Sollte der Stahlindustrie in Sulzbach-Rosenberg jemals ein Denkmal gesetzt werden, steht ein Datum für die Inschrift schon mal fest: Am 10. Januar 1853 wurde dort die Produktion aufgenommen und 172 Jahre lang weitergeführt – bis zum 1. September 2025. Ob dieser Tag das definitive Ende des einstigen Industriereviers markiert, ist noch offen. Vieles aber deutet darauf hin. Entsprechend groß ist die Sorge in der Region: „Irgendwie hängen wir da alle dran“, sagt Sulzbach-Rosenbergs Bürgermeister Stefan Frank (CSU), der selbst einmal als Lehrling in der Maxhütte angefangen hat.Das Stahlwerk, das in den Sechzigerjahren 9000 Menschen beschäftigte, hat bereits 2002 den Betrieb eingestellt und wurde inzwischen zum Großteil abgerissen. Auf der anderen Seite der Bahngleise lief das Rohrwerk unter wechselnden Eigentümern weiter, bis zum 1. September 2025. Frank bezeichnet es als „letztes Überbleibsel der Montangeschichte“, was darauf hindeutet, dass es um weit mehr geht als jene 300 Arbeitsplätze, die auf dem Spiel stehen. Eine Schließung wäre eine Zäsur für das geschichtliche Selbstverständnis in der nördlichen Oberpfalz.„Irgendwie hängen wir da alle dran“, sagt Sulzbach-Rosenbergs Bürgermeister Stefan Frank (CSU) und meint damit die Schließung des Rohrwerks. privatWie kein anderes Werk stand die Maxhütte für Bayerns Industrialisierung, für Arbeit, Aufstieg und Wohlstand, die SPD erreichte hier Wahlergebnisse wie andernorts nur die CSU. Ihre Hochöfen haben den Wandel zum Industrieland buchstäblich mitbefeuert. Und sie haben geholfen, Bayern im 19. Jahrhundert mit der Eisenbahn zu erschließen. Die Maxhütte lieferte anfangs Schienen, Achsen und andere Dinge, die es bis dato so nicht aus heimischer Produktion gab. Zugleich entstanden mehr und mehr Maschinenbaubetriebe.Die Stahl-Nachfrage überstieg indes bald die heimischen Ressourcen. Stahl war außerdem schon damals anderswo günstiger zu haben, viele Betriebe mussten daher bereits im 19. Jahrhundert aufgeben, doch die Maxhütte blieb. Mal liefen die Geschäfte schlechter, mal besser und im Zuge des Wirtschaftswunders sehr gut. Neben den Hochöfen betrieb das Unternehmen sogar Eisenerzgruben. Doch auch sie waren in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts so gut wie erschöpft, und die Konkurrenz lieferte wieder einmal billiger. Erneut rollte der Strukturwandel an. Die Maxhütte ging mehrmals pleite, Besitzverhältnisse wechselten, Hochöfen und das Stahlwerk wurden abgeschaltet, die Maxhütte schrumpfte aufs Rohrwerk.Eine Kathedrale des Industriezeitalters: Das stillgelegte Stahlwerk Maxhütte im Jahr 2012. Mittlerweile ist das denkmalgeschützte Gebäude abgerissen worden. Sebastian BeckHeute spielt die Stahlbranche nur noch eine untergeordnete Rolle in Bayern. Der jüngste Industriebericht ordnet dem weiten Feld der Metallerzeugung und -bearbeitung landesweit 117 Betriebe und 24 000 Beschäftigte zu, die meisten von ihnen arbeiten in Kupferschmieden oder Eisengießereien. Zu den bekanntesten verbliebenen Stahlunternehmen zählen die Lechstahlwerke in Meitingen (Landkreis Augsburg) und die Annahütte in Hammerau (Landkreis Berchtesgaden). Beide unterstehen der Max Aicher Stiftung, welche die Beteiligungen des Freilassinger Unternehmers verwaltet.Für die Stahlrohrproduktion wurden im Industriebericht nur gut 1100 Beschäftigte gelistet. Künftig werden es wohl 300 weniger sein. Die Belegschaft des Rohrwerks ist freigestellt, die Verhandlungen über einen Interessenausgleich laufen. Dabei hat sie in den vergangenen Jahren schon so vielen Krisen widerstanden. Viele der Arbeiter sind mehr als 50 Jahre alt, hochspezialisiert und dem Unternehmen treu verbunden. Eine „unglaublich schlagkräftige Truppe“, wie er sie selten erlebt habe, sagt Insolvenzverwalter Jochen Zaremba. Aber das helfe auch nichts, „wenn die ökonomischen Rahmenbedingungen sind, wie sie sind“.SZ Bayern auf Whatsapp:Nachrichten aus der Bayern-Redaktion – jetzt auf Whatsapp abonnierenVon Aschaffenburg bis Berchtesgaden: Das Bayern-Team der SZ ist im gesamten Freistaat für Sie unterwegs. Hier entlang, wenn Sie Geschichten, News und Hintergründe direkt aufs Handy bekommen möchten.Und die sind schlecht. Vor allem die Energiekosten machen der Stahlbranche zu schaffen. Auf deren Höhepunkt 2022 waren etwa die Lechstahlwerke in Meitingen gezwungen, immer wieder tageweise den Ofen auszuschalten. Dazu flutet billiger Stahl aus China den Markt. Und die US-Zollpolitik verkompliziert das Auslandsgeschäft zusätzlich.Auch dem Rohrwerk rannten am Ende die Kosten davon. Vor drei Jahren war man wieder einmal pleite. Vereinfacht formuliert wurde danach der Betrieb in drei Teile aufgespalten: einen fürs Operative, einen für die Anlagen und einen für alle Immobilienwerte. Außerdem sollte das Rohrwerk „grün“ werden. Bereits 2024 folgte trotzdem die nächste Insolvenz. Zaremba vermittelte den Einstieg eines Investors, von einer „Zukunftslösung“ war damals die Rede. Die hatte nicht lange Bestand, die operative Gesellschaft ist jetzt schon wieder insolvent. Dabei nahm das Rohrwerk für sich bis zuletzt eine Art Alleinstellungsmerkmal in Anspruch: Als eines von wenigen Werken weltweit fertigte es nahtlose Rohre, wie sie etwa für Geothermiebohrungen gebraucht werden.Die Rettungsaktionen der Landespolitik wirken nicht gerade entschlossen. Die Bayern-SPD schimpfte deshalb in Richtung Staatsregierung, es reiche nicht, „die Entwicklung von der Seitenlinie zu kommentieren“. Landesvorsitzende Ronja Endres forderte auf dem Gillamoos die Staatsregierung auf, ihren „verdammten Job“ zu erledigen.Bekannt ist, dass Bayerns Finanzminister Albert Füracker (CSU) sich mit der Bitte um Hilfe schriftlich an Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) gewandt hat. Ihr bayerischer Kollege Hubert Aiwanger (FW) schrieb ebenfalls einen Brief an sie: Die Bundesregierung solle bitte die Kreditanstalt für Wiederaufbau beauftragen, „die bestehenden Fördermöglichkeiten für das Unternehmen umfassend und mit höchster Priorität zu prüfen“. Denn das Rohrwerk habe eine „einzigartige Stellung“ in Deutschland eingenommen. Sollte es verschwinden, bedeute das nicht nur einen erheblichen industriepolitischen Verlust, sondern auch eine kritische Abhängigkeit von ausländischen Lieferanten.Jochen Zaremba ist Fachanwalt für Insolvenz- und Sanierungsrecht – und verwaltet momentan das Rohrwerk Maxhütte als Insolvenzverwalter. SRI RechtsanwaltsgesellschaftBriefe alleine werden das Unternehmen freilich nicht retten. „Teure Energie wird nicht dadurch billiger, dass man sie subventioniert“, sagt Insolvenzverwalter Zaremba. Dennoch hoffen sie in Sulzbach-Rosenberg, dass ein Investor einsteigen oder der Eigentümer der beiden anderen Gesellschaften den operativen Teil des Rohrwerks wieder unter sich vereinen möchte. „Es gibt noch einen Funken Hoffnung“, sagt Zaremba.Wie es heißt, sollen immerhin noch Gespräche über einen Weiterbetrieb laufen. Allzu gut stehen die Chancen dem Vernehmen nach aber nicht. „Es drängt jeder Tag“, sagt Bürgermeister Frank. Denn wenn die freigestellten Mitarbeiter erst einmal andere Jobs gefunden haben, kann die Produktion nicht mehr aufgenommen werden. Und anders als nach dem Aus der Maxhütte 2002 bietet der Arbeitsmarkt in der Region trotz Wirtschaftskrise Perspektiven. Die Arbeitslosenquote im Landkreis Amberg-Sulzbach liegt bei gerade einmal 3,5 Prozent. Frank zufolge beschäftigen die drei größten Arbeitgeber in Sulzbach-Rosenberg zusammen 2500 Mitarbeiter. Die Maxhütte spielt für den Arbeitsmarkt kaum noch eine Rolle.Die Zukunft liegt ohnehin auf der anderen Seite der Bahngleise: Das riesige Gelände des Stammwerks Maxhütte wird seit Jahren von den giftigen Hinterlassenschaft der Stahlproduktion gereinigt. Frank sagt, er sei seit seinem Amtsantritt im vergangenen Jahr massiv dahinter, dass sie bald für eine neue Bebauung freigegeben werde.
Sulzbach-Rosenberg: Mit der Pleite der Maxhütte geht in Bayern eine Ära zu Ende
Die Maxhütte steht für Bayerns Industrialisierung. Ihr Überbleibsel, das Rohrwerk, ist wieder insolvent – und bleibt womöglich für immer zu.






