PfadnavigationHomeGeschichteBoxheld hinter GitternAls Max Schmeling beschuldigt wurde, Auschwitz-Kommandant gewesen zu seinVeröffentlicht am 29.08.2025Lesedauer: 6 MinutenDer ehemalige Box-Weltmeister Max Schmeling (Foto von 1946)Quelle: Axel Springer Unternehmensarchiv; teutopress/picture allianceGestützt auf seinen guten Ruf als Sportsmann, wollte Max Schmeling im Sommer 1945 in Hamburg zusammen mit Axel Springer Schulbücher für die deutsche Jugend verlegen. Doch sein Plan löste eine Affäre aus, die ihn hinter Gitter führte.Die Festnahme erfolgte ohne Gegenwehr. Dabei hätten die beiden „Red caps“, wie man die Mitglieder der britischen Militärpolizei ihrer Kopfbedeckung wegen allgemein nannte, sicher keine Chance gehabt. Denn sie sollten am 5. September 1945 niemand Geringeren als den weltbekannten Schwergewichtsboxer Max Schmeling in Gewahrsam nehmen. Ob die beiden Briten Angst bei diesem Auftrag hatten, ist nicht überliefert; jedenfalls wehrte sich der knapp 40-jährige ehemalige Weltmeister nicht.Wenige Tage zuvor, am 27. August 1945, hatte die Londoner Zeitung „Daily Express“ auf ihrer Titelseite verkündet: „Schmeling soll Hitler-Jugend umerziehen!“ Er wolle Bücher publizieren, um „die Naziideologie auszurotten“. Schmeling sei der „erste Deutsche in der britischen Zone, der eine solche Aufgabe übertragen“ bekommen habe, hieß es in dem Artikel der Reporterin Vivien Bachelor weiter. Lesen Sie auchIn London sorgte der Artikel für großes Aufsehen – und löste harsche Nachfragen bei der Militärregierung der britisch besetzten Zone Deutschlands in Hamburg aus. Doch deren Offiziere bestritten vehement, Max Schmeling eine Lizenz als Verleger erteilt zu haben. Sicherheitshalber, um dem absehbaren öffentlichen und politischen Druck zuvorzukommen, veröffentlichte die Militärregierung umgehend eine Erklärung: „Dem Verlag Hammerich & Lesser in Hamburg, mit dem Schmeling verbunden ist, wurde mitgeteilt, dass er so lange keine Lizenz bekommen wird, wie Schmeling mit ihm in Verbindung steht.“ Daraufhin erklärte Schmeling am 30. August 1945 seinen Rückzug aus dem Vorhaben. Das genügte aber nicht, um die Spannung zwischen Hamburg und London zu beruhigen. Deshalb schickte die Militärregierung einige Tage später, eben am 5. September, die beiden „red caps“, um den Boxer festzunehmen. Ihm wurde ein „Verstoß gegen Gesetze der Militärregierung“ vorgeworfen.Konkret hieß es, Schmeling habe am Sonntag, dem 26. August 1945 gegenüber Vivien Bachelor die Unwahrheit erklärt. Er habe gesagt, die britische Militärregierung habe ihm bereits eine Bewilligung erteilt, in etwa zwei bis vier Wochen Bücher für die „Re-education“ der deutschen Jugend herauszugeben. Eigenen Angaben zufolge hatte der Boxer jedoch lediglich bestätigt, einen entsprechenden Antrag gestellt zu haben. Die britische Journalistin wiederum bestand am 10. September in einer mehrstündigen Gerichtsverhandlung darauf, Schmeling korrekt zitiert zu haben.Lesen Sie auchSo stand Aussage gegen Aussage. Für die Entscheidung wesentlich wurde so die Erinnerung des 33-jährigen Axel Springer, Miteigentümer des traditionsreichen Verlages Hammerich & Lesser in Hamburg-Altona. Er konnte sich erinnern, dass Vivien Bachelor nach dem Erscheinen ihres Artikels, aber vor Schmelings Festnahme bei einem weiteren Gespräch mit Schmeling eingeräumt habe: „Oh, Max, I misquoted you!“ Die Journalistin bestritt das abermals; Springer hielt dagegen, er wisse das genau, da er das Verb „to misquote“ im Wörterbuch habe nachschlagen müssen. Lesen Sie auchHammerich & Lesser, gegründet 1789 in Altona, gehörte Hinrich Springer und seinem Sohn je zur Hälfte. Nach Deutschlands Besetzung wollten die beiden wieder ins Geschäft einzusteigen, und die Voraussetzungen waren nicht schlecht: Ihre Tageszeitung „Altonaer Nachrichten“ war 1941 auf Weisung der NSDAP eingestellt worden. Danach hatte der Verlag nur noch Bücher publiziert, außerdem Lebensmittelkarten und ähnliches gedruckt, bis im August 1944 selbst das ein Ende fand.Schon wenige Tage nach dem Einzug der Briten in Hamburg Anfang Mai 1945 machte sich Axel Springer an den Neubeginn. Zusammen mit Schmeling und dem Kaufmann John Jahr wollte er Schulbücher herausbringen, denn mit den alten, von der NS-Ideologie durchdrungenen Bänden ließ sich nichts mehr anfangen. Die Arbeitsteilung war klar: Schmeling sollte seine Reputation einbringen, Springer das verlegerische und Jahr das kaufmännische Know-how sowie gehortete Papiervorräte.Schon am 24. Mai 1945 schrieb der ehemalige Box-Weltmeister an die britische Militärregierung: „Aufgrund des besonderen Vertrauens, das ich mir als Sportsmann in England wie in Amerika erworben habe, sowie meiner bekannten demokratischen Weltanschauung hoffe ich, auf eine Förderung meiner Pläne rechnen zu können.“ Sein Bestreben sei darauf gerichtet, „an der künftigen Erziehung des Volkes und insbesondere der deutschen Jugend nach besten Kräften teilzunehmen“. Zur Verwirklichung dieser Pläne stehe der „traditionell demokratische, seit über hundert Jahren bestehende Zeitungs- und Buchverlag Hammerich & Lesser“ zur Verfügung.Schmelings Vorschlag stieß bei der Militärregierung auf Interesse. Jedenfalls findet sich im Nachlass von Axel Springer eine am 29. Mai 1945 ausgestellte „Befreiung“ von der damals geltenden Reisebeschränkung. Mit dem Papier durfte er sich zunächst einen Monat lang frei in der britischen Zone bewegen; als Grund war angegeben: „Verlegen von Erziehungsbüchern in Verbindung mit Mr. Max Schmeling“.Was genau den Gegenschlag auslöste, ist nicht mehr nachzuvollziehen. Jedenfalls berichtete die kommunistische Tageszeitung „Daily Worker“ aus New York am 13. und 14. Juli 1945 zweimal groß über den ehemaligen Boxer. Im ersten Text hieß es mit hämischem Unterton: „Max Schmeling, einer von Hitlers Lieblings-Supermännern, wird von den Alliierten in Hamburg als ,Umerzieher der Jugend hin zur Demokratie im Nachkriegsdeutschland‘ beschäftigt.“ Das Kampfblatt der kleinen Kommunistischen Partei der USA nutzte den Fall Schmeling, um gegen die westlichen Besatzungsbehörden in Deutschland zu sticheln. Am folgenden Tag zitierte das Blatt aus dem kurz zuvor erschienenen Buch „The secret history of the war“ des US-Journalisten Waverly Root. Es handelte sich um eine Montage aus zutreffenden Informationen, mehr oder minder stark zugespitzten Nachrichten und freien Erfindungen. In die letzte Kategorie gehörte folgende Kolportage über den Boxer: „Es war ein Schock für Sportbegeisterte“, behauptete Root, als sie erfahren hätten, dass Schmeling von Januar 1940 bis zum Frühjahr 1941 der Kommandant des Konzentrationslagers Auschwitz gewesen sei.Allerdings fand sich diese angeblich so schockierende Nachricht vor Roots Buch nirgends in der US-Presse – und auch nach dessen Erscheinen griffen neben dem „Daily Worker“ lediglich einige wenige eher unbedeutende Blätter wie die „Pittsburgh Post“ diese Behauptung auf. Ohnehin war daran nicht ein wahres Wort: Kommandant von Auschwitz war seit der Einrichtung des bald größten Konzentrationslagers im Mai 1940 bis November 1943 Rudolf Höß gewesen. Schmeling hingegen hatte nie auch nur das Geringste mit der SS und dem KZ-System zu tun gehabt, sondern im Gegenteil mehrfach versucht, aus vermeintlich „rassischen“ Gründen verfolgten Menschen zu helfen.Vor dem Militärgericht in Hamburg spielte dieser Vorwurf gegen den Angeklagten am 10. September dann auch keine Rolle mehr – allerdings ebenso wenig, warum der eher konservative „Daily Express“ die erste Skandalgeschichte des kommunistischen „Daily Worker“ aufgegriffen hatte. Der Richter konzentrierte sich auf die Frage, ob Max Schmeling eine unzutreffende Aussage gegenüber Vivien Bachelor nachgewiesen werden könnte. Da er daran Zweifel hatte, entschied er nach dem alten rechtsstaatlichen Prinzip „in dubio pro reo“ und sprach Schmeling vom Vorwurf frei, gegen Gesetze der Militärregierung verstoßen zu haben. Aus dem gemeinsamen Projekt von Max Schmeling mit Axel Springer und John Jahr wurde trotzdem nichts. Eine weise Entscheidung, denn einige Tage später griff die BBC den Vorgang noch einmal auf; einem Bekannten berichtete Springer per Brief am 19. September 1945 über die Folgen der Anspannung, in die ihn der „verzapfte Blödsinn“ versetzt habe: „Gestern Abend habe ich – zu Tode erschöpft – mich 20 Minuten lang bemüht, Sie telefonisch zu erreichen. Daraufhin habe ich meinen Apparat vom Balkon geworfen. Jetzt bemühe ich mich um die Reparatur.“Sven Felix Kellerhoff ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Zu seinen Themenschwerpunkten zählen der Nationalsozialismus, die SED-Diktatur, linker und rechter Terrorismus sowie Verschwörungstheorien.