PfadnavigationHomeWissenschaftGeschichte der ZüchtungAls der Mensch sich das Pferd zum Nutztier machte, waren zwei Gene entscheidendVeröffentlicht am 04.09.2025Lesedauer: 4 MinutenDer Jubel für Ross und Reiter, wie hier auf Menorca, hat eine lange TraditionQuelle: Matthias Oesterle/ZUMA Press WirKriege, Handel, Mobilität: Das Pferd ermöglichte dem Menschen zahlreiche Revolutionen. Doch die Züchtung begann überraschend spät, und es ging anfangs vor allem um zwei entscheidende Eigenschaften der großen Huftiere.Die Domestizierung des Pferdes war ein Wendepunkt in der Geschichte der Menschheit: Die Nutzung dieser Huftiere revolutionierte vor rund 4500 Jahren Landwirtschaft und Transportwesen, Kommunikation und Handel, nicht zuletzt auch die Kriegführung. Nun zeigt eine Genanalyse im Fachjournal „Science“, dass sich die frühen Pferdezüchter anfangs vor allem auf zwei Eigenschaften konzentrierten. Ungewöhnlich ist, dass andere Nutztiere wie Schweine, Ziegen, Rinder und Schafe schon etwa 5000 Jahre früher domestiziert wurden als Pferde. Eine 2021 im Fachmagazin „Nature“ publizierte Studie hatte außerdem ergeben, dass die Geschichte des modernen Hauspferdes (Equus caballus) in der westeurasischen Steppe begann, und zwar in einer von Wolga und Don geprägten Region im Süden des heutigen Russlands.Lesen Sie auchAllerdings wurden vor der Domestizierung des Hauspferdes bereits andere Vertreter aus der Familie der Pferde (Equidae) von Menschen genutzt. Dazu zählen etwa Esel als Tragetiere, wie der Paläogenetiker Laurent Frantz von der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) in einem begleitenden „Science“-Kommentar schreibt.Im Vergleich dazu boten Pferde jedoch entscheidende Vorteile: Sie waren gutmütiger, größer und ließen sich besser reiten. Diese Eigenschaften waren es auch, die für die Züchtung der modernen Pferde die Grundlage bildeten, wie ein Team um den Paläogenetiker Ludovic Orlando, Direktor des Centre d’ Anthropobiologie et de Génomique an der Universität Toulouse, nun in „Science“ berichtet.Die Gruppe hatte das Erbgut von 86 Pferden aus verschiedenen Teilen der Welt und von einem Esel auf 266 verschiedene genetische Eigenschaften analysiert und aus den Ergebnissen einen Stammbaum abgeleitet. Demnach zielte die frühe Züchtung der Tiere vor etwa 5000 Jahren zunächst auf Verhaltensaspekte ab, bis sie sich vor etwa 4700 Jahren dann auf die Anatomie der Tiere richtete. Lesen Sie auchIn der frühsten Phase der Domestizierung, vor etwa 5000 Jahren, wurde demnach eine bestimmte Variante des Gens ZFPM1 merklich häufiger. Dieses Gen stehe unter anderem mit dem Verhalten in Zusammenhang, erklären die Forscher mit Blick Studien zu Menschen und Mäusen. Sie ziehen aus ihren Daten den Schluss, dass es bei der Domestizierung zunächst vor allem um die Zähmung von Pferden und deren Stresstoleranz gegangen sein. Dies sei die Voraussetzung dafür gewesen, Pferde in Gefangenschaft zu halten und enger mit ihnen zusammenzuleben.Lesen Sie auchDie zweite, entscheidende Phase begann laut den Paläogenetikern etwa 300 Jahren später, vor etwa 4700 Jahren. Damals setzte sich relativ zügig eine Variante des Gens GSDMC durch, das sowohl mit der Anatomie von Rücken und Wirbelsäule als auch mit der Ausdauer in Zusammenhang steht. Diese Selektion erfolgte zeitlich parallel zur Entstehung des Hauspferdes, wie das Team betont. Die entsprechende GSDMC-Variante sei entscheidend gewesen für „die Entstehung von Pferden mit verstärkter Bewegungsfähigkeit, was eine erhöhte menschliche Mobilität und Reisegeschwindigkeit ab vor etwa 4200 Jahren förderte“, schreibt die Gruppe um Orlando.Die Häufigkeit der GSDMC-Variante stieg demnach binnen weniger Jahrhunderte von 1 auf nahezu 100 Prozent. Diese Erbinformation beeinflusst auch das Verhältnis von Länge zu Höhe der Tiere, was möglicherweise mit der militärischen Nutzung von Pferden zusammenhängt. In Westeuropa lag die Widerristhöhe, mit der man die Größe von Pferden generell angibt, zur Eisenzeit, also vor ungefähr 3000 Jahren, bei etwa 1,25 Metern, während der Römerzeit bereits bei 1,35 Metern und in der Epoche nach dem Mittelalter bei 1,39 Metern.Lesen Sie auchDiese Resultate stehen nach Ansicht der Forscher in Widerspruch zu früheren Vermutungen, denen zufolge es bei der frühen Domestizierung des Hauspferdes auch um die Färbung des Fells gegangen sei.In seinem „Science“-Kommentar schreibt der Münchner Nutztierforscher Frantz über den entscheidenden Einfluss der GSDMC-Variante: „Pferde mit der GSDMC-Mutation wurden von dem Domestizierungszentrum nördlich des Kaspischen Meeres schnell verbreitet und erreichten die entlegenste Ecke Eurasiens vor etwa 3000 Jahren“, schreibt er. Ihre Fortpflanzung war begünstigt, und sie brachten sehr viel mehr Fohlen zur Welt als andere. Der durch diese Mutation erreichte Vorteil sei so groß gewesen, dass – abgesehen von Eseln – diese neuen Pferde fast alle anderen vom Menschen genutzten Vertreter der Gattung Equus ersetzten. „Die genauen Umstände und die kulturelle Identität der Menschen, die für diese frühe intensive Züchtung verantwortlich sind, bleiben zwar ein Geheimnis“, schreibt Frantz. „Aber sie müssen die dafür nötige Raffinesse, Methode und Weitsicht gehabt haben. Sicher ist, dass diese ersten Reiter eine Revolution lostraten, die die Welt veränderte.“Walter Willems, dpa/sk