PfadnavigationHomeICONISTEssen & TrinkenCelebrity-BrandingVom Grammy zum Crémant – warum Norah Jones jetzt ins Weingeschäft einsteigtVon Heiko ZwirnerRessortleitung Stil, Leben und ReiseVeröffentlicht am 29.08.2025Lesedauer: 7 MinutenNorah Jones bei ihrem Besuch in der Maison WessmanQuelle: Maison WessmanUnter US-Stars gehört es fast schon zum guten Ton, eigene Alkohol-Marken auf den Weg zu bringen. Auch die Sängerin Norah Jones hat eine Wein-Kollektion vorgestellt. Dahinter steckt aber ein isländischer Pharma-Milliardär.Ihren größten Hit spielt sie gleich zu Beginn. „I don’t know why“, haucht Norah Jones ins Mikrofon, während ihre Finger im über die Tasten eines Flügels gleiten, der auf einem Podest platziert wurde, damit die rund 50 Gäste eine gute Sicht auf die zierliche Amerikanerin haben. Im Publikum herrscht andächtige Stille, es ist ein ungewöhnlich intimer Rahmen für ein Solokonzert der Sängerin, die es mit ihrer gefühlvollen Melange aus Jazz und Pop zu Weltruhm gebracht hat. Mit einigen Dutzend fein säuberlich aufgereihten Holzfässern im Rücken performt Norah Jones im von Kronleuchtern illuminierten Halbdunkel des Weinkellers im Château de Saint-Cernin. Im Hintergrund trifft rohes Gestein auf glatten Beton – all dies würde auch eine hübsche Kulisse für einen James-Bond-Film abgeben.Lesen Sie auchKarten für diesen Auftritt auf dem Weingut in Nähe von Bergerac im Südwesten Frankreichs gab es nicht zu kaufen. Das Auditorium besteht aus Weinhändlern, Medienvertretern und Honoratioren aus der Region, der Bürgermeister von Bergerac ist auch gekommen. Vor ihrem Auftritt schüttelt der schüchterne Popstar die Hände der geladenen Gäste, posiert für Selfies und lässt sich auf freundlichen Small Talk ein. Es gebe viele passende Anlässe, ab und zu ein Glas Wein zu trinken, lässt sie sich unter anderem entlocken. Gestern hatte sie einen Auftritt in Griechenland, noch in der Nacht geht es weiter nach New York.Der Grund für ihren Zwischenstopp in der Dordogne: Die Sängerin stellt ihre eigene Wein-Kollektion vor. Den Anfang machen ein Crémant und ein Rosé, ein Weißwein und ein Rotwein sollen folgen. „This Life“ heißt die Linie, benannt nach einem ihrer Songs. Das Etikett ist in den Farben eines Sonnenuntergangs gehalten. Die Weine, die bei dem Event großzügig ausgeschenkt werden, sind sommerlich leicht und eingängig wie ihre Musik.Mit ihrem Ausflug ins Weingeschäft reiht Norah Jones sich in eine lange Liste von Stars ein, die die Herstellung und Vermarktung von alkoholischen Getränken als zusätzliches Betätigungsfeld entdeckt haben. Einige setzen dabei auf Wein, andere auf Spirituosen. In der Welt des Entertainments gehört es inzwischen fast zum guten Ton, eine eigene Getränkemarke zu besitzen. Die Bandbreite der Promi-Schnapsbrenner reicht vom Basketballstar Michael Jordan über die Hollywood-Ikonen George Clooney und Brad Pitt hin zum Muskelpaket Dwayne „The Rock“ Johnson. Selbst der alte Grantler Bob Dylan lässt einen Whisky namens Heaven’s Door produzieren, der laut Website der Marke die „kompromisslose Leidenschaft“ und den „rastlosen Geist“ des Folk-Seniors transportieren soll. Das US-amerikanische Nachrichtenportal „Axios“ zählte 2022 mehr als 350 Alkohol-Marken, an denen Prominente beteiligt sind. Das Geschlechter-Verhältnis ist dabei ausgeglichen. Das Topmodel Kendall Jenner verkauft Premium-Tequila, die Schmusesängerin Mariah Carey irischen Sahnelikör und die Schauspielerin Sarah Jessica Parker Cosmopolitan in Dosen.Ein Probierpaket für die SängerinMeist sind die Produkte darauf angelegt, die Aura der Stars zu reflektieren. Wie sehr sie sich dabei wirklich engagieren, variiert von Fall zu Fall. Manche legen sich aus Prestige-Gründen eigene Weingüter zu und überlassen die Arbeit den Mitarbeitern vor Ort. Andere betätigen sich als leidenschaftliche Winzer und begleiten alle Phasen der Erzeugung. Wieder andere geben nur ihren Namen her, weil sie auf zusätzliche Einnahmequellen hoffen. So steckt hinter den Weinen der australischen Popkönigin Kylie Minogue und des Take-That-Sängers Gary Barlow eine Londoner Agentur namens Benchmark Drinks, die auf Celebrity-Branding im Getränkegeschäft spezialisiert ist. Im Fall von Norah Jones wurde das Projekt von Róbert Wessman initiiert, einem isländischen Pharma-Milliardär mit Winzerambitionen. „Der Kontakt kam über einen Freund zustande, der Norahs Manager kennt“, erzählt Wessman nach dem Auftritt der Sängerin. „Wir haben ihr ein paar Flaschen zum Probieren geschickt, von denen ich dachte, dass sie ihr schmecken könnten. Nichts Kompliziertes, eher zugängliche Sachen. Mehr Pop als Jazz, würde ich sagen. Sie hat sofort Gefallen daran gefunden, deshalb mussten wir sie nicht lange überreden, eine Partnerschaft mit unserem Weingut einzugehen.“Wessman sieht mit seinen 55 Jahren immer noch aus wie ein junger Mann und macht einen überraschend entspannten Eindruck für jemanden, der ein Firmenkonglomerat mit weit mehr als zehntausend Mitarbeitern lenkt. Um die Jahrtausendwende verwandelte er ein hoch verschuldetes Arzneimittel-Unternehmen aus Reykjavík innerhalb weniger Jahre in einen der größten Generika-Hersteller der Welt und hat seither sieben weitere Branchenriesen aufgebaut. Das Wirtschaftsmagazin „Economist“ verpasste ihm den Spitznamen „Wikinger-Boss“.2005 kaufte er das Château de Saint-Cernin mitsamt den umliegenden Weingärten. Mit Wein konnte der Isländer damals noch wenig anfangen, das feudale Anwesen aus dem 12. Jahrhundert sollte ihm ursprünglich nur als persönliches Refugium dienen. Mit der Zeit entwickelte Wessman jedoch eine Vorliebe für Prestige-Rotweine aus Südfrankreich. Vor etwa zehn Jahren fing er damit an, eine eigene Cuvée für Freunde und Geschäftspartner zu produzieren. Seither hat er sein Château zu einem Weingut wie aus einem Hochglanzprospekt ausgebaut, Anbauflächen auch in anderen Regionen Frankreichs hinzugekauft und sich vom schwedischen Top-Sommelier Andreas Larsson bei Aufbau eines Portfolios beraten lassen, mit dem er unter der Dachmarke „Maison Wessman“ den Weltmarkt erobern will. Lesen Sie auch„Ich bin jetzt ein Winzer“, sagt der Quereinsteiger und lacht. „Ich habe mit 2000 Flaschen im Jahr angefangen, mittlerweile sind wir bei einer Million angelangt.“ Er hat sich vorgenommen, der größte Weinexporteur der Region Bergerac zu werden, die bislang im Schatten des nahe gelegenen Bordelais steht. Damit will er auch eine etwas vernachlässigte ländliche Gegend nach vorn bringen, die für ihn zu einer zweiten Heimat geworden ist. Wie in der Pharma-Branche kann ihm das nicht schnell genug gehen. „Róbert ist sehr geduldig“, sagt ein Vertriebsmitarbeiter am Rande der Veranstaltung auf dem Weingut. „Aber nur einen Vormittag lang.“Suche nach der richtigen Mischung Die Zusammenarbeit mit Norah Jones ist ein wichtiger Baustein für Wessmans Expansionspläne, auch wenn es für ihn nicht das erste Mal ist, dass er mit einem Musiker gemeinsame Sache macht. Er hat bereits mehrere Weine mit JJ Julius Son entwickelt, dem Sänger der international erfolgreichen isländischen Rockband Kaleo. Norah Jones spielt jedoch einer anderen Liga, sie ist ein Weltstar, mit dem man in Korea und Kanada genauso gut Wein verkaufen kann wie in Belgien oder Brasilien. Wessman betont, wie wichtig der Austausch mit der Sängerin für die Qualität ihrer Linie sei. „Sie testet alle Weine und hilft uns dabei, die richtige Mischung zu finden. Ihre Perspektive als Künstlerin ist für uns sehr bedeutend.“ Nicht ohne Stolz fügt er hinzu, dass die New Yorkerin sich an seinem Weingut beteiligt habe und dass aus der geschäftlichen Beziehung längst ein freundschaftliches Verhältnis zu ihm und seiner Frau geworden sei.Lesen Sie auchDer Erfolg solcher Kooperationen hängt in der Regel davon ab, wie plausibel sich die Verbindung von Promi und Produkt für das Publikum darstellt. Auch wenn Norah Jones sich bei „This Life“ auf die Rolle der Vorkosterin beschränkt, kann man ihr eine Affinität zum Thema Wein nicht absprechen. An diesem Tag steht sie zwar nicht für ein Gespräch über ihre persönlichen Vorlieben zur Verfügung, doch sie erklärt sich bereit, im Nachgang ein paar Fragen zu beantworten. So ist zu erfahren, dass der Wein ihres Lebens ein Brunello war, ein edler Rotwein aus der Toscana, nach dem sie lange gesucht habe, bevor sie ihn auf der Karte eines Restaurants in Lucca entdeckte. „Dazu gab es Paccheri mit Pesto“, erinnert sich die Sängerin. Lesen Sie auchDie Parallelen zwischen dem Verfassen eines Songs und dem Komponieren eines Weins möchte sie nicht überstrapazieren, denn das seien zwei sehr verschiedene Dinge, und doch gebe es etwas, das einen schönen Song und einen gelungenen Wein miteinander verbinde: „Am Ende sind die Details seiner Entstehung nicht annähernd so wichtig wie das Gefühl, das er auslöst, wenn man ihn trinkt.“Auf dem Hof der Maison Wessman lassen die Gäste den Sommerabend entspannt ausklingen und genießen die Abendsonne, die über den Weinfeldern sinkt. Als Give-aways gibt es Untersetzer aus Gummi, die Vinylsingles nachempfunden sind, dazu Tragebeutel mit der Aufschrift „This Life“, die man sich von zwei freundlichen Damen mit Aufbüglern verzieren lassen kann. Róbert Wessman sieht zufrieden aus. Norah Jones ist gleich nach ihrem Auftritt im Weinkeller durch einen Seiteneingang verschwunden und sitzt schon im Shuttle auf dem Weg zum Flugzeug, das sie zurück in die USA bringt.Heiko Zwirner leitet das Stil-Ressort von WELT AM SONNTAG und schreibt regelmäßig über Genusstrends.
Norah Jones steigt ins Weingeschäft ein – Premiere im Château de Saint-Cernin - WELT
Unter US-Stars gehört es fast schon zum guten Ton, eigene Alkohol-Marken auf den Weg zu bringen. Auch die Sängerin Norah Jones hat eine Wein-Kollektion vorgestellt. Dahinter steckt aber ein isländischer Pharma-Milliardär.






