Ein Gericht in Moskau hat fünf Mitglieder von Pussy Riot in Abwesenheit zu Haftstrafen zwischen 8 und 13 Jahren verurteilt. Das Gericht befand Masha Alekhina, Taso Pletner, Olga Borisova, Diana Burkot und Alina Petrova der „Diskreditierung der russischen Streitkräfte“ für schuldig und warf ihnen vor, bewusst Verleumdungen und Falschinformationen über die russische Armee zu verbreiten.Anlass soll unter anderem ein Auftritt des russischen regierungskritischen Performance-Kollektivs in der Pinakothek der Moderne im April 2024 gewesen sein, bei der ein Mitglied auf das Konterfei des russischen Präsidenten Wladimir Putin gepinkelt hat. Die im Exil lebende Aktivistin Diana Burkot sagte der Deutschen Presse-Agentur, sie stehe zu jedem einzelnen Wort. „Auch wenn ich in Russland wäre, würde ich dasselbe sagen: Fickt euch!“Der Auftritt in der Pinakothek der Moderne in München von drei der fünf nun verurteilten Frauen fand auf Einladung des in München lebenden Künstlers Wolfgang Flatz statt. Die Performance hat Pussy Riot mehrfach gezeigt. Eine aufgezeichnete Version war auch in ihrer großen Ausstellung „Velvet Terrorism: Pussy Riot’s Russia“ zu sehen, die von September 2024 an im Haus der Kunst präsentiert wurde. Dort gab das Kollektiv im Februar dieses Jahres auch ein Konzert.Pussy Riot bei ihrem Konzert im Haus der Kunst im Februar 2025. Catherina HessDie Performance beginnt mit einer lautstarken Anklage: „Ihr finanziert den Krieg!“, schreien Pussy Riot den Besuchern entgegen. Es geht ihnen um den Kauf russischen Öls. Auch, dass mit Putin verbandelte Oligarchen gewinnbringende Unternehmen in München betreiben, kritisieren sie. „Euer Geld geht direkt zu Putins Mafia, der russischen Armee und der Propaganda.“Und etwas später – inzwischen hat sich der auf einer Violine erzeugte und elektrisch verstärkte Sound zu einem monströsen Dröhnen gesteigert – rufen die Aktivistinnen: „Drohnen und Bomben, die das ukrainische Volk töten, sind ausgestattet mit deutscher Technik. Ihr unterstützt Kriegsverbrechen!“ Während eines der drei Mitglieder von Pussy Riot den Text im Publikum verteilt, damit auch alle verstehen, worum es ihnen geht, rufen die beiden anderen immer und immer wieder: „Unterstützt nicht diesen Krieg!“Pussy Riot im Haus der Kunst München:„Was in Russland passiert, kann überall passieren“Maria Aljochina und Taso Pletner von Pussy Riot stellen im Haus der Kunst in München ihre Ausstellung vor – eine hochemotionale und zugleich sehr kämpferische Lehrstunde in Zivilcourage.Etwa drei Minuten sind um, da geht eine der beiden auf eine Papptafel zu, dreht sie um, sodass ein Porträt Putins zu sehen ist, und stellt es auf. Dann hebt sie ihr Kleid an – und uriniert offenbar auf das Konterfei des russischen Präsidenten, bevor sie es umstürzt.Des Weiteren stützt sich die Anklage auf das Video „Mama, Don't Watch TV“, das ebenfalls in der Ausstellung im Haus der Kunst zu sehen war. In dem Video prangert das russische, regierungskritische Performance-Kollektiv unter anderem Menschenrechtsverletzungen, Unterdrückung und Polizeigewalt in Russland sowie den Krieg in der Ukraine an und fragt, warum dieser Krieg „Spezialoperation“ genannt werde. Und dort heißt es auch: „Mama, ich bin im Gefängnis. Schau kein Fernsehen“.Denn Haftstrafen sind für Pussy Riot nichts Neues. Schon eine ihrer frühen Aktionen wurde entsprechend sanktioniert. Pussy Riot gibt es seit etwa 2011, ihr Markenzeichen sind die bunten Strickmasken über den Gesichtern. International bekannt wurde die Gruppe mit einem „Punk-Gebet“ in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale, das die Einheit von Staat und Kirche anprangerte.Die damaligen Mitglieder von „Pussy Riot“ Yekaterina Samutsevich, Nadezhda Tolokonnikova und Masha Alekhina vor Gericht in Moskau im Juli 2012. Natalia Kolesnikova/AFPDrei Frauen des Kollektivs wurden daraufhin im Sommer 2012 zu zwei Jahren Haft verurteilt. Aktivistinnen der Künstlergruppe waren schon in der Strafkolonie und im Hausarrest. Doch das Performance-Kollektiv lässt sich auch von den neuerlichen Strafurteilen nicht beeindrucken. Diesen Eindruck hat auch Andrea Lissoni, Direktor des Hauses der Kunst, wo Pussy Riot damals wochenlang an der Vorbereitung ihrer Ausstellung arbeiteten: „Sie werden sich von diesem Urteil nicht einschüchtern lassen. Sie sind stark und verstecken sich nicht.“„Dieses Video ist unser Statement gegen den Krieg“, sagte Pussy-Riot-Mitglied Diana Burkot der dpa. Burkot nannte die Urteile paradox. Vergewaltiger und Mörder bekämen in Russland Haftstrafen von drei bis vier Jahren. Aktivisten dagegen erhielten monströse Haftstrafen für ihre Meinung. Das Urteil diene der Einschüchterung und sei ein Versuch, die freie Rede und die Meinungsfreiheit zu kontrollieren. Sorgen bereite ihr, dass sie nun keine offiziellen Dokumente mehr beantragen könne. Ihr russischer Reisepass laufe 2029 aus. Wenn es darum gehe, die Einbürgerung in einem anderen Land zu beantragen, sei nicht viel Zeit.Die drei an der Performance in München beteiligten Künstlerinnen Masha Alekhina, Taso Pletner und Alina Petrova wurden zu 13, 11 und 8 Jahren Straflager verurteilt. Das bestätigte auch ihr Manager Alexander Cheparukhin in einem Schreiben an Wolfgang Flatz in München, der mit ihm in Kontakt stand. Cheparukhin erwähnt darin, dass die verurteilten Mitglieder von Pussy Riot befürchten, ihre Eltern nie mehr lebend wieder zu sehen, sollten sie tatsächlich in einem russischen Gulag landen. Ein Versuch der SZ, Masha Alekhina, Taso Pletner und Alina Petrova oder ihren Manager zu erreichen, blieb bislang erfolglos.