Kein Ort auf der Tennisanlage in Flushing Meadows führt einem den oft himmelweiten Unterschied zwischen Wunsch und Wirklichkeit so brutal vor Augen wie Court 6. Eva Lys bemerkte ihn, als sie nur noch zwei Punkte brauchte zu einem Erstrundensieg bei den US Open – aber auch nur zwei verlorene Ballwechsel vom Tiebreak im zweiten Satz entfernt war. Sie stand in der Ecke, griff zum Handtuch und sah hinauf zur Anzeigetafel des Platzes direkt nebenan. Dort stand, dass sich Laura Siegemund den ersten Satz geholt hatte; Siegemund sollte dann 7:6 (3), 2:6, 6:3 gegen Diana Shnaider aus Russland gewinnen und angesichts ihres verletzten Oberschenkels sagen: „Da bin ich schon sehr stolz drauf.“

Die Profis kriegen wirklich alles mit, was auf dem Nebenplatz passiert; kann schon sein, dass der Schiedsrichter „Time“ ruft, während man selbst gerade den Ball zum Aufschlag hochwirft. Sie hören die Durchsagen vom Stadion Grandstand dahinter sowie das Klirren der Gläser auf der Bar der Terrasse daneben – und im Hintergrund ist dauernd das Arthur Ashe Stadium zu sehen, die größte Tennisarena der Welt und Sehnsuchtsort aller Profis. Da wollen sie hin. Und auch wenn es keine 100 Schritte sind: Es ist ein langer, steiniger Weg.