zeitlos, oder, um es mit den Worten des großen Kirchenlehrers Augustinus, auszudrücken, „nie neu, nie alt“, ist. Der Heilige bezog sich damit zwar auf Gott, aber man kann seine Botschaft getrost auch auf die Kirche beziehen, denn: Diese ist das Werk Gottes.