Das Reeperbahn Festival feiert in diesem Jahr sein 20-jähriges Bestehen. Deutschlands größtes Clubfestival und wichtigster Branchentreff feiert aber keine Jubiläumsparty, sondern konzentriert sich auf sein Programm mit insgesamt rund 800 Beiträgen an vier Tagen in rund 90 Spielstätten, darunter 450 Konzerte von 400 Bands. Festival-Mitbegründer Detlef Schwarte verantwortet das Festival seit zwei Jahren als Direktor. Ein Gespräch über aktuelle Entwicklungen in der Clubszene, beim Festival und in der Musikindustrie.WELT: Wie gelingt die Finanzierung des Reeperbahn Festivals, die zwischendurch auf der Kippe stand, im Jubiläumsjahr? Detlef Schwarte: Wir bekommen in diesem Jahr ungefähr 5,65 Millionen Euro vom Bund und 850.000 Euro von der Stadt Hamburg, zusätzlich kommen 1,5 Millionen Euro als Einnahme übers Ticketing und rund 1,1 Millionen Euro Sponsoring hinzu, was ein Gesamtbudget von rund 9,1 Millionen Euro bedeutet.WELT: In diesem Jahr kommt der neue Kulturstaatsminister Wolfram Weimer nicht zur Eröffnung – im Gegensatz zu seiner Vorgängerin Claudia Roth, die in den vergangenen Jahren im Operettenhaus dabei war. Schwarte: Das ist dennoch nicht ungewöhnlich, es gab Jahre, da sind auch andere Kulturstaatsministerinnen nicht zur Eröffnung gekommen. Wolfram Weimer war eingeladen, konnte es aber nicht einrichten. Kultursenator Carsten Brosda wird das Festival eröffnen und als Vertreter des Beauftragten für Kultur und Medien kommt der Leiter der Abteilung für Kunst und Kulturförderung, Ingo Mix. Außerdem ist dieses Opening weiterhin der Moment im Jahr, an dem sich die meisten Menschen aus der Musikbranche an einem Ort in Deutschland – wenn nicht Europa – versammeln. Deswegen hat die Eröffnung ihren eigenen Wert. WELT: Was haben Sie aus dem vergangenen Festival gelernt, was wird diesmal anders?Schwarte: Grundsätzlich haben wir im Team festgestellt, dass eine höhere Zahl an Programmpunkten nicht unbedingt die Qualität für unsere Gäste steigert. Das gilt für die Branche, aber auch für die rund 45.000 Besucher, die wir in dieser Größenordnung auch in diesem Jahr erwarten. WELT: Was bedeutet das für Zahl und Art der Veranstaltungen?Schwarte: Wir hatten im vergangenen Jahr etwas mehr als 900 Programmpunkte, es gab auch schon Jahre mit über 1000. Diesmal bietet das Festival rund 800 Veranstaltungen. Wir haben bewusst etwas reduziert, sowohl im Konzertbereich als auch im Arts und Word-Bereich und im Musikkonferenzbereich. Überall soll die Komplexität reduziert werden, um verständlicher zu bleiben und man wird sehen, wie das läuft und ankommt. Bei den Konzerten haben wir diesmal rund 450, gespielt von 400 Bands.WELT: Wo geht es inhaltlich hin in der Musik, bildet das Festival nach wie vor die ganze Bandbreite ab?Schwarte: Ich glaube, die Genre-Vielfalt ist ein Charakteristikum des Reeperbahn Festivals. Das wird durchaus erwartet und trotzdem versuchen die Kollegen, die das Programm zusammenstellen, natürlich mit den Trends und mit der Zeit zu gehen und auch die Zielgruppen-Präferenzen zu bedienen. Das bedeutet, dass der Anteil an Hip-Hop, Rap und Electronic eher steigt. Dabei will ich jetzt Hip-Hop, Rap und Electronic nicht in einen Topf werfen, sondern diese beiden Genres werden tendenziell eher größer und die klassische Indie-Rock-Band mit vier bis sieben Leuten, die wird eher seltener.WELT: Wie sieht es mit Country aus? Mir scheint, das Genre wächst hierzulande.Schwarte: Aus Sicht mancher Veranstalter ist der Bereich in Deutschland immer noch unterentwickelt. Wir haben jetzt im Bereich Country keinen besonderen Schwerpunkt, mit Boss Hoss haben wir eine sehr bekannte Band, die das Genre teilweise mitbedient. Aber das ganze Thema ist in Deutschland trotz vieler Bemühungen bisher nicht so angekommen, von der Popularität in Nordamerika ganz zu Schweigen.WELT: Nach welchen Kriterien wird eingeladen?Schwarte: Grundsätzlich machen wir ein sehr klares Newcomer-Programm, in dem sich viel entdecken lässt. Wir haben dieses Jahr 400 Acts. Rund die Hälfte davon wird von unserem Booking-Team kuratiert. Rund 170 dieser kuratierten 200 Slots werden wirklich an den spannendsten Nachwuchs vergeben. Und ein paar Slots haben wir auch für schon bekanntere Künstlerinnen. Die andere Hälfte des Programms sind die Showcases von Exportorganisationen oder von Labels und Verlagen.WELT: Welche Bands können Sie diesmal empfehlen?Schwarte: Unsere Elbphilharmonie-Acts natürlich: Pip Millett und Fuffifufzich. Und in Zeitraffer: aus dem Indie-Bereich Everything, Everything und Night Tapes. Aus dem Pop-Bereich nenne ich mal Ellie Dixon. Beim Hip-Hop wären da 6euroneunzig, Lugatti & 9ine, Waving the Guns. Als Singer-Songwriter: Anna Ternheim. Und natürlich Laura-Mary Carter, eine Hälfte von Blood Red Shoes. Und Nathalie Bergmann. Außerdem die Get Down Services im Punk Bereich. WELT: Was sind denn die Themen, über die die Branche redet?Schwarte: Da sehe ich zwei Bereiche. Das eine Thema versuchen wir auch in unserem Jahresmotto zu fassen: „Imagine Togetherness“. Wir sehen schon, dass es einem Teil der Branche nicht so gut geht. Primär denjenigen, die sich eher mit dem Nachwuchs befassen, mit der Graswurzelkultur. Wer kleine Bands betreut, kleine Tourneen oder kleine Festivals macht, also nicht zu den Platzhirschen gehört, hat in der Regel Schwierigkeiten. Das setzt sich auch bei den kleineren Unternehmen im Recorded-Bereich fort. Da sehen wir eine Verschiebung in einer insgesamt wachsende Branche. Da verteilt sich auch der Gewinn einseitiger. WELT: Wozu soll der beschworene Zusammenhalt führen?Schwarte: Das Motto „Imagine Togetherness“ meint eigentlich: Wollen wir riskieren, dass Teile der Branche abgehängt werden, dass in der Folge auch ein Teil der Kultur vernachlässigt wird. Die kleinen Unternehmen liefern ja eigentlich den neuen Stoff, mit dem letztlich auch die Großen arbeiten wollen. Deswegen ist das ein Aufruf, mehr miteinander zu reden, sich zu verständigen oder einander zumindest gegenseitig die Frage zu stellen, ob man noch die gleichen Ideen hat und ob es eine grundsätzliche Solidarität in der Branche gibt. Daran hängen Fragen, wie die EU-Resolutionen zur Sozial- und Berufssituation von Künstlerinnen und Kulturarbeitenden und jene zu den Bedingungen für Urheber im Streaming-Markt. Da sehen wir durchaus politische Initiative. Solche Themen hängen aber letztlich alle an der größeren Frage, wie gerecht es in diesem Musikökosystem eigentlich zugeht.WELT: Wie hat sich das andere große Thema entwickelt, über das aktuell alle Branchen reden?Schwarte:Das andere große Thema ist natürlich die Künstliche Intelligenz und alles, was sie für den Kreativsektor und die Musik an Folgeeffekten haben kann. Das geht schon mit der Frage los, was rechtlich und wirtschaftlich passiert, wenn urheberrechtlich geschützte Werke genutzt werden, um die KI zu trainieren – und was passiert eigentlich, wenn dabei ein Produkt, also Musik entsteht, die gar keinen natürlichen Urheber mehr hat – zumal die KI anfängt, normale Künstlerinnen und Künstler zu verdrängen. Erst von den Plattformen und dann immer umfassender.WELT: Wie sehr hat sich die Lage verschärft? Im letzten Jahr hörte man zum ersten Mal Johnny Cash alles Mögliche singen, was er nie im Leben gesungen hat.Schwarte: Von den 100.000 oder 120.000 Songs, die angeblich täglich bei Spotify hochgeladen werden, soll schon ein veritabler Teil von KI generiert sein. Ob das einfach das weiße Rauschen ist oder Wellenschlagen oder tatsächlich ernst zu nehmende Musik, kann ich nicht beantworten. Was in diesem Jahr durch die Medien ging, sind einzelne künstlerische Projekte, das heißt artifizielle Bands, die tatsächlich als Band platziert werden mit Bewegtbild, mit Foto und natürlich mit Musik, die komplett von der KI generiert wurde.WELT: Ist der in der Pandemie entstandene Fachkräftemangel noch ein Thema?Schwarte: So eine Lage entspannt sich nicht so schnell. Da geht es um viele Arbeitsbereiche, Aufbau-, Bühnen- und Sicherheitspersonal, wo ja nicht mehr nur Mindestlöhne gezahlt werden, sondern deutlich mehr. Das führt auch dazu, dass Clubs und Festivals unter Druck geraten und nicht mehr wirtschaftlich arbeiten können.WELT: Da geht es wieder um kleine und große Anbieter ...Schwarte: Die Mega-Events mit 50.000 Besucherinnen und Besuchern oder mehr performen meist sehr gut. WELT: Ist die Gefahr des Clubsterbens gebannt?Schwarte: Ich würde behaupten, dass die Sorge weiterhin gerechtfertigt ist. Es gibt tendenziell eher weniger Bühnen. Das Molotow hatte vier Bühnen. Jetzt hat es in Zukunft nur noch zwei, weil es in das ehemalige Moondoo zieht, das aufgehört hat. Das Häkken im Clubhaus St. Pauli schließt zum Jahresende, weil es sich nicht mehr wirtschaftlich betreiben lässt. Das weiß ich, weil ich dort Geschäftsführer bin. Das Clubhaus St. Pauli hat dann auch eine Spielstätte weniger, die auch für Musik tauglich ist.Reeperbahn Festival, vom 17. bis 20. September, Tickets und Programm: www.reeperbahnfestival.com