PfadnavigationHomeRegionalesHamburgSeelsorge am AirportMal skurril, mal existenziell - die Erlebnisse eines Flughafen-PastorsVeröffentlicht am 14.09.2025Lesedauer: 4 MinutenDer scheidende Flughafenseelsorger Björn Kranefuß am Hamburger Flughafen.Quelle: Oliver Sorg/oliver sorgEin vergessener Kündigungsbrief, ein Reisesegen im Terminal, stille Gespräche im Andachtsraum: Seit 25 Jahren begleitet Björn Kranefuß Menschen am Hamburger Flughafen – in Momenten der Freude, der Not und des Abschieds. Nun geht er selbst.Ein Mann steht an der Bordkartenkontrolle, verzweifelt. Er hat vergessen, seine Kündigung abzuschicken, und gleich geht sein Flug. Dann sieht er den Pastor, erkennt ihn wohl am Kollarhemd, das viele Geistliche tragen. „Er fragte mich, ob ich den Brief für ihn einwerfen könnte“, erzählt Björn Kranefuß. „Ich habe es getan.“Solche Begegnungen gehören für den Flughafenseelsorger zum Alltag – mal kurios, mal existenziell. „Es gibt fast jeden Tag einen Krankenwagen am Flughafen. Wenn Angehörige dabei sind, die nicht weiterwissen, dann ruft man mich. Ich habe Zeit für sie, wenn andere keine haben.“ Es sind Momente, in denen Menschen aus der Bahn geworfen werden: ein plötzlicher Tod, eine schlechte Nachricht, ein medizinischer Notfall. „Da geht es darum, einfach da zu sein, zuzuhören, Halt zu geben.“Lesen Sie auchDoch nicht alles ist an der Arbeit am Flughafen ist schwer. Kranefuß spendet Reisesegen für Menschen, die sich aufmachen in die Ferne. „Manche bitten darum, bevor sie in den Urlaub fliegen oder zu einer wichtigen Reise aufbrechen.“ Er hat Hochzeiten gefeiert – mitten im Terminal, zwischen Anzeigetafeln und Abflugschaltern. Jeden zweiten Mittwoch gab es eine Andacht. „Auch Taufen finden hier statt“, sagt er.Sein Tag beginnt oft in einem Raum, den viele nie bemerken: dem Andachtsraum. „Er liegt etwas versteckt, so dass man nicht zufällig darüber stolpert. Man muss schon wissen, dass es ihn gibt.“ Manche kommen für einen Moment der Ruhe, andere mit einem konkreten Anliegen. „Weil hier am Flughafen alles relativ anonym ist, fällt es manchen Menschen leichter, sich im geschützten Raum zu öffnen.“Seit dem Jahr 2000 ist Kranefuß der evangelische Flughafenseelsorger in Hamburg – der erste überhaupt. Am 16. September wird er in einem Gottesdienst verabschiedet. „Hier bin ich nicht der Hausherr in einer Kirche, sondern muss mich als Pastor an die Umgebung anpassen“, sagt er. „Ich empfinde es als Berufung. Auf Leute zuzugehen, ein Gespür für Situationen zu entwickeln ist das, was ich am besten kann.“Besonders nah geht ihm seit Jahren das Thema Obdachlosigkeit. „Ich versuche, Lösungen zu finden, vermittle Hilfen. Brauchen sie einen Arzt, eine Unterkunft, Essen? Das sind oft aufwendige Prozesse.“ Für viele ist der Flughafen ein warmer Ort im Winter, ein sicherer Platz. „Aber er ist kein Zuhause. Wir versuchen, Perspektiven zu schaffen.“„Ich liebe diesen Ort“Als Kranefuß begann, war Fliegen noch ein Symbol für die große weite Welt. „Dann kam 9/11 – eine Zäsur. Die Sicherheitsvorkehrungen haben den Flughafen verändert“, erinnert er sich. Auch seine Rolle ist gewachsen: „Der Flughafen ist wie ein kleiner Stadtteil mit vielen unterschiedlichen Menschen.“Warum blieb er so lange? „Ich liebe diesen Ort – die Helligkeit, die Größe, die Geschäftigkeit. Ich weiß nie, was so genau passiert. Ich habe mich auch nie gelangweilt hier.“Lesen Sie auchNun steht ein neuer Lebensabschnitt bevor. „Ich nehme mir ein halbes Jahr bewusst nichts vor. Danach sehe ich weiter.“ Ruhestand empfindet er als „Projekt“ – und zitiert das Evangelium vom Seewandel des Petrus: „Er steigt aus dem Boot und weiß nicht, ob der Boden trägt. So fühlt sich das für mich an.“Seine Nachfolgerin Christina Stemmann, 46, war Pastorin in Schenefeld und an einer Berufsschule in Pinneberg. Sie kennt den Flughafen aus einer anderen Perspektive: „Im Studium habe ich am Check-in gejobbt. Als ich von der Stelle las, dachte ich: Das passt zu mir.“Vielleicht auch, weil sie mit ihrer Familie in Niendorf lebt. Der Stadtteil grenzt an den Flughafen. Manchmal führt der kürzeste Weg direkt durchs Terminal und dann mit der S-Bahn weiter in Richtung Innenstadt.Dass sie Kranefuß in ihrer Zeit am Flughafen nie persönlich getroffen hat, findet sie schade. „Ich habe von ihm in der Kirchenzeitung gelesen, als ich nach dem Grundstudium ein Gespräch mit dem Ausbildungsdezernat geführt habe. Da kam ich gerade von der Frühschicht vom Flughafen – und dachte, dass diese Aufgabe etwas für mich wäre!“ Doch erst kamen andere Stationen.Am 16. September werden beide in einem Gottesdienst verabschiedet und eingeführt. Für Kranefuß endet damit ein Kapitel, das er selbst so beschreibt: „Ich bin hier wie ein Stadtteilpastor – mittendrin, wo das Leben spielt.“
Seelsorge am Airport: Mal skurril, mal existenziell - die Erlebnisse eines Flughafen-Pastors - WELT
Ein vergessener Kündigungsbrief, ein Reisesegen im Terminal, stille Gespräche im Andachtsraum: Seit 25 Jahren begleitet Björn Kranefuß Menschen am Hamburger Flughafen – in Momenten der Freude, der Not und des Abschieds. Nun geht er selbst.







