Urlaub zwischen Diabolos, einer Luftmatratze in Form eines Meerestiers, gebotoxten Engländerinnen und einem französischen Regierungssprecher: Auf einem Campingplatz in der Dordogne lebt noch der Traum eines vereinten Kontinents, findet zumindest unser Autor.Es sind 40 Grad, als wir im französischen 477-Menschen-Dorf Beynac-et-Cazenac im Département Dordogne ankommen. Der Ort besteht aus jahrhundertealten Steinhäusern, die entlang des Flusses an den Hügel gebaut wurden. Über allem thront das Château de Beynac, eine im 12. Jahrhundert erbaute Burg, die wie Hogwarts aus gelbem Kalkstein aussieht.Der Campingplatz Le Capeyrou liegt an der Durchfahrtsstraße gegenüber der Dorfmetzgerei, wo sie morgens Wachteln die Köpfe abreißen und Brathähnchen auf die Spieße stecken. Da ist noch ein Bäcker, mit fantastischen Baguettes und noch besseren Tartelettes framboises. Und sie nehmen alle Karte. Der kleine Supermarkt, vielleicht 100 Quadratmeter groß, hat draußen sogar eine Fischtheke mit frischen Austern für 1,50 Euro das Stück. Wir melden uns an der Rezeption des Campingplatzes, die sich in einem alten Kalksteinhaus befindet und an einer Bar angrenzt, in der an diesem Nachmittag schon einige Jupiler-Biere gezapft und mit Erdnüssen ergänzt ausgegeben werden. Vor dem Tresen mit französischen Coca-Cola- und Bierschildern liegt der Barhund und schläft.Ich war nie ein Freund von Camping. Nicht wegen irgendwelcher Kindheitstraumata. Wir waren mal campen am Tarn, einem Fluss in den Cevennen, ich fand das nicht schlimm. In meiner Erinnerung sehe ich eine Schlucht wie aus einer Winnetou-Verfilmung, und ich sehe braun gebrannte Holländer in knappen Speedos auf orangefarbenen Kanus vorbeifahren. Ich sehe mich Franc-Münzen in einen Autosimulator werfen, der in einer Bar Tabac steht. Und ich sehe meinen Vater Espresso trinken und rauchen und meine Mutter Tischdecken mit Lavendel-Druck kaufen. Lesen Sie auchAls Erwachsener, der sein eigenes Geld verdient, fand ich die Vorstellung von Camping aber nicht besonders toll. Die Vorstellung von Sammelduschen, liegengebliebenen Socken in den Waschräumen und all das schreckten mich ab. Aber seit ich mit meiner Frau und den Kindern einige Male in der Fränkischen Schweiz zelten war, auf dem schönsten Zeltplatz der Welt, der nur eine Wiese in einem Wald ist, über der nachts die Sterne funkeln – seitdem finde ich das ganz okay.Trotzdem ist es natürlich schweißtreibend, bei 40 Grad ein Zelt aufzubauen. Wir haben ein Drei-Zimmer-Zelt. An den beiden Außenseiten links und rechts sind zwei Schlafkammern, in der Mitte ein vielleicht 1,50 Meter mal 1,50 Meter großes, ich nenne es mal: Wohnzimmer. Aufrecht stehen kann man im Zelt nicht. Aber das macht nichts. Heringe in den Boden schlagen. Stangen durch Ösen und Kanäle führen. Wir haben auch einen Stromanschluss am Platz. Ich stecke unseren kleinen Reisekühlschrank ein. Der ist so groß wie eine Kühlbox, aber eben mit Kompressorkühlung. Er ist mintgrün und heißt Bingi. Was für ein genialer Name. Und bei 40 Grad ist es schon ziemlich gut, einen Kühlschrank mit einem komischen Namen zu haben. Wir haben Walderdbeeren-Marmelade, Wasser, Cola und ein paar Limonaden für die Kinder gekauft. Dazu eine Gänseleberpastete und etwas Käse.Auf dem Campingplatz existieren alle Lebensentwürfe Mit den Kindern gehen wir zum Pool. Bonjour, grüßen wir die neuen Nachbarn. Bonjour, antworten sie. Auf der einen Seite ist es ein sehr dünner, etwa 50-jähriger Engländer aus Norwich, mit etwas längeren Haaren und einem Ohrring. Er hat ein Wohnmobil, das auf Keilen aufgebockt ist, damit es ebenerdig steht. Wir passieren zwei junge Frauen aus Irland, die nur mit Fahrrädern und ihrem Zelt da sind. Und weiter hinten ist eine englische Familie mit einem Wohnwagen so groß wie ein Reisebus, und die haben sogar noch einen Anhänger dabei, auf dem sich ein kleiner Viersitzer-Geländewagen ohne Dach und Türen befindet. So ein Ding, wie man es aus Vietnamfilmen kennt. Es sieht großartig aus. Und dann ist da die Familie aus Frankreich, die in ihrem Vorzelt – also wirklich einem Zelt vor dem eigentlich Schlafzelt – einen meterbreiten Fernseher, zwei menschengroße Kühlschränke, eine Mikrowelle, zwei Induktionskochplatten und eine Spüle aufgebaut haben. Auf dem Campingplatz existieren alle Lebensentwürfe nebeneinander.Der Pool ist großartig, vielleicht fünf mal 15 Meter. Wir legen unsere Handtücher und eine Tasche mit Büchern auf Liegen, die drumherum stehen, und springen ins Wasser. Es ist kühl und klar. Wir hören Holländisch, Spanisch, Französisch und Schwedisch und Englisch und irgendwann auch Schwäbisch.Lesen Sie auchVom Pool aus sehen wir das Château de Beynac. Aber mein Sohn will Ball spielen und nicht auf alte Schlösser schauen. Oder sich den Prospekt für die Route du Foie Gras anschauen. Und wir werfen den Ball im Pool hin und her. Und bald spielen wir zu viert. Ein Junge und sein Vater aus Paris kommen dazu. Er sei als Pressesprecher in einem Ministerium und jetzt wäre er eben mit seinem Sohn hier. Er und die Mutter hätten sich getrennt. Wir unterhalten uns auf Französisch. Das geht wirklich ganz gut. Manchmal wechsele ich ins Englische, wenn mir Wörter fehlen. Der Mann sagt, er hätte Deutsch in der Schule gehabt, aber alles wieder vergessen. Wir beenden das Spielen. Einerseits weil mein Sohn keine Lust mehr hat, und andererseits weil ich finde, dass man nicht gleich so viel Nähe aufbauen sollte, dass man am Ende noch jeden Abend bei 13 Gläsern Wein vor den Zelten miteinander rumsitzen muss. Meine Tochter taucht und lässt sich auf ihrer Hummerluftmatratze treiben, meine Frau schwimmt. Am Abend kochen wir Nudeln mit Fertig-Tomatensoße auf dem Gaskocher. Ambitionslosigkeit ist der Schlüssel zum Glück, denke ich. Wir essen und trinken am Tisch vor dem Zelt. Wir winken den vorbeipromenierenden Menschen zu. Ja, die Wege zwischen den Wiesen mit den Zelten sind auch ein bisschen wie Laufstege. Vor allem am Abend. Lesen Sie auchDa laufen die Engländerinnen mit den wirklich groß gemachten Lippen in hautengen Kleidern vorbei. Und ihre muskulösen und glatzköpfigen Männer haben diese ebenfalls sehr körperbetonten weißen Netz-Polohemden an, die Rapper oder Influencer gerade so tragen. Wir spielen „Uno“, „Passt nicht!“, „Hungry Monkey“ oder „Blokus“. Zum Nachtisch gibt es Mousse au Chocolat von Bonne Maman aus unserem kleinen Kühlschrank.Die Tage vergehen. Mein Sohn hat den großen Fußballplatz auf der anderen Seite des Campingplatzes entdeckt. Meine Tochter den Spielplatz und den Automaten an der Bar, aus dem man für zwei Euro Flummis und allerlei Gummitiere herausholen kann.An einem der Abende spielt eine Band draußen vor der Bar des Campingplatzes. Alle haben sich schön gemacht. Lippenstift und Parfüm aufgetragen. Geduscht. Kleider angezogen. Hemden. Sie sitzen da mit ihren Kindern und trinken Wein und Bier. Jeden Abend kommt noch ein Foodtruck. Mal gibt es Fish & Chips, mal Tacos, mal Shawarma, mal Crêpes. Und die Kinder haben Diabolos für sich entdeckt. Das ist die Kinder-Variante des Kir Royal. Anstelle von Champagner und Cassis wird ein Diabolo aus Zitronenlimonade und Sirup (Minze, Granatapfel, Zitrone, Pfirsich oder Erdbeere) gemacht. Die Band besteht jedenfalls aus zwei Personen, einem wuschelköpfigen Gitarristen und einer Sängerin. Schlagzeug und Bass kommen vom Band. Die beiden sind wirklich gut. Ich merke, dass ich kein junger Mensch mehr bin. Sondern ein Vater und Ehemann, der euphorisch wird, wenn eine Zweimann-Band in Frankreich 15 Jahre alte Songs spielt, aus der Zeit, in der er noch jung und allein in einer Stadt war und hoch hinaus wollte. Lesen Sie auchDie Band spielt also „Little Talks“ von Of Monsters and Men und „Take Me Out“ von Franz Ferdinand. Und alle tanzen. Die Engländerinnen mit ihren Männern, die zwei Irinnen, der Mann aus Norwich, der Pariser Pressesprecher mit seinem Sohn, meine Kinder, meine Frau und sogar der Barhund. Da sind bestimmt 100 Leute. Die trinken, tanzen und rauchen. Einfach so, und nichts Schlimmes passiert. Keiner dreht durch. Keiner kotzt einem anderen vor die Füße. Keiner schubst einen anderen zur Seite.Es braucht mehr dieser europäischen BegegnungenEuropa, denke ich, kann wirklich das Paradies sein. Wir reden ja seit Jahren über europäische Werte und den ganzen Kram. Aber niemand kann dann so genau sagen, was das eigentlich ist. Ich finde, europäische Werte sind: zusammen einen sitzen zu haben, zu tanzen und anschließend friedlich nach Hause zu gehen. Aber irgendwie, denke ich, ist Europa für viele heute auch ein Sinnbild des Scheiterns dieser Idee. Das hat mit unkontrollierter Migration, mit fehlender Integration, mit guten Absichten, mit Populismus und mit der EU zu tun. Ich glaube, kaum etwas hat dem Ansehen Europas und dem Gefühl Europa mehr geschadet als die Europäische Union, oder genauer gesagt das Bild der Europäischen Union, das hängen bleibt. Obskure Regularien wie die Gurkenverordnung, eine EU-Präsidentin mit Stahlhelm-Frisur, die Deals mit Pfizer per SMS macht, aber dann die Nachrichten verloren haben will, irgendwelche Energie- und Sanierungs- oder Dokumentationspflichten. Das braucht es doch alles gar nicht. Was es aber braucht, sind mehr europäische Begegnungen wie hier auf dem Campingplatz. Progressive Kreise propagieren seit einiger Zeit ja das Modell Bürgerrat, um die Demokratie zu retten. Hier und jetzt, um 2.15 Uhr bei angenehmen 27 Grad und mit einem Bier in der Hand, denke ich, dass ich das auch ziemlich gut fände. Das EU-Parlament wird einfach durch einen Rat ersetzt, der wöchentlich auf zufällig ausgelosten Campingplätzen in Europa zusammenkommt. Es gibt Diabolos, Bier, Wein und Erdnüsse, und am Ende spielt eine Band.Bald werden wir weiterfahren. In die Provence. Zu unserem letzten Ferienhaus in diesem Urlaub. Bald ist der Sommer ganz vorbei. Die Kinder werden wieder zur Schule gehen. Es wird regnen, und die Blätter werden auf den Boden fallen. Morgens wird man den eigenen Atem sehen. Dann werde ich wieder Nachrichten lesen. Von Ursula von der Leyen, von russischen Angriffen, von verurteilten Attentätern, von Rezessionen in Europa, von Regierungen, die sich auflösen. Und dann werde ich an den Sommer in Frankreich zurückdenken. Mir wird ganz warm werden. Und ich werde denken: Europa könnte so schön sein.