Ich habe ein Problem mit „Me-Time“. Nicht, weil ich wie Kanzleramtsminister Thorsten Frei der Auffassung bin, die Deutschen verlören vor lauter Work-Life-Balance die Arbeit aus dem Blick. Ich habe unter anderem ein Problem mit „Me-Time“, weil ich nie genug davon habe.

Das weitaus größere Problem besteht jedoch darin, dass der Begriff so elitär und instagrammig klingt, als hätte einem jemand den Feed sämtlicher fotogener „walking dads“ und „moms of four“ in den Gehörgang betoniert. Vielleicht wird er deswegen so oft halb-ironisch verwendet, wenn Frauen und Mütter (nein, es gibt im Analogen keine Männer und Väter, die Me-Time sagen) auf dem Weg in den Wellnessurlaub, zum Intervalltraining oder einer anderen Tätigkeit aus der Selfcare-Vorhölle sind, die sie langfristig gesünder, leistungsfähiger, geiler machen soll. Also exakt so, wie die Gesellschaft sie haben will, oder die Frauen sich selbst. Lässt sich nicht immer so leicht unterscheiden.

Überhaupt, braucht es ein Buzzword, eine Entschuldigung dafür, sich als Frau rauszuziehen und sein Ding zu machen, statt sich um andere zu kümmern? Und was genau geht im fortgeschrittenen Kapitalismus als gelungene Me-Time durch, als Ich-Zeit? Reicht es schon, zwei Stunden auf den Riss in der Wand zu starren, in Ruhe aufs Klo zu gehen und zu gammeln, weil die Zeit eh nicht für größere Projekte reichen wird und gleich ein Kleinkind im Salto auf einen draufspringen wird? Oder muss man vor dem westlichen Workout im örtlichen Yogastudio „Hare Krishna“ singen (ein echtes Münchner Beispiel übrigens)? Aber ich schweife ab.