PfadnavigationHomeRegionalesNordrhein-WestfalenKünstliche Intelligenz in der NRW-WirtschaftSuperrechner und AvatareVeröffentlicht am 14.09.2025Lesedauer: 6 MinutenBeschäftigen sich mit KI in der NRW-Wirtschaft: Professor Astrid Lambrecht, Vorstandschefin des Forschungszentrums Jülich (l.) und NRW-Wissenschaftsministerin Ina Brandes (CDU).Quelle: Guido M. HartmannDas Land NRW und seine Unternehmen wollen bei der künstlichen Intelligenz nicht abgehängt werden. Dafür gibt es jetzt neue Impulse aus Jülich.Für Ina Brandes und Astrid Lambrecht war es der zweite gemeinsame Auftritt auf großer Bühne innerhalb weniger Tage: Nachdem die NRW- Wissenschaftsministerin und die Vorstandschefin des Forschungszentrums Jülich den dortigen Supercomputer „Jupiter“ eingeweiht hatten, ging es am Dienstag auf einem Rheinschiff um das Thema „KI trifft Quantentechnologie und Wirtschaft“. Künstliche Intelligenz, so die CDU-Politikerin, werde helfen, den Wohlstand in NRW auch in kommenden Dekaden zu sichern. Dabei würden auch die Jülicher Rechenkapazitäten eine wichtige Rolle spielen, ergänzte Astrid Lambrecht, eine promovierte Quantenphysikerin. Künstliche Intelligenz, kurz KI oder AI für den englischen Begriff Artificial Intelligence, ist auch in NRW in aller Munde. Sie verändert Branchen und definiert für viele Menschen ihre Arbeitsweise neu. Um diese Entwicklungen zu diskutieren, waren rund 600 Entscheider auf Einladung des Vereins Digitale Stadt Düsseldorf und verschiedener Unternehmerverbände aus der Wirtschaftsregion Düsseldorf-Köln-Neuss zur Rheinfahrt mit Diskussionsrunden versammelt. So berichtete Klaus Kappen, Manager beim Düsseldorfer Rüstungskonzern Rheinmetall, dass im Bereich Wehrtechnik zunehmend KI eingesetzt werde. „Das Entscheidende ist heute die Geschwindigkeit der Rechenleistung.“ Die Entscheidung zum Einsatz treffe aber immer noch ein Mensch. Auch in der Landwirtschaft werde KI eine immer wichtigere Rolle spielen, sagte Martin Vesper, Chief Digital Officer beim Kölner Nahrungsmittelkonzern Pfeifer & Langen. So würden bildgebende Techniken in Landmaschinen und Drohnen die Anpflanzung, Aufzucht und Ernte landwirtschaftlicher Produkte zunehmend erleichtern. „Wir sind in einer industriellen Revolution, das ist sicher“, sagte Vesper, dessen Unternehmen unter anderem in Jülich eine Fabrik betreibt, in der aus Rüben aus der Region Zucker und Futtermittel gewonnen wird. Bundeskanzler weiht Supercomputer „Jupiter“ einGleich in der Nachbarschaft zur Zuckerfabrik befindet sich das Forschungszentrum Jülich, wo am 8. September Deutschlands schnellster Computer eingeweiht wurde, angereist war auch Bundeskanzler Friedrich Merz. Mit „Jupiter“ eröffneten sich „ganz neue Möglichkeiten – für das Training von KI-Modellen oder für wissenschaftliche Simulationen“, sagte Merz. Und diese Rechenleistung sollen auch Firmen aus NRW künftig zunehmend nutzen können, wie Astrid Lambrecht vom Forschungszentrum auf der Bootsfahrt berichtete. Die enorme Kapazität von „Jupiter“ erlaube das Training und die Anwendung größter Modelle der künstlichen Intelligenz und das Rechnen von wissenschaftlichen Simulationen mit bislang unerreichter Komplexität und Detailtiefe. Der Supercomputer, der zudem einer der energieeffizientesten seiner Art sei, ermögliche bahnbrechende Fortschritte unter anderem in Klima-, Energie-, Medizin- und Materialforschung. Der Wirtschaftsforscher und Chef des Kölner IW-Instituts, Professor Michael Hüther, geht bei der KI von einem volkswirtschaftlichen Potenzial von jährlich 330 Milliarden Euro Bruttowertschöpfung aus. Dies entspreche einem Arbeitsvolumen von fast vier Milliarden Stunden, sodass der demografisch bedingte Verlust durch eine schrumpfende Arbeitsbevölkerung bis 2030 weitgehend kompensiert werden könnte, so Hüther vor einem Jahr in einem Beitrag für die WELT. Doch bei aller Zukunftseuphorie in Wissenschaft und Politik gibt es in der Bevölkerung noch große Vorbehalte und auch Ängste beim Thema KI. Das zeigt eine aktuelle Umfrage der RWTH Aachen unter 1100 repräsentativ ausgewählten Menschen in Deutschland zu insgesamt 71 konkreten KI-Szenarien. Bewertet wurden die erwartete Eintrittswahrscheinlichkeit der Technologie, das wahrgenommene Risiko und der persönliche Nutzen von KI in diesen Szenarien. So wurden Anwendungen in der Gesundheitsversorgung oder zur Unterstützung älterer Menschen als nützlich und vergleichsweise sicher wahrgenommen. KI-Anwendungen im militärischen Kontext, bei Überwachung oder autonomen Entscheidungen über Leben und Tod wurden jedoch als unerwünscht und negativ bewertet, so Studienleiter Philipp Brauner vom Lehrstuhl für Kommunikationswissenschaft. Zudem zeige die Studie, dass gerade Menschen mit weniger technischem Verständnis in KI-Anwendungen eher Risiken und seltener ihren Nutzen sähen. „Je besser Menschen verstehen, wie KI funktioniert, desto besser können sie KI-Anwendungen ergebnisoffen und differenziert einordnen“, so Brauner. „Für uns ein klarer Appell für mehr Bildung und Aufklärung.“ „Die Menschen in den Mittelpunkt stellen“ Dass diese Aufklärung auch in der Wirtschaft vonnöten ist, betont man bei der Kompetenzplattform KI.NRW in Sankt Augustin bei Bonn. „NRW setzt auf vertrauenswürdige KI, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt“, sagte Geschäftsführer Christian Temath, ein promovierter Wirtschaftsinformatiker, WELT AM SONNTAG. Am benachbarten Fraunhofer-Institut für Intelligente Analyse- und Informationssysteme sei dazu schon 2021 ein Prüfkatalog entwickelt worden, mit dem sich Anforderungen an KI-Anwendungen in die reale Unternehmenspraxis überführen lassen ließen. „KI ist ein Team-Sport“, sagt Temath. Es sei wichtig, die Mitarbeiter frühzeitig einzubinden, zu informieren und zu schulen, um Ängste und Sorgen möglichst auszuräumen, so Temath, der mit seinem Team daran arbeitet, die Marke „KI made in NRW“ zu etablieren. Laut Temath gibt es in NRW bereits mehr als 1600 KI-Akteure aus Wissenschaft, Wirtschaft, Gesellschaft, mehr als 450 KI-Unternehmen, über 190 KI-Start-ups sowie rund 160 Studiengänge mit KI-Modulen. Neben großen Versicherungen wie der Ergo und dem Telekommunikationsriesen Vodafone in Düsseldorf setzen auch die beiden großen NRW-Messen bereits auf verschiedene KI-Anwendungen. So gab es bei der Messe Düsseldorf schon Anfang 2023 einen ersten internen Workshop zur Diskussion möglicher KI-Anwendungsfelder. Mitte 2023 startete dann eine sechsmonatige ChatGPT-Testphase zur Erprobung von Einsatzmöglichkeiten, möglichen Risiken und dem richtigen Umgang mit den neuen Techniken, wie ein Sprecher berichtet. Und vor wenigen Tagen präsentierten die Düsseldorfer ihr erstes vollständig KI-generiertes Video, das ihre neue Veranstaltung Xponential Europe, eine Messe für autonome Systeme und Robotik, bewerben soll. „Wir haben das Potenzial von KI frühzeitig erkannt und implementiert – sowohl intern in unsere Prozesse als auch extern in digitale Tools für unsere Kunden“, sagt Wolfram N. Diener, Vorsitzender der Geschäftsführung der Messe Düsseldorf. „Ziel ist es, Kommunikation neu zu denken, Prozesse zu verschlanken und die Chancen generativer Technologien kreativ und verantwortungsvoll zu nutzen.“ Der Avatar des Geschäftsführers spricht Japanisch Auch bei der Koelnmesse hat man bereits 2023 mit der Einführung von künstlicher Intelligenz begonnen. „So haben wir in den vergangenen Jahren zahlreiche Anwendungsfälle umgesetzt, um Prozesse zu beschleunigen und Lösungen für Kundinnen und Kunden zu schaffen, die ohne KI nicht umsetzbar gewesen wären“, sagt eine Sprecherin. 2024 habe man alle etwa 1000 Beschäftigten am Standort Köln im Umgang mit künstlicher Intelligenz geschult. Ziel sei es, „das Wissen über KI-Anwendungen unternehmensweit zu stärken und den verantwortungsvollen Einsatz dieser Technologien im Arbeitsalltag zu fördern“, so Messechef Gerald Böse.Ein starkes Zeichen für die KI-Affinität setzen die Kölner bei ihrer jüngsten Pressekonferenz zur „Anuga FoodTec“, die sich an ein asiatisches Fachpublikum in China und Japan richtete. Erstmals wurden dabei KI-gesteuerte Avatare eingesetzt, unter anderem von Geschäftsführer Oliver Frese. Mithilfe dieser virtuellen Doppelgänger konnten Frese und sein Team in Echtzeit und interaktiv sowohl chinesisch als auch japanisch mit den Journalisten sprechen – obwohl sie in Wirklichkeit beide Sprachen gar nicht beherrschen.