PfadnavigationHomeRegionalesNordrhein-WestfalenNetzausbauWenn für KI-Rechenzentren der Strom fehltVon Stefan LaurinVeröffentlicht am 30.04.2026Lesedauer: 5 MinutenSpatenstich im Rheinischen Revier für neue Rechenzentren von Microsoft. Mit den Standorten in Bergheim, Bedburg und Elsdorf baut das Unternehmen seine Cloud-Kapazitäten ausQuelle: picture alliance/Bonn.digital/Marc JohnNordrhein-Westfalen setzt für seine wirtschaftliche Zukunft auf Künstliche Intelligenz. Dafür braucht man Rechenzentren. Und die brauchen viel Strom. Doch der ist nicht überall verfügbar.Vom Industriebetrieb über Hochschulen bis hin zum Kinderzimmer: Überall ist man auf die Leistung von Rechenzentren angewiesen. Sie sind die Voraussetzung dafür, dass KI-Modelle, Bürosoftware oder Streamingdienste laufen. Rechenzentren sind Teil einer Infrastruktur, die längst so unverzichtbar ist wie Straßen, Schienen und Wasserleitungen. Doch diese Rechenzentren brauchen elektrischen Strom, viel Strom. Ihre Größe wird auch nicht, wie bei einem einfachen Computer, durch die Rechenleistung angegeben, sondern allein durch ihren Stromverbrauch. Nach einer Studie des Branchenverbandes Bitkom verfügten alle Rechenzentren in NRW im Jahr 2025 über eine Anschlussleistung von knapp 400 Megawatt. Das entspricht ungefähr dem Stromverbrauch aller Haushalte der Stadt Köln. Sollten alle derzeit geplanten Rechenzentren tatsächlich gebaut werden, würde sich die benötigte Leistung auf rund 750 Megawatt nahezu verdoppeln. Doch ist es überhaupt möglich, all diese Rechenzentren an leistungsstarke Netze anzuschließen und mit dem nötigen Strom zu versorgen? Recherchen von WELT AM SONNTAG zeigen, dass das zumindest in ländlichen Regionen derzeit noch fraglich ist.Lesen Sie auchWie die digitale Zukunft Nordrhein-Westfalens aussehen soll, davon hat Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) eine klare Vorstellung. In einem Beitrag für die Konrad-Adenauer-Stiftung schrieb er im vergangenen Jahr: „In Nordrhein-Westfalen haben wir hervorragende Voraussetzungen, zum führenden deutschen und europäischen KI-Standort zu werden.“ Und tatsächlich kann das Land Erfolge vorweisen. In Jülich hat „Jupiter“, der schnellste Rechner Europas, im vergangenen Jahr den Betrieb aufgenommen. Vor einem Monat begann Microsoft mit dem Bau des ersten von mehreren Rechenzentren im Rheinischen Revier. Und der US-Konzern Blackstone baut eine Anlage für vier Milliarden Euro in Lippetal. Doch die digitale Zukunft besteht nicht nur aus solchen Leuchtturm-Projekten. Nordrhein-Westfalen ist ein Flächenland mit 18 Millionen Einwohnern und Hunderttausenden Unternehmen – auch im ländlichen Raum. Eines von ihnen führt Stephan Guht, Chef von „A+E Keller“ in Arnsberg, einer Firma, die vor allem für die Automobilindustrie arbeitet. Schon heute setze „A+E Keller“ auf KI, wenn es um das Übersetzen von Texten gehe, sagt Guht. „Man kann heute problemlos Online-Meetings in unterschiedlichen Sprachen führen, die zeitgleich vom Programm übersetzt werden.“Für die Zukunft hat Stephan Guht allerdings weitreichendere Pläne. „Künftig soll KI anhand der Kontrollergebnisse dabei helfen, die Fertigungsprozesse zu optimieren“, sagt Guht. „Im besten Fall soll sie so in die Maschinensteuerung eingreifen, dass keine sogenannten Schlechtteile mehr entstehen.“Ob Guht tatsächlich eine solche KI einführen kann, hängt vor allem davon ab, ob die Stromversorgung für das dafür nötige Rechenzentrum funktioniert. Rechenzentren mit einer Anschlussleistung zwischen drei und fünf Megawatt lassen sich in vielen Regionen Nordrhein-Westfalens auch kurzfristig anschließen. Es sind Zentren, wie sie Chemieparks und große Industriebetriebe benötigen. Auch gestreamte Filme laufen über diese eher kleinen Zentren, die dennoch so viel Strom verbrauchen wie 10.000 Haushalte.Lesen Sie auchEng wird es bei Rechenzentren mit mehr als zehn Megawatt Anschlussleistung. Diese Größenordnung ist typisch für Standorte, auf deren Rechnern Materialforschung betrieben wird oder Digital Twins laufen, das sind virtuelle Abbilder von Fabriken, mit denen sich Produktionsprozesse simulieren und optimieren lassen. Ausgerechnet in Süd- und Ostwestfalen, zwei der wichtigsten Industrieregionen von NRW, ist es zurzeit nicht möglich, Rechenzentren dieser Größenordnung kurzfristig ans Netz anschließen zu lassen. Beim Unternehmen Enervie, zuständig für die Stromnetze in großen Teilen Südwestfalens, geht man davon aus, dass es zehn Jahre dauern würde, ein Zehn-Megawatt-Rechenzentrum anzuschließen. Die Bielefelder Netz GmbH rechnet mit einer Wartezeit von bis zu drei Jahren. Besser sieht es in Münster, Bonn, Bochum, Köln und Dortmund aus.Wo die Kapazitäten der Stadtwerke an ihre Grenze kommen, schlägt die Stunde von Verteilnetzbetreibern wie Westnetz oder Amprion, zuständig für das Höchstspannungsnetz in NRW. Beide Unternehmen nennen zwar keine genauen Zahlen. Klar sei aber: „Der Bedarf an Netzanschlüssen für Rechenzentren wächst nicht nur linear, sondern exponentiell“, so ein Sprecher von Westnetz. Zu Beginn der Digitalisierung seien vereinzelte Anfragen im zweistelligen Megawattbereich typisch gewesen, so sagt er, nun habe das Unternehmen regelmäßig mit Projekten von 100 Megawatt Anschlussleistung zu tun. „Anschlüsse mit einer Leistung von 50 bis 100 Megawatt liegen in der Größenordnung des Leistungsbedarfs von Städten bis zu 100.000 Einwohnern.“ Große Rechenzentren von Google, Microsoft oder Amazon gehören zu dieser Liga. Meist müsse dafür das Netz verstärkt werden. Oder man müsse neue Anschlüsse bauen. Kurzfristige Anschlüsse solcher Größenordnung, heißt es bei Amprion, seien in der Regel nicht möglich.„Anspruch und Wirklichkeit klaffen spürbar auseinander“„Rechenzentren sind die Grundlage einer leistungsfähigen, zukunftssicheren digitalen Infrastruktur“, sagte jüngst Nordrhein-Westfalens Wirtschaftsministerin Mona Neubaur (Grüne). Dass das Land ein attraktiver Standort für Investitionen sei, führte sie aus, belegten die bisherigen Erfolge in diesem Bereich. Grundsätzlich bestätigt das auf Anfrage von WELT AM SONNTAG auch der Branchenverband German Datacenter Association – und fügt sogleich eine Einschränkung hinzu: „Der limitierende Faktor ist jedoch – wie bundesweit – der Stromnetzausbau.“ Derzeit müssten neue Rechenzentrumsprojekte durchschnittlich bis zu sieben Jahre auf einen Netzanschluss warten. André Stinka, wirtschaftspolitischer Sprecher der SPD-Fraktion, kritisiert das: „Während die Landesregierung Tempo beim Ausbau von Windkraft, Batteriespeichern und neuen Industrieansiedlungen verspricht, klaffen Anspruch und Wirklichkeit bei den Netzkapazitäten spürbar auseinander.“ Die Ansiedlung großer Rechenzentren entfalte enorme Strahlkraft für KI, Digitalisierung und regionale Wertschöpfung. Flexible Anschlussregeln, intelligentes Engpassmanagement und eine realistische Netzplanung seien deshalb wirtschaftspolitische Kernfragen.Henning Höne, Vorsitzender der FDP-Landtagsfraktion, betont hingegen die Vorteile, die NRW mitbringe: An Standorten wie Frankfurt würden Energie und Fläche zunehmend zum Flaschenhals. „Das ist eine echte Chance für NRW, wenn wir jetzt die richtigen Weichen stellen.“ Für weitere Rechenzentren brauche es einen beschleunigten Ausbau der Strom- und Übertragungsnetze sowie mehr Tempo bei Netzanschlüssen, sagt er. Versorgungssicherheit und wettbewerbsfähige Energiepreise seien dabei zentrale Standortfaktoren. Für günstige Energie will das grüne Ministerium sorgen. Künftig soll mehr Strom von Windkraftanlagen auf dem Meer nach NRW kommen.