Über seine Niederlage spricht Yomif Kejelcha mit der bedächtigen Ruhe eines Läufers, der schon Schlimmeres erlebt hat. Zweiter wurde der Äthiopier im Rennen über 10 000 Meter bei der WM in Tokio, weil der Franzose Jimmy Gressier auf den letzten Metern noch an ihm vorbei spurtete. „Es war zu heiß für mich“, sagt er am Mittwoch in einem Instagram-Beitrag, zumal er vor der Abreise nach Japan das vom Nationalverband vorgeschriebene Vor-WM-Trainingslager in Addis Abeba bei Kälte und Regen hatte bestreiten müssen.„In unserem Land ist Winter jetzt“, erklärt Kejelcha, 28, und muss es nun hinnehmen, dass er über die 5000 Meter keine weitere Gold-Chance bekommt. Sein Verband hat andere nominiert für die Qualifikation über die kurze Langstrecke an diesem Freitag.Es wäre etwas übertrieben, den feingliedrigen Kejelcha zum Gesicht der afrikanischen Krise bei dieser WM zu machen. Aber dass er in Tokio seine Führung nicht ins Ziel retten konnte, war ein Symptom für das Tief einer früheren Leichtathletikgroßmacht. Doppel- und Dreifacherfolge haben Äthiopier über die 10 000 Meter einst mit der Zuverlässigkeit eines japanischen Schnellzugs abgeliefert. Zum Beispiel vor 18 Jahren bei der japanischen Leichtathletik-WM in Osaka, als Kenenisa Bekele nach schnellem Rennen auf einer atemlosen Schlussrunde seinen Landsmann Sileshi Sihine abhängte. Mit 27:05,90 zu 27:09,03 Minuten gewann Bekele.Medaillenspiegel und alle Entscheidungen:Zeitplan der Leichtathletik-WM 2025 in TokioVier Jahre nach den Olympischen Spielen kommt die Leichtathletik-Elite zurück nach Tokio. Alle Entscheidungen sowie der Medaillenspiegel der Leichtathletik-WM 2025 im Überblick.Am Sonntag misslang Kejelcha der Schlussspurt nach einem Rennen, das fast zwei Minuten langsamer war; Gressier besiegte ihn mit 28:55,77 zu 28:55,83 Minuten.Auch sonst wirken Äthiopiens Läufer in Tokio oft kurzatmig und überfordert. Über 10 000 Meter hatte Kejelchas Landsmann Selemon Barega auf der Zielgeraden keine Chance gegen den Bronzegewinner Andreas Almgren aus Schweden. Beim Marathon mussten alle drei äthiopischen Teilnehmer aufgeben und konnten aus der Ferne erleben, wie zwei Medaillen an Europa gingen: Silber an den Deutschen Amanal Petros, Bronze an Italiens Iliass Aouani. Bis zum Donnerstag hatte Äthiopien erst vier Medaillen und kein Gold gewonnen; wenn die Frauen um die 10 000-Meter-Dritte Gudaf Tsegay nicht wären, hätte die Laufnation bisher nur Kejelchas Silber.Tatsächlich ist Afrikas Langstreckenkrise größer, als der Medaillenspiegel zeigt. Ganz erfolglos sind die Afrikaner ja nicht in Tokio. Vor allem Kenia wird seinen Ansprüchen gerecht mit bisher vier Siegen. Aber gerade Kenia ist ein Problemfall, weil der Traum von der einträglichen Läuferkarriere dort viele zu unerlaubten Substanzen greifen lässt. Kein Land hat gerade so viele gesperrte Leichtathleten wie Kenia – darunter sind auch prominente Leute wie die Marathon-Weltrekordlerin Ruth Chepngetich.Kenianische Läuferinnen und Läufer werden von Dealern teilweise direkt angesprochenUm die Trainingszentren in den Hochlagen des afrikanischen Grabenbruchs blüht der Handel mit Dopingmitteln, Läuferinnen und Läufer werden von Dealern teilweise direkt angesprochen, und weil viele arm sind, greifen sie zu. „Diese wirtschaftliche Realität bedeutet, dass man die Hochrisikosituation nie vollständig wird beseitigen können“, sagt der Sportwächter Brett Clothier in der New York Times über Kenia; Clothier ist Chef der unabhängigen Leichtathletik-Ermittlungsabteilung Athletics Integrity Unit (AIU).Die Äthiopier sind offiziell kein so großer Dopingproblemfall. Aber dass sie gerade so matt wirken, ist wohl keine normale Formdelle. „Es gibt ein organisatorisches Problem“, sagt der niederländische Sportmanager und Äthiopien-Kenner Jos Hermens.Hermens, ein früherer Olympialäufer, spricht am Telefon. Er ist mittlerweile 75 und hat deshalb zum ersten Mal seit der Premieren-WM 1983 auf die Reise zum Saisonhöhepunkt verzichtet. Aber er ist immer noch der Chef seiner Agentur Global Sports Communication (GSC). Einige äthiopische Laufidole waren zu ihrer besten Zeit GSC-Klienten: Kenenisa Bekele, Sileshi Sihine, der zweimalige Olympiasieger Haile Gebrselassie. Äthiopiens bescheidenes Abschneiden in Tokio hat aus Hermens’ Sicht mit den konservativen Strukturen im Vielvölkerstaat zu tun: mit Sportfunktionären, die nach Proporz, nicht nach Kompetenz ausgewählt werden. Mit einfältigen Trainern und gierigen Managern.„Die Trainer sind nicht drin in der Wissenschaft“, sagt Hermens, anders als Europäer und Amerikaner, die ihre Form nach moderner Trainingslehre aufbauen. „Da haben die Äthiopier viel verloren.“Konflikte zwischen den Volksgruppen Äthiopiens machen Einfluss von außen schwierigWobei Hermens auch Fehler auffallen, für die man keine Forschung bräuchte. Zum Beispiel, wenn es darum geht, im Winter Äthiopiens eine WM in der schwülen Hitze Japans vorzubereiten. „Sie trainieren morgens um sechs und denken überhaupt nicht daran, um zwölf zu trainieren, wenn es wärmer ist“, sagt Hermens, „solche einfachen Sachen.“ Das Trainingslager, das der Verband EAF den Nationalathleten vor jedem Großereignis vorschreibt, ist demnach nicht zwingend leistungsfördernd. „Früher mit Haile und Kenenisa haben wir gesagt, wir trainieren nicht mit dem Verband“, sagt Hermens. „Aber die waren so gut, die konnten das sagen.“Außerdem verhindert Äthiopiens politische Lage mehr Einfluss von außen. Ständig kommt es zu Konflikten zwischen den verschiedenen Volksgruppen. „Man kann fast nicht mehr ins Land“, sagt Hermens. Und den Verband zu reformieren, erweist sich als schwierig. Haile Gebrselassie, heute 52 und ein erfolgreicher Geschäftsmann, hat es mal versucht. Nach zwei Jahren als EAF-Präsident gab er auf wegen „unüberbrückbarer Differenzen“, wie er sagte. Das war 2018. Mittlerweile ist Sileshi Sihine im Amt. „Aber der hat weder die Power noch die Einsicht, um was zu ändern“, sagt Jos Hermens.Das Selbstbewusstsein vieler Afrikaner ist eindeutig angeschlagen bei diesen Weltmeisterschaften. Sie trauen sich nicht, die Initiative zu übernehmen. Die Rennen sind langsam – und am Ende gewinnt die sprintstarke Konkurrenz. „Man hat rausgekriegt, wie man trainiert, um gut gegen diese Leute zu laufen“, sagt George Beamish aus Neuseeland, der sich mit einem starken Schlussantritt den Titel über 3000 Meter Hindernis sicherte, „das hat dann so einen Abstrahlungseffekt auf andere, sodass die denken, das kann ich auch.“ Der Franzose Jimmy Gressier dankte nach seinem 10 000-Meter-Erfolg sogar den Antidoping-Kämpfern. „Heute habe ich Ostafrika geschlagen“, sagte er, „die AIU macht einen Riesenjob, und das hilft, die Chancengleichheit herzustellen.“Yomif Kejelcha lächelte an jenem Abend. Einer seiner Erklärungsversuche mündete in einem holprigen Satz, mit dem er wohl sagen wollte, dass die „europäischen Männer“ gegen Afrikaner immer besonders motiviert seien. Silber fand er keinen schlechten Lohn für seine Arbeit. Über eine Krise redete er nicht. In seiner Heimat gibt es größere Probleme als einen verlorenen Schlussspurt.