Herr Stiglitz, in Ihrem neuen Buch plädieren Sie für einen „progressiven Kapitalismus“. Was können wir uns darunter vorstellen?Darunter verstehe ich eine Marktwirtschaft, die eine Vielfalt an institutionellen Verbindungen eingeht – mit NGOs, Genossenschaften, der Zivilgesellschaft und vor allem mit dem Staat. Kollektives Handeln kann nicht nur durch den Staat erfolgen, sondern auch durch Gewerkschaften, Verbände, Sammelklagen. Ich wende mich gegen die Vorstellung, es gäbe nur den Staat oder den Markt. Das ist viel komplexer. Ein zentrales Element des „progressiven Kapitalismus“ ist die Idee von Checks and Balances – also Machtbegrenzungen. Nicht nur innerhalb der Regierung, sondern auch in der Gesellschaft. Gefahr entsteht immer dann, wenn sich zu viel Macht in einer Hand konzentriert. Das sehen wir gerade in den USA: Die Oligarchen, die Konzerne haben zu viel Einfluss. Die Frage ist also: Wie schaffen wir eine Gesellschaft, in der niemand zu viel Macht anhäuft, in der Rechtsstaatlichkeit gilt und in der diese auch durchgesetzt wird? Wir dachten, wir hätten in den USA einen funktionierenden Rechtsstaat, aber Donald Trump hat gezeigt, wie leicht man diesen aushebeln kann. Er zwingt uns, neu darüber nachzudenken, wie wir eine Gesellschaft schaffen, in der alle teilnehmen können, keiner dominiert wird und alle profitieren.