Der Dirigent tanzt, wiegt sich in den Klangwellen der Sinfonie wie eine Seeanemone in einer sanften Meeresströmung. Der Dirigent wird zum Raubtier, das zuschnappt. Der Dirigent beantwortet unermüdlich Fragen, bittet mitunter mit einem mahnenden Blick um Ruhe. Omer Meir Wellber ist ein erfahrener Orchesterleiter und hat soeben mit 43 Jahren das Amt des Generalmusikdirektors in Hamburg angetreten. Derzeit probt er in der Laeiszhalle für den Auftakt der Philharmonischen Konzerte in der Elbphilharmonie am 14./15. September und nimmt sich Zeit für ein Gespräch mit WELT, um seine Pläne für die erste Saison vorzustellen. WELT: Welchen Eindruck haben Sie von der Arbeit mit dem Philharmonischen Staatsorchester, mit dem Sie gerade Bruckners siebte Sinfonie proben? Merken Sie, dass das Orchester zuletzt zehn Jahre mit Kent Nagano gearbeitet hat oder spielt das keine Rolle? Omer Meier Wellber: Jedes Orchester, das man trifft, hat im Guten wie im Schlechten eine patriarchale Vorgeschichte und seine eigenen Probleme, manchmal auch matriarchalische. Das ist eine Konstante, das ist das Schöne daran. Es ist auch sehr mystisch – und telepathisch, weil die meisten Dinge tatsächlich unausgesprochen bleiben. Das hat mit einer komplexen Kommunikation zu tun, weil eine sehr große Gruppe von Leuten versucht, gemeinsam etwas zu machen. WELT: Beschäftigt Sie das sehr?Meier Wellber: Ich denke nicht viel darüber nach, aber ich fühle es, und das ist natürlich auch der Grund, warum ich diesen Beruf so sehr mag, dieses Leben. Gern sage ich mit den Worten des britischen Dirigenten Sir Thomas Beecham „Das Orchester ist ein Drachen mit 150 Köpfen“. Es hat seine eigene Sprache, seine Intentionen, als Gruppe, aber auch jeder Einzelne. Also ist es extrem spannend, anzufangen und zu sehen, wie man diese Gruppe motivieren kann, was sie braucht oder zumindest mit dem, was sie möglicherweise braucht, ohne es zu wissen. WELT: Bei der Probe dachte ich: Das muss schrecklich sein. Der Dirigent hat eine klare Vorstellung davon, was er hören will. Und dann muss er mit diesem reden und mit jenem, und die Musik beim Dirigieren gleichzeitig verkörpern und einfordern. Also ist der Dirigent gleichzeitig Künstler, Lehrer, Professor, muss die Disziplin wahren und auch noch eine Vision vermitteln. Meier Wellber: Das ist wahr. Wenn ich eine Partitur lese oder etwas dirigiere, stelle ich mir normalerweise etwas vor. Wenn ich lese und die Musiker spielen, gibt immer eine Lücke zwischen dem, was ich lese, und dem, was ich höre. Im Grunde genommen geht es bei der Arbeit darum, diese Lücke zu verkleinern. Interessant ist auch, wie kontraintuitiv das mitunter ist. Ich möchte etwas und höre etwas anderes. Dann ist die Frage, woran es liegt. Kann das Orchester es nicht anders spielen oder weiß es nicht, dass es auf eine andere Art geht. Liegt es daran, dass ich etwas falsch lese? Viele Fragen. Also arbeite ich auf einen Klang hin, von dem ich aus Erfahrung weiß, dass er möglich ist. Wobei ich bei Bruckners Siebter, die wir jetzt machen, ziemlich viele neue Dinge ausprobiere, die ich vorher nicht gemacht habe.WELT: Welches Signal senden sie mit dem Eröffnungswochenende unter dem Motto „Drei Tage wach“ und besonders dem „Housewarming Concert“ zum Auftakt am 26. September, das von Ina Müller moderiert wird. Meier Wellber: Die Einweihungsfeier soll im Grunde eine Botschaft transportieren: Das Theater ist ein Ort für alle. Aber das ist kein Slogan, wir wollen das erreichen. Wobei andere es sich häufig leicht machen und die Verantwortung für ein junges, ein neues Publikum der Kulturwelt aufbürden. Das ist nicht unsere Verantwortung. Aber dass jemand, wenn er einmal da war, ein zweites Mal kommt, das ist unsere Verantwortung. Ich bin mir zum Beispiel sicher, dass selbst jemand, der nur zur Einweihungsfeier kommt und noch nie in einer Oper war, wiederkommt. Es wird total lustig und verrückt. Wir werden DJs und Konzerte in den Foyers haben und viele andere Dinge. WELT: Sie starten mit dem „Housewarming“ mit dem neuen Opernintendanten Tobias Kratzer in Ihre erste Saison. Welche gemeinsame Idee von Oper und Philharmonischen Konzerten verfolgen Sie dabei?Meier Wellber: Interessant ist, dass wir tatsächlich eine gemeinsame Idee haben, die dann jeder für sich auf etwas andere Art und Weise umsetzt. Nicht grundsätzlich anders, aber mit einer anderen Interpretation. Dabei gehen Tobias und ich von unserem künstlerischen Instinkt aus, der in eine Vision mündet. Bleiben wir erst einmal beim musikalischen Ansatz: In den Konzerten ist das Ziel für mich sehr, sehr klar. Mittlerweile bin ich 43 Jahre alt, habe tausende von Konzerten gehört und weiß, was mich im Moment interessiert. Das Philharmonische Staatsorchester und ich werden dem Konzertbetrieb in freundschaftlicher Zusammenarbeit einiges von der Qualität, der Bedeutung und dem Sinn zurückgeben, der im allgemeinen Konzertbetrieb in Vergessenheit geraten ist, Klang zum Beispiel. Das klingt offensichtlich, ist es aber nicht. WELT: Welchen Klang, welches Klangbild streben Sie an?Meier Wellber: Wir wollen einen Klang schaffen, den man greifen kann, der unsere Identität ausdrückt und uns zugleich identifizierbar macht. Das ist nicht unambitioniert, wenn bedenkt man, dass im Orchester 25 Nationalitäten vertreten sind. Der Klang soll erkennbar sein, zumindest als Gefühl, das sich beim Hören einstellt. Das interessiert mich sehr. In dieser Hinsicht ist das Philosophische Staatsorchester der perfekte Partner: Es gibt keine technischen Probleme. Das heißt, wir können Zeit und Raum nutzen, um Neues auszuprobieren. Eine weitere gute Voraussetzung ist, dass das Orchester aus der gewaltigen Tradition der deutschen Schule kommt, die auch meine Schule ist und die ich grundsätzlich für die richtige halte, wenn wir von Klang sprechen. Das ist eine Art von Ästhetik, die ich sehr mag. WELT: Sie haben für Ihre erste Saison für die Philharmonischen Konzerte in der Elbphilharmonie „Überschreibungen“ von je einem Satz einer klassischen Komposition angekündigt, die neue Hörerfahrungen ermöglichen …Meier Wellber: Genau, es geht nicht nur darum, Sinfonien wie 1954 zu spielen, also im Konzertsaal so zu tun, als wäre die Zeit stehen geblieben, während wir in einem tollen, modernen Gebäude wie der Elbphilharmonie sitzen und draußen ist 2025. Was wir machen, nenne ich „Zeitspiel“. Wir haben für jedes Programm der Philharmonischen Konzerte einen zeitgenössischen Komponisten beauftragt, ein neues Werk zu schaffen. Das neue Werk wird anstelle eines Satzes in ein klassisches Werk eingewoben und ermöglicht eine zeitgemäße Reflexion des Originals. Der neue Satz soll dabei einigen konzeptionellen, ästhetischen und stilistischen Prinzipien des Originals folgen. Im ersten Konzert interpretiert Stephen Hough Beethovens drittes Klavierkonzert. Der zweite Satz wird durch eine Komposition von ihm ersetzt. WELT: Damit gehen Sie ins Risiko.Meier Wellber: Wir riskieren etwas, aber das Konzert ist ein Live-Ereignis, das Spaß machen soll. Hier ist die Idee einfach, das Konzerthaus und unsere Bühne zu einem Kindergarten zu machen, zu einer Art Spielplatz, auf den die Leute gehen, auf dem sie sich entspannen können, mit ihren Freunden zusammen sein, lachen, weinen, sich langweilen, glücklich sein, interessiert sein, sich gut unterhalten fühlen. Die Überschreibungen in der ersten Saison sind ein Anfang, das Programm wird in den folgenden Jahren mit anderen Projekten fortgeführt, ohne dass ich jetzt vorgreifen möchte.WELT: Wohin soll das führen? Spaß im Konzert …Meier Wellber: Es geht darum, einen großen Augenblick ohne Telefone zu erleben. Für die zwei Stunden, in denen wir im Saal zusammen sind, ist dieser Raum ein kreativer Raum und ein aktiver, kein passiver Raum. Es wird also auf verschiedenen Ebenen aktiviert: auf der intellektuellen Ebene, auf musikalischer Ebene, und auch auf der thematischen Ebene. Das Wort Spaß benutze ich sehr bewusst, Unterhaltung hat im Deutschen nicht immer einen guten Beiklang. WELT: Sie selbst stehen scheinbar unter Feuer, während Sie von Entspannung sprechen.Meier Wellber: Eine gute Kombination. Was ich gesagt habe, gilt für die Konzerte und für die Oper. Alles, was ich beschrieben habe, wird auch in der Oper zum Ausdruck kommen. Wir arbeiten mit neuer und alter Musik, haben völlig verrückte Projekte, wie die „Große Stille“, die wir in dieser Saison im Opernprogramm machen, ein Musiktheaterabend als komplette Neuerfindung zur Musik von Mozart. Das Stück mache ich mit Christopher Rüping. Jedes Meeting, das wir dazu abhalten, wird immer intensiver. Das Projekt wird komplexer und immer ideenreicher. Die Premiere ist am 15. März 2026WELT: Mit Musiktheaterabenden lässt sich die Neugier wecken …Meier Wellber: Dahinter steht auch die Vorstellung, dass die Staatsoper, physisch und spirituell, wirklich das Zentrum der Stadt ist. Auch sonst versuchen wir, das Theater zum Zentrum zu machen, wie bei dem gemeinsamen Projekt mit Martin Lingnau im Schmidts Tivoli, „Peter und der Wolf von St. Pauli“, und anderen Projekten, die sehr mit Hamburg verbunden sind.WELT: Die Staatsoper oder das große Theater wie das Deutsche Schauspielhaus nicht nur physisch, sondern auch in der Debatte mitten in der Stadt zu haben, das war vor 30 Jahren noch so, aber mit dem Wandel der Medien, dem Internet, hat sich auch die Struktur von Öffentlichkeit verändert. Das Theater ist nach meiner Wahrnehmung aktuell eher eine Randerscheinung in der Stadtgesellschaft.Meier Wellber: Wir haben also ein ehrgeiziges Ziel, mit hohem Einsatz. Aber ich glaube, dass wir uns hohe Ziele setzen sollten. Schließlich leben wir in interessanten Zeiten …WELT: Ein chinesischer Fluch lautet angeblich: Mögest Du in interessanten Zeiten leben.Meier Wellber: Die Zeiten sind auf jeden Fall sehr interessant. Mit Blick auf die Konflikte in der Welt, in der Gesellschaft fühle ich in mir zugleich extremen Optimismus und extremen Pessimismus. Das Schöne ist, dass sie tatsächlich miteinander verbunden sind – wie die extreme Linke und die extreme Rechte. Eigentlich verbinden sie sich miteinander, schließt sich am Rand der Kreis. Dieses Gefühl habe ich auch, wenn ich an Theater oder an die Zukunft der Kultur denke.WELT: Was bedeutet das für die Arbeit der Staatsoper?Meier Wellber: Ich glaube, wir sollten uns grundsätzlich immer nach etwas Besserem sehnen. Wir dürfen weder die Qualität unserer Arbeit noch die Beziehung zu den Menschen jemals aufs Spiel setzen. Die wollen wir erreichen. Das tun wir mit vielen Initiativen, von offenen Generalproben über Debatten, neue Spielorte, viele Projekte. Ein weiteres Beispiel ist die „Mass“, Leonard Bersteins „Messe“, mit mehr als 200 Künstlerinnen und Künstlern. Die wird auch in der Elbphilharmonie stattfinden, im Mai. WELT: Sie werden viele Konzerte in der Elbphilharmonie leiten, wie viel werden Sie in der Oper arbeiten? Schließlich sind Sie nur eine Person.Meier Wellber: Ich mache tatsächlich sehr viel. Mir hat sogar jemand geschrieben, dass ich der Musikdirektor bin, der in Deutschland momentan die meisten Dienste macht. Aber der Neustart in Hamburg ist eine echte Chance. Alles, worüber wir bisher gesprochen haben, wird nicht passieren, wenn ich nicht anwesend bin, nicht vor Ort. Wir müssen das Haus einmal gründlich durchfegen. Da reicht es nicht, dreimal im Jahr für eine neue Produktion zu kommen. Es gibt ein schönes sizilianisches Sprichwort: „Wo du deinen Sommer verbracht hast, wirst du auch im Winter sein.“ Das bedeutet, wo Du Spaß hast, musst Du auch etwas geben, in der weniger lustigen Zeit. WELT: Gleich zum Auftakt häufen sich Ihre Projekte. Nach dem Auftakt der Philharmonischen Konzerte kommt die Operneröffnung mit „Das Paradies und die Peri“ …Meier Wellber: … anschließend mache ich „Salome“. Dann folgt die „Blaue Woche“, in der zum Auftakt am 8. Oktober in der Halle 424 im Oberhafenquartier „Le Marteau sans metre“ von Pierre Boulez erklingt. Das ist vielleicht eines der schwierigsten Stücke, die je geschrieben wurden. Als ich Boulez ein paar Monate lang assistiert habe, hat er mir erzählt, dass er mit seinem Ensemble bis zur Uraufführung 38 Proben brauchte. Wir haben sechs. Am 12. Oktober wir dann „Die acht Jahreszeiten“ in einer Kombination von Vivaldi und Piazolla in der Elbphilharmonie. Da dirigiere ich und spiele auch Akkordeon und Cembalo. Dazu kommt das Improvisationsprojekt „Peter und der Wolf von St. Pauli“ im Schmidts Tivoli. Für mich war von Anfang an klar, dass die Staatsoper viel Liebe braucht. Und wer hohe Ziele hat, muss die ganze Zeit da sein, um die Menschen auf der Bühne und in der Stadt zu überzeugen, dass wirklich etwas los ist, etwas Neues beginnt. WELT: Wenn Sie in vielen unterschiedlichen Konstellationen arbeiten und in der Welt der Musik aufgehen, ganz gleich ob Klassik, Volksmusik oder anderes, vermissen Sie das Komponieren? Meier Wellber: Nicht so sehr, ich arbeite ja auch viel mit Komponisten zusammen und gebe ihnen Input, viele Ideen, also fühle ich mich irgendwie als Teil der Idee. In den letzten Jahren, zumindest wenn ich mich wirklich ausdrücken möchte, schreibe ich. Letzte Woche ist mein neuer Roman in Israel erschienen, der von einer jüdisch-russischen Familie handelt und um die Frage von Schuld und Vergebung kreist. WELT: Wird der neue Roman wie Ihr literarisches Debüt „Die vier Ohnmachten des Chaim Birkner“ auch auf Deutsch erscheinen?Meier Wellber: Es gibt zwar noch keine konkreten Pläne, aber wir gehen davon aus, dass der Roman auch auf Deutsch erscheinen wird.