PfadnavigationHomePolitikDeutschlandReform des SozialstaatsÖkonomen veröffentlichen „Impulspapier“ – Mit diesen Ideen soll das Renten-System gerettet werdenVeröffentlicht am 12.09.2025Lesedauer: 5 MinutenProfessor Veronika Grimm, Mitglied Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen EntwicklungQuelle: picture alliance/IPON/Stefan BonessFür eine umfassende Rentenreform hat Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) einen Expertenrat um die Wirtschaftsweise Veronika Grimm berufen. Das sind die Kernpunkte ihrer Vorschläge.Der Expertenrat um die Wirtschaftsweise Veronika Grimm schlägt umfassende Reformen vor, um die Rente in Deutschland auch künftig noch finanzierbar zu machen. Änderungen seien notwendig, da ein „dysfunktionales Rentensystem nicht nur ökonomische Risiken birgt, sondern auch sozialen Sprengstoff für die alternde Gesellschaft“, heißt in einem Gastbeitrag, der in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (FAZ) veröffentlicht wurde. Es bestehe dringender Handlungsbedarf, schreibt Grimm auch auf X. Viele europäische Nachbarn hätten ihre Rentensysteme in den vergangenen 30 Jahren neu geordnet und würden heute davon profitieren. „Deutschland hingegen habe diese Reformen lange aufgeschoben und stehe nun vor immer höheren Anpassungskosten an die demografische Entwicklung“, heißt es in dem „FAZ“-Beitrag weiter.Das sind die Vorschläge aus dem „Impulspapier“ der Wirtschaftswissenschaftler:1. Kopplung des Renteneintrittsalters an die LebenserwartungZwei Drittel der gewonnenen Lebensjahre sollen auf die Erwerbsphase entfallen, ein Drittel auf den Ruhestand. Ab 2031 müsste das Rentenalter alle zehn Jahre um ein halbes Jahr steigen. Die Grenze von 69 Jahren würde so erst in den 2070er-Jahren erreicht. „Eine automatische Kopplung an die Lebenserwartung schafft Klarheit und erspart immer neuen politischen Streit“, heißt es in dem Beitrag.2. Anpassung der Bestandsrenten an Preise statt LöhneDie Rentenerhöhungen sind bislang an die Lohnentwicklungen geknüpft. Dies sollte sich nach Ansicht der Wirtschaftswissenschaftler ändern. Stattdessen sollen die Renten künftig an die Inflation gekoppelt werden. „Die Anpassung an die Inflation würde weiterhin die Kaufkraft der Renten erhalten, aber die Belastungen der Rentenkassen dämpfen“, schreibt der Expertenrat.Die Inflationsrate in Deutschland lag im August um 2,2 Prozent über dem Niveau des Vorjahresmonats. Die Renten wiederum stiegen zum 1. Juli um 3,74 Prozent.3. Realistischere Definition des Standardrentners mit dann 47 BeitragsjahrenFür die Experten muss auch die Definition des Standardrentners an das höhere Renteneintrittsalter angepasst werden. Statt 45 sollten künftig 47 Beitragsjahre zugrunde gelegt werden, da das gesetzliche Rentenalter bis 2031 auf 67 Jahre steigt. „Das würde die Rentenformel an die tatsächlichen Erwerbsbiografien anpassen und das System bis in die 2030er-Jahre spürbar entlasten.“4. Wiedereinführung des NachhaltigkeitsfaktorsDer Nachhaltigkeitsfaktor sorgt dafür, dass die Renten langsamer steigen, wenn es immer mehr Rentner und weniger Beitragszahler gibt. Und das ist in Deutschland der Fall. Bei der aktuellen Entwicklung werden im Jahr 2035 auf einen Ruheständler nur noch zwei Berufstätige kommen, heute sind noch zweieinhalb. Grund ist die geringe Geburtenrate. „Auch Zuwanderung in den Beitragszahlerkreis kann diese Entwicklung letztlich nicht stoppen“, erklären die Experten. Lesen Sie auchDeshalb raten die Wirtschaftswissenschaftler dazu, den Nachhaltigkeitsfaktor wieder in die Rentenformel aufzunehmen. Er sorge dafür, dass sich die Rentenanpassungen stärker an der demografischen Entwicklung orientieren, also am Verhältnis von Beitragszahlern zu Rentnern. Damit könne das System langfristig stabilisiert werden, ohne dass jede Änderung politisch neu verhandelt werden müsse: „Seine Wiederaktivierung – vielleicht auch in verstärkter Form – wäre ein wichtiger Schritt hin zu mehr Generationengerechtigkeit und Vertrauen in die Reformfähigkeit der gesetzlichen Rente.“5. Weitere Maßnahmen – Mütterrente, „Rente mit 63“ und private VorsorgeFerner empfehlen die Experten weitere gezielte Einschnitte: Die Ausweitung der Mütterrente sollte gestoppt werden, die „Rente mit 63“ abgeschafft und Frühverrentungen nur noch über Härtefallregelungen ermöglicht werden. „Die geltenden Abschläge setzen zu geringe Anreize, länger im Erwerbsleben zu bleiben“, heißt es. Dafür wollen die Experten mehr auf private Vorsorge setzen: „Neben der Dämpfung der Ausgaben der GRV muss die Stärkung der kapitalgedeckten Altersvorsorge ein zentraler Baustein künftiger Rentenpolitik sein“, fordern die Wirtschaftswissenschaftler und verweisen auf ein erfolgreiches Modell in Schweden. Die Experten plädieren für verpflichtende private Altersvorsorgekonten für alle Erwerbstätigen.Eingezahlt werden solle in „staatlich zertifizierte, breit gestreute und kostengünstige Fonds, wobei ein Opt-out in alternative Angebote möglich“ sei. Ziel sei es, mit Kapitaldeckung mehr Sicherheit, Rendite und Vertrauen zu schaffen und das Umlagesystem zu entlasten. Dabei geben die Experten zu bedenken: „Die Altersvorsorge darf nicht für politische Zwecke instrumentalisiert werden, etwa indem Kapital gezielt in wenig rentable Transformationsprojekte gelenkt wird.“Was laut Experten dagegen nicht hilft: Beamte und SelbstständigeAuch auf die Forderungen, dass Beamte und Selbstständige in die staatliche Rentenkasse einzahlen sollten, diskutieren die Experten – und winken ab. Vorgeschlagen wird zwar, Selbstständige künftig in eine Vorsorgepflicht einzubeziehen, allerdings nicht zwingend in die gesetzliche Rentenversicherung, sondern vorzugsweise in eine kapitalmarktbasierte Lösung. So könnten sie höhere Renditen erzielen, während der Staat langfristig weniger ausgleichen müsste. Die Einbeziehung von Beamten hingegen wird kritisch gesehen: Ihre Pensionsansprüche müssten weiterhin aus den öffentlichen Haushalten finanziert werden, sodass die GRV dadurch nicht entlastet würde. „Die höhere Lebenserwartung der Beamten ist für die Tragfähigkeit der Altersvorsorge eher ungünstiger“, heißt es in dem Beitrag.Politische Reaktion auf die Vorschläge Bundeskanzler Friedrich Merz hatte einen „Herbst der Reformen“ angekündigt. Auch Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) hat bereits ihre umstrittene Forderung nach einem späteren Renteneintritt bekräftigt und sieht Handlungsbedarf. Ein von ihrem Ministerium beauftragter Expertenrat weise „zu Recht darauf hin, dass wir angesichts einer höheren Lebenserwartung länger arbeiten müssen“, hatte Reiche am Dienstag erklärt. Reiche nannte den Reformbedarf bei der Rente „umfassend und dringlich“. Dabei dürften Reformen „nicht ausschließlich zulasten der jungen Generation und unserer Wettbewerbsfähigkeit“ gehen.Lesen Sie auchAllerdings dürfte die Mütterrente innerhalb der Union zu Diskussionen führen, denn diese geht auf einen Vorschlag der CSU zurück. Sie wurde 2014 unter der damaligen Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) eingeführt und war Teil des schwarz-roten Koalitionsvertrags. Besonders die CSU hatte sich dafür starkgemacht, um Müttern, deren Kinder vor 1992 geboren wurden, mehr Rentenpunkte anzurechnen.Dem Expertenrat gehören Veronika Grimm (Professorin an der Technischen Universität Nürnberg und Wirtschaftsweise), Justus Haucap (Direktor des Düsseldorfer Instituts für Wettbewerbsökonomie), Stefan Kolev (Wissenschaftlicher Leiter des Ludwig-Erhard-Forums für Wirtschaft und Gesellschaft in Berlin) und Volker Wieland (IMFS Stiftungsprofessor für Monetäre Ökonomie an der Goethe-Universität Frankfurt) an.kami mit dpa