Isabel Allende ist die erfolgreichste Schriftstellerin Lateinamerikas. Ihr berühmtester Roman hat sogar die Entwürfe des Modehauses Dior beeinflusst. Ein Gespräch über feministische Mode, Schönheitsrituale am Morgen und ihr neues Buch.Der Raum ist weiß, fast leer. Eine Spiegeltür im Hintergrund, kein Bücherregal, keine ausgestellte Welt. Und doch füllt Isabel Allende das Bild auf dem Computerbildschirm vollkommen aus – allein durch den Blick, diese wachsamen, großen Augen. Sie trägt eine lilafarbene Bluse, darunter ein schwarzes Shirt, darüber einen Schal in leuchtendem Rot-Orange. Allende sitzt in ihrem Arbeitszimmer im kalifornischen Küstenstädtchen Belvedere, das direkt an der Bucht von San Francisco liegt, wo sie seit Ende der 80er-Jahre lebt.Sie ist 83 Jahre alt, und sie hat nichts von der sanften Dringlichkeit verloren, mit der sie seit über vier Jahrzehnten die Geschichten von Frauen zwischen Familie, Gewalt, Exil und Mut erzählt. Geboren in Peru und aufgewachsen in Chile, floh sie 1975 vor der Pinochet-Diktatur zunächst nach Venezuela, wo sie 1981 mit der Arbeit an ihrem Debütroman „Das Geisterhaus“ begann – ein Weltbestseller. Seit 1988 lebt sie in Kalifornien, seit 1993 ist sie auch US-amerikanische Staatsbürgerin. 2014 überreichte Barack Obama ihr die Freiheitsmedaille des Präsidenten.Ihre Bücher verkauften sich weltweit mehr als 80 Millionen Mal, wurden in über 40 Sprachen übersetzt. In ihrem neuen Roman „Mein Name ist Emilia del Valle“ (Suhrkamp) lässt sie eine junge Journalistin im Chile des Jahres 1891 in einen Bürgerkrieg geraten – und in eine Familiengeschichte, die auch ihre eigene streift. Lesen Sie auchWELT: Frau Allende, in den vergangenen Jahren wurden Sie von renommierten Modemagazinen wie der britischen und der mexikanischen „Vogue“ oder auch von „Harper’s Bazaar“ mit großen Porträts samt aufwendiger Fotoshootings gewürdigt. In einem der Artikel hieß es, Sie seien selbst mit 80 „immer glamourös“. Freut Sie ein solches Kompliment mehr als eine positive Rezension in der „New York Times“?Allende: (lacht) Ach wissen Sie, ich bekomme ja kaum positive Rezensionen in der „New York Times“ – zumindest nur selten.WELT: Ihr neuer Roman „Mein Name ist Emilia del Valle“ wurde jetzt im Podcast der „New York Times“ sehr positiv besprochen.Allende: Stimmt, da wurde er sehr gut aufgenommen. Solche Geschichten wie jene in den Modemagazinen sind für mich eine Überraschung. Dem vorausgegangen war eine andere Überraschung, als nämlich das Modehaus Christian Dior in Paris 2018 eine Kollektion herausbrachte, die von meinem Roman „Das Geisterhaus“ mit inspiriert war. Natürlich hatte sie mit dem Roman nicht wirklich viel zu tun – aber sie hatte ein südamerikanisches Flair. Man lud mich damals zur Präsentation der Kollektion nach Paris ein. Es war das erste Mal, dass ich eine Modenschau besuchte – eine Welt, die mir völlig fremd ist.WELT: 2021 trafen Sie sich dann für eine Story in „Harper’s Bazaar“ mit der italienischen Dior-Kreativdirektorin Maria Grazia Chiuri, die sich für die Dior-Kollektion von 2018 von den starken Frauenfiguren im „Geisterhaus“ hatte inspirieren lassen.Allende: Ja, genau.Lesen Sie auchWELT: Wie dürfen wir uns diesen Ideentransfer von Ihrer Literatur zur Mode von Dior vorstellen?Allende: Wie soll ich das erklären? Viele der verwendeten Stoffe waren beispielsweise mit Mustern bedruckt, die eine lateinamerikanische Anmutung hatten. Und auf dem Laufsteg ritten die Models damals auf Pferden ein – mit weiten Röcken und Hüten, vieles hatte ebenfalls ein lateinamerikanisches Flair. Aber gleichzeitig wirkten sie auch sehr französisch und elegant.WELT: Chiuri möchte in ihrem Design Mode und Feminismus verknüpfen. Sie hat mal ein T-Shirt mit dem Slogan „We should all be feminists“ entworfen. Hat sie Ihnen eines davon geschenkt?Allende: Nein. Aber sie haben mir dann andere Kleidungsstücke geschenkt. Doch ich sage Ihnen: Ich kann nichts davon tragen.WELT: Warum nicht?Allende: Weil ich darin aussehe wie eine Stehlampe. Alles ist voluminös, ich kann das nicht tragen. Aber bei Dior waren sie sehr großzügig und freundlich zu mir. Ich habe noch andere Dinge erhalten – eine wunderschöne Tasche zum Beispiel. Warten Sie mal einen Moment, ich hole sie und zeige sie Ihnen. (Sie geht in ein anderes Zimmer, kommt mit einer Tasche zurück, die sie in die Bildschirmkamera hält. Die Tasche hat ein Muster mit holzschnittartigen Dschungelpflanzen, einem Tiger darauf. Auf der Vorderseite steht „Christian Dior“. Sie dreht die Tasche um, auf der Rückseite steht „Isabel“.) Können Sie die Muster erkennen? Ähnliches gab es auch auf Mänteln und Jacken zu sehen.WELT: Mit Ihrem Namen darauf?Allende: Nein, nicht in der Kollektion selbst – sie haben das nur bei dieser Tasche für mich gemacht, als persönliches Geschenk. Viele der Röcke aus der Kollektion waren sehr schön, sehr voluminös, fast spitzenartig, wie Makramee. Dazu trugen die Models breite Gürtel, wunderbare Hüte – es war alles wirklich sehr eindrucksvoll. Aber es hat nichts mit meinem Leben zu tun. Ich lebe heute sehr einfach. Mein Auto ist 14 Jahre alt. Mein Handy und mein Computer sind zehn Jahre alt. Ich lebe nicht auf dem neuesten Stand. Eigentlich war das schon immer so. Aber nach der Pandemie ist mein Leben noch ruhiger geworden. Ich arbeite hier in diesem kleinen Raum in meinem Haus in Belvedere. Alles, was ich mache, ist schreiben, schreiben, schreiben.WELT: Ihr Äußeres ist Ihnen aber offenbar nicht unwichtig. Ich habe gelesen, dass Sie jeden Morgen um 5:30 Uhr aufstehen, mit Bedacht Ihre Kleidung auswählen, oft High Heels anziehen und sich ein vollständiges Make-up auflegen. Was bedeutet Ihnen dieses Ritual – bevor Sie mit Ihrem Tag und dem Arbeiten beginnen?Allende: Bei dem Leben, das ich führe, könnte ich eigentlich den ganzen Tag im Pyjama herumlaufen. Weil mich ja meistens niemand sieht – nicht einmal der Postbote. Wenn ich also nicht diszipliniert wäre, mich nicht jeden Morgen zurechtmachte, würde ich immer zerzaust aussehen. Für mich ist das morgendliche Ritual eine Form des Respekts – gegenüber meiner Arbeit, aber auch gegenüber anderen Menschen, falls ich dann doch mal jemanden treffe. Wenn ich beispielsweise in den Supermarkt gehe, begegne ich da schon mal Menschen, die ein Selfie mit mir machen wollen. Aus Respekt vor ihnen, aber auch vor mir selbst, möchte ich immer vorzeigbar aussehen. Und – ich bin sehr eitel (lacht). Also, Eitelkeit spielt dabei auch eine Rolle.WELT: Und Ihr Lieblingslippenstift ist nach wie vor Tom Fords „Dressed to Kill“?Allende: Ja, nur wird er leider seit zwei Jahren nicht mehr hergestellt. Ich habe immer noch keinen würdigen Nachfolger gefunden.WELT: Für die Porträts in den internationalen Modeblättern wurden Sie in opulenten Outfits fotografiert, meist in sehr leuchtenden Farben, pink oder blau …Allende: Aber das waren ja nicht meine eigenen Kleider. Die wurden immer eigens mitgebracht.WELT: Sie sind es seit Jahrzehnten gewohnt, fotografiert zu werden – für Interviews, bei Lesungen oder auf Empfängen mit US-Präsidenten wie Bill Clinton oder Barack Obama im Weißen Haus. Die Mode-Aufnahmen hat Fashion-Fotograf Max Farago gemacht. War es anders, wie ein Model inszeniert zu werden?Allende: Ja – weil es eigentlich nichts mit mir zu tun hatte. Es ging bei diesen Bildern ja auch nicht in erster Linie darum, mich als Literatin abzubilden. Ich kannte den Fotografen nicht, ein Van brachte die Kleidung fürs Shooting, ein Schneider war auch noch dabei. Die Modemagazine brachten all diese Outfits. Es wird alles nur für diese Fotos vorbereitet. Es war ein Spiel.WELT: Sie haben sich, wenn ich das so sagen darf, zuletzt eine eigene neue Strahlkraft gegeben, seit Sie Ihre Haare silberweiß tragen …Allende: (lacht) Danke.WELT: Nur weiß oder nur grau zu tragen, wäre ja langweilig. Wie schwer ist es, die Nuance silberweiß so hinzubekommen, sodass sie zu Ihnen passt?Allende: Mein Haar ist vorn und oben weiß, hinten eher gräulich. Also bleicht meine Friseurin den hinteren Teil, damit alles gleich aussieht. Am liebsten würde ich mir meine Haare ja pink färben. Ich hätte nur zu gerne mal pinkfarbenes Haar.WELT: Was hält Sie davon ab?Allende: Ich hätte dann doch die Befürchtung, dass man diese Farbe nie wieder rauskriegt (lacht).WELT: Mich hat Ihre silberweiße Haarfarbe an Meryl Streeps Frisur in „Der Teufel trägt Prada“ erinnert, wo sie die Chefredakteurin eines Modemagazins spielt, die an „Vogue“-Chefin Anna Wintour angelehnt ist. Sie kennen Streep ja, seit sie eine der Hauptrollen in der Kinoverfilmung Ihres Romans „Das Geisterhaus“ übernommen hatte.Allende: Oh ja, an Meryl Streeps Frisur hatte ich gar nicht gedacht. Ich habe „Der Teufel trägt Prada“ natürlich gesehen, erinnere mich aber nur vage daran, wie sie aussah. Aber jetzt, da Sie es erwähnen, würde ich Ihnen zustimmen. Aber Meryl Streep sieht eigentlich immer großartig aus. Immer.WELT: „Das Geisterhaus“ ist jetzt neu als Serie für Amazon Prime verfilmt worden, Sie werden als ausführende Produzentin genannt. Welchen Einfluss hatten Sie auf die Dreharbeiten?Allende: Ich war nicht wirklich eine ausführende Produzentin. Das schreiben sie in der Filmbranche immer gerne hin, weil es irgendwie gut klingt. Aber ich war an dieser Verfilmung in keiner Weise beteiligt. Eva Longoria ist ausführende Produzentin, aber ich kenne sie nur sehr flüchtig.WELT: Aber Sie stehen hinter der Neuverfilmung?Allende: Absolut. Und ich freue mich sehr darauf, sie mir anzusehen. Als „Das Geisterhaus“ in den 90er-Jahren erstmals fürs Kino verfilmt wurde, wurde das Projekt mit dem Geld deutscher Produzenten finanziert.WELT: Von dem verstorbenen legendären deutschen Produzenten Bernd Eichinger.Allende: Genau. Zu dem Konzept gehörte ferner, den Film mit möglichst vielen Hollywoodstars zu besetzen, ihn in englischer Sprache und in Europa zu drehen. Ich fand ja, dass es ein ausgezeichneter Film war. Aber er stammt nun einmal aus dem Jahr 1995. Damals funktionierte das Filmgeschäft noch völlig anders als heute. Damit Filme weltweit kommerziell erfolgreich sein konnten, mussten sie auf Englisch gedreht werden und möglichst viele Stars aufweisen. Heute ist das ganz anders. Im Zeitalter der Streamingplattformen kann man eine Serie wie „Das Geisterhaus“ in Chile drehen, wo mein Roman ja spielt – und mit Spanisch sprechenden Schauspielern, von denen die meisten völlig unbekannt sind. Und: Es wird funktionieren.WELT: „Das Geisterhaus“ umfasst eine Zeitspanne von 1880 bis zu Pinochets Militärputsch 1973, Ihr neuer Roman „Mein Name ist Emilia del Valle“ setzt noch früher ein, 1866, und schildert die späteren Erfahrungen einer kalifornischen Kriegsreporterin im chilenischen Bürgerkrieg 1891. Ein Konflikt, dessen Hintergründe die meisten vermutlich erst einmal googeln müssten.Allende: Das ist ganz sicher so.Lesen Sie auchWELT: Was war der Antrieb, diesen vergessenen Bürgerkrieg zum Hintergrund einer Romanhandlung zu machen?Allende: Weil es Parallelen zwischen dem Bürgerkrieg 1891 und dem Militärputsch 1973 gibt. In beiden Fällen gab es progressive Präsidenten, die große Veränderungen für das Land und das Wohl der Bevölkerung anstrebten, José Manuel Balmaceda 1891 und Salvador Allende 1973 …WELT: … der ein Cousin Ihres Vaters war.Allende: Ja. Und beide stießen auf massiven Widerstand – vor allem von konservativer Seite. Und in beiden Fällen griff das Militär ein. 1891 war es jedoch gespalten: Die Armee stellte sich auf die Seite der Regierung, die Marine – die traditionell sehr mächtig ist in Chile – stand auf der Seite der Opposition. Die Folge war ein furchtbarer Bürgerkrieg. In vier Monaten starben mehr Chilenen – fast 10.000 – als in den vier Jahren des Krieges zwischen Chile mit Peru und Bolivien von 1879 bis 1883. Dagegen war das Militär 1973 nicht gespalten – das führte zu Pinochets Putsch und letztlich zu 17 Jahren Diktatur in Chile. In beiden Fällen begingen die Präsidenten Selbstmord, weil sie sich weder ergeben noch ins Exil fliehen wollten. Sie wurden zu fast heroischen historischen Figuren. Und genau diese Parallele hat mich fasziniert – dass nur 82 Jahre später, im selben Land, eine ähnliche Situation erneut eintreten konnte.WELT: Als Sie mit dem Schreiben dieses Buches begannen, konnten Sie nicht vorhersehen, wie die Welt zum Zeitpunkt seiner Veröffentlichung aussehen würde: mit einem wiedergewählten US-Präsidenten Donald Trump, den Sie bereits in seiner ersten Amtszeit heftig kritisiert hatten. Und mit einer Form disruptiver Politik, die sich weltweit durchgesetzt hat und die Gesellschaften nicht nur in den USA spaltet. Ihr neuer Roman zeigt wieder einmal, wie Angst Gesellschaften verändert. Welche Erkenntnisgewinne ergeben sich daraus für die verstörende Jetztzeit?Allende: Ich versuche nie, in meinen Büchern eine Botschaft zu vermitteln oder zu predigen. Die Parallelen zu aktuellen Ereignissen können die Leser selbst erkennen – vorausgesetzt, sie haben genügend Hintergrundwissen. Was heute in der Welt geschieht, beurteile ich selbst vor dem Hintergrund meines Blicks zurück in die Historie. Ich glaube, dass unsere demokratischen Institutionen, unsere Regierungen, immer noch auf Strukturen aus dem 19. Jahrhundert beruhen. Aber wir leben heute in einer völlig anderen Welt. In einer Welt der Technologie, der Wissenschaft, der Information – und auch in zunehmendem Ausmaß der Desinformation. Es ist eine Welt im Umbruch. Die alten Institutionen funktionieren in diesem Umfeld nicht mehr. Junge Menschen oder Menschen, die sich ausgeschlossen fühlen, sind wütend. Viele junge Menschen wählen oft nicht mehr. Oder sie wählen in einer fanatischen Weise – ohne an die Folgen zu denken. Genau das ist in den USA passiert. Diesem Land fehlt zudem der historische Hintergrund, um zu verstehen, was eine autoritäre Regierung bedeutet. Die USA sind ein sehr gewalttätiges Land, sie haben eine fatale Faszination für Gewalt. Die Gründungsgeschichte der USA basiert auf dem Mythos des Wilden Westens. Der einsame Mann mit der Waffe ist der Held. Ich habe die gegenwärtige Entwicklung kommen sehen – schon lange. Unter gewissen Umständen kann dieses Land schnell kippen. Es gibt hier viele schlecht informierte Menschen – und viele haben Waffen. Die Obsession mit Gewalt ist tief verwurzelt. Trump ist also kein Unfall. Er hat die MAGA-Bewegung nicht geschaffen – es war umgekehrt. Jene Menschen, die sich ausgeschlossen fühlen, haben Trump erschaffen und ihn zu ihrem von Gott gesandten Heilsbringer erhöht. Was wir jetzt erleben, ist zehnmal schlimmer, als das, was wir aus seiner ersten Amtszeit kennen. Es ist eine sehr düstere Zeit. Und ich fürchte, es wird noch viel schlimmer werden.Geführt hat dieses Gespräch unser Autor Martin Scholz – 2024 erschien sein Buch „Isabel Allende. Ich habe tausend Geschichten in mir“ (Kampa). Es fasst elf Interviews aus 25 Jahren zusammen.