PfadnavigationHomeRegionalesHamburgReeperbahn Festival„Das wichtigste Ereignis der Musikbranche weltweit“Veröffentlicht am 21.09.2025Lesedauer: 5 MinutenKraftklub beim Überraschungsauftritt in der Großen FreiheitQuelle: Tom HeinkeProduzent Richard Burgess Präsident der American Association of Independent Music, adelt das Reeperbahn Festival mit diesmal 5000 Fachbesuchern. Beim größten Clubfestival Deutschlands feierten derweil 43.000 Besucher an vier Tagen in 70 Venues und entdeckten die Stars von morgen.Nackter Oberkörper und Machopose, Cowboyhüte und harte Riffs, Rockpopcountry-Hits und Feuerstöße vor der XL-Bühne beim Auftritt von Boss Hoss auf dem Spielbudenplatz lockten bei freiem Eintritt deutlich mehr Fans, als der umgrenzte Zuschauerraum fasste. So drängten sich hunderte Besucher auf beiden Seiten und hinten zwischen den Marketing-Ständen, die bei jedem Spielbudenfestival dazu gehören. Ein paar Regentropfen zwischendrin machten den nächtlichen Open-Air-Charakter des Events amtlich. Drinnen im zum Bersten gefüllten Bahnhof Pauli im Clubhaus St. Pauli, ein paar Meter weiter die Reeperbahn lang, genossen leicht zeitversetzt 250 Fans ein Kontrastprogramm, feierten den Auftritt des weiblichen Duos „6euroneunzig“ aus Berlin. Katharina Hoffmeister und Nina Geßler kombinieren Rap, Techno und Elektro-Elemente zu tanzbaren Hits und singen feministische, kritische, politische und gelegentlich selbstironische Songs. Thematisiert werden unter anderem Sexismus, sexualisierte Gewalt und Rechtsradikalismus. Zwischen die Spielbudenbühne und dem Clubhaus liegt das Docks. Dort klang der Abend für ihre Fans mit der längst etablierten britischen Indie-Rock-Band Everything Everything aus – also wie Boss Hoss eine Band in reiner Herrenbesetzung. Das voll besetzte Haus hatte Spaß an den melodisch-zarten, instrumental elektrisch harten, dem Experiment wie dem Minimalismus verpflichteten Songs des Quartetts, in dessen Werk Fade-Outs nicht eben beliebt sind. Die Security-Mitarbeiter maulten aus Langeweile Besucher an – was im Docks, über die Jahrzehnte betrachtet, immer mal wieder dazugehört – und konnten die gute Laune trotzdem nicht trüben. Das macht das Reeperbahn Festival auch aus: ganz unterschiedliche Formate in überschaubaren Räumen, Dutzende von Newcomern und etliche etablierte Künstler. Mei Semones aus Michigan gewinnt den AnchorZu den spannendsten der neuen, jungen Künstler, die ihre Arbeit beim Reeperbahn Festival vorstellen, zählen die sechs für den Anchor nominierten Bands. Die Preisverleihung des Nachwuchspreises im St. Pauli Theater war nach dem Opening im Stage Operettenhaus auch diesmal einer der Höhepunkte des Festivals. Zwei neue Mitglieder aus der Anchor-Award-Jury sangen im Duett „Stumblin in“. Tatsächlich handelte es sich bei der Rocksängerin um Suzi Quatro, 75, die den Hit 1978 mit Chris Norman veröffentlichte. Statt Norman, der kein Jurymitglied ist, sang allerdings Max Giesinger den männlichen Part, und machte seine Sache angesichts des unnachahmlichen Vorbilds recht gut. Neben den beiden genannten gehörten der Jury an: Laurie Anderson, Bazzazian und Tayla Parx. Den Anchor gewann Mei Semones, 25, aus Michigan. Neben der Auszeichnung erhielt die Siegerin einen Gutschein über 20.000 Euro für technisches Equipment von PRG und darf für einen begrenzten Zeitraum einen Tourbus von Pieter Smit kostenlos nutzen. Mit ihr um die Trophäe für den besten Newcomer wetteiferten Sovina (GER/USA), Soft Loft (CHE), Carpetman (UKR), RIPMagic (GBR) und Cara Rose (IRE). Auch jenseits dieser neuen Namen ließen sich natürlich auf dem Festival Entdeckungen machen wie zum Beispiel Benjamin Steer mit seinem unbezwinglichen, poetischen Rockpop, der beim Festival im Bahnhof Pauli für Begeisterung sorgte. Oder Haiden Henderson, der noch etwas elektronischer unterwegs ist, aber gleichfalls einprägsame eigene Melodien im Repertoire hat. Anderen Newcomern fehlt nach einer ersten Einschätzung immer irgendetwas zum Hörerglück. Aber kleine Enttäuschungen gehören bei einem Entdecker-Festival eben auch dazu. 43.000 Besucher beim Festival, 40.000 auf dem HeiligengeistfeldDie 43.000 Besucher der 20. Ausgabe konnten Konzerte wie jenes von Boss Hoss bei freiem Eintritt unter freiem Himmel erleben und das Festival Village mit eigenen Konzerten auf kleiner Bühne und in diesem Jahr ebenfalls bei freiem Eintritt, was rund 40.000 Besucher nutzten, wobei sie fantastische Drucke von Musikplakaten aus aller Welt an den Ständen der teilnehmenden Verlage und Galerien bestaunen konnten. Gästen mit Festivalticket für einen oder mehrere Tage standen insgesamt 635 Konzerte von 450 Acts in 70 Spielstätten an der und rund um die Reeperbahn offen. Die meisten der auftretenden Bands und Einzelkünstler waren dabei 2025 – schließlich fördert das Festival seit Jahren Geschlechtergerechtigkeit – nicht männlich. Das Festival teilt mit: „Die Keychange-Quote des diesjährigen kuratierten Line-Ups betrug insgesamt 44 Prozent Male und 56 Prozent FLINTA*.“Wie in den Vorjahren gab es diesmal auch einige Überraschungsauftritte etablierter Künstler. Der Arena-Act Kraftklub spielte am Freitag im Rahmen einer „Kiez Tour 2025" 15 Kurzauftritte in kleinen Clubs. Als weitere Surprise-Acts begeisterten im Festival Village am Mittwoch Nina Chuba und am Donnerstag Zsá Zsá und Jolle. „Imagine Togetherness“ mündet in Gründung des Live Music Fund GermanyAuch das Programm für Fachbesucher der Musikindustrie war breit gefächert: Das Konferenzprogramm umfasste 225 Punkte mit rund 350 internationalen Speakers aus 35 Nationen. Für den legendären britischen Musikproduzenten Richard Burgess, 76, Präsident und CEO der American Association of Independent Music, ist die Sache klar: „Das Reeperbahn Festival hat sich zum wichtigsten Ereignis der Musikindustrie weltweit entwickelt.“ Die Zahlen der 20. Ausgabe des von Bund und Land geförderten, bundesweit größten Clubfestivals mit integriertem Branchentreff bestätigen die Einschätzung: Stolze 5000 Fachbesucher aus der Musikindustrie waren beim viertägigen Festival vor Ort, das am Samstag zu Ende ging. Das Motto des Reeperbahn-Festivals, „Imagine Togetherness“ fand seinen Niederschlag in zahlreichen Diskussionen von Vertretern aus Kultur, Musikwirtschaft und Politik. Themen waren die Erhaltung kleiner Spielstätten, in denen Talente sich ausprobieren können, faire Vergütungsmodelle für Künstler und die zunehmende Beeinflussung der menschlichen Wahrnehmung durch Künstliche Intelligenz. Ein konkretes Ergebnis war die Gründung des Live Music Fund Germany. Die solidarische Brancheninitiative hat sich der Sicherung der Livemusikkultur in Deutschland verschrieben.Der Vorverkauf für das Reeperbahn Festival 2026 läuft. Noch bis Jahresende ist das Early-Bird-Festivalticket für 139 Euro (brutto) für alle vier Festivaltage vom 16. – 19. September 2026 erhältlich