PfadnavigationHomeGeschichteNS-Opfer„Bei manchen Briefen schießen einem die Tränen in die Augen“Veröffentlicht am 08.09.2025Lesedauer: 5 MinutenEinige der Abschiedsbriefe von NS-Opfern aus München-StadelheimQuelle: Elisabeth Miletic/Staatsarchiv MViele bewegende Abschiedsbriefe von zum Tode verurteilten NS-Opfern in München blieben ungelesen – die Haftanstalt behielt die letzten Worte ein. Nun beginnt die Suche nach Hinterbliebenen.Sie schrieben kurz vor ihrer Hinrichtung in der Haftanstalt München-Stadelheim letzte Worte an Mütter, Ehepartner oder Kinder – doch die Briefe wurden oft nicht zugestellt. Mehr als 50 Abschiedsbriefe solcher von im NS-Regime zum Tode verurteilten Menschen werden im Staatsarchiv München aufbewahrt. Mit einem europaweiten Suchprojekt wollen die Staatlichen Archive Bayerns und die Arolsen Archives Hinterbliebene ausfindig machen.„Liebe Tante und Taufpatin! Ich schreibe Euch einen letzten Brief, denn heute am 2. November 1942 um fünf Uhr nachmittags geht mein Leben zu Ende“, beginnt etwa ein Schreiben des Inhaftierten Jan Stephinak. „Wie Ihr wisst, gehe ich unschuldig in den Tod, weil die Strafen für Polen so sind.“ Nur wenige Minuten später war der 19-Jährige laut Akte tot.Lesen Sie auchZugestellt wurde dieser Brief nie. Vielmehr liegt er bis heute in einer von 844 Hinrichtungsakten, die die Grausamkeit der NS-Diktatur dokumentieren und die Interessierte im Staatsarchiv an der Schönfeldstraße in Münchens Innenstadt einsehen können.Johannes Fleischmann aus Fürth schrieb im November 1941 an seine Mutter: „Wenn das Urteil vollstreckt wird, so kann ich mit ruhigem Gewissen sagen. Ich bin der angebliche Dieb, aber das Gericht sind die Mörder.“ Zwei Franzosen namens René Blondel und Victor Douillet richteten einen Abschiedsbrief nicht an Angehörige, sondern an den Gefängnisdirektor – ob sie „Herr Diktator“ oder „Herr Direktor“ in ihrer Anrede schrieben, ist wohl mit Absicht nicht klar lesbar. Unter anderem folgten (so geschrieben) diese Worte: „...sie können diesen Brief an Hitler schicken und ihm sagen: alle franzosen scheißen auf euch“.„Bei manchen Briefen schießen einem die Tränen in die Augen“, sagt der Historiker Alexander Korb. Etwa bei dem des Häftlings Nikolaus Segota an seine geliebte Anna: „Mein Erdenwallen ist zu Ende. Mein Lebenstraum ist ausgeträumt. Mein Lebensschritt hat sein Ziel erreicht. Mein Dasein endet morgen früh um fünf Uhr.“ Am 25. Mai 1943 wurde Segota hingerichtet, im Gefängnis München-Stadelheim. Auch sein Brief erreichte nie sein Ziel.Lesen Sie auchWer in der Todeszelle saß, musste das Briefeschreiben beantragen. Das sei wohl zumeist gewährt worden, sagt Staatsarchivleiter Julian Holzapfl. Doch abgeschickt wurden die 50 Briefe nie, weil die damalige Gefängnisverwaltung und die Strafvollzugsstellen sie zurückhielten. Holzapfl vermutet, dass sie „bei jedem Anflug von Kritik“ am NS-System einkassiert wurden. Warum das Staatsarchiv selbst bisher nie versucht hat, die Briefe an ihr Ziel zu bringen? Es seien schlichtweg zu viele Akten, um das zu schaffen, sagt Holzapfl. Mit dem Projekt gebe es nun „die passende Form“. Angestoßen worden war das Projekt durch einen Bericht im Bayerischen Rundfunk.Viele Briefe zeigen „Würde und Haltung“„Die Menschen in den Todeszellen nutzten ihre letzten Stunden meist, um sich von ihren Liebsten zu verabschieden“, sagte die Direktorin der Arolsen Archives, Floriane Azoulay. Die Arolsen Archives verwahrt weltweit die meisten Informationen zu Verfolgten des Nationalsozialismus. Es handelt sich um mehr als 30 Millionen Dokumente über etwa 17,5 Millionen Individuen – KZ-Häftlinge, Zwangsarbeiter und „Displaced Persons“. Ein großer Teil des Materials in den Magazinen im nordhessischen Bad Arolsen stammt aus den Registraturen von Konzentrations- und anderen NS-Lager, die bei Kriegsende von den alliierten Truppen gesichert wurden. „Unsere Aufgabe heute ist es, die Adressaten der Briefe und die Angehörigen zu suchen, um den zu Unrecht Verurteilten ihren letzten Wunsch zu erfüllen“, sagt Floriane Azoulay, „denn das wurde damals nicht gemacht. Für die Familien kann das ungeheuer wichtig sein.“ Lesen Sie auchManche Briefe sind persönlich und intim, auch verzweifelt, andere enthalten politisch „drastische Worte“. Viele Briefe zeigten „Würde und Haltung“, erklärt Azoulay. Wenn Familien erführen, dass ihre Angehörigen Widerstand geleistet hätten, seien sie oft stolz.In Kürze wolle man mit zwei Familien in Polen Kontakt aufnehmen, erklärte Azoulay. Die Angehörigen sollen auf Wunsch Kopien der Briefe erhalten. Das Staatsarchiv München hatte die Akten zuvor systematisch durchgesehen, digitalisiert und die Abschiedsbriefe identifiziert. Der Generaldirektor der Staatlichen Archive Bayerns, Bernhard Grau, sagte, den Hingerichteten solle nun Gesicht, Namen und Stimme verliehen werden.Die meisten der in München-Stadelheim hingerichteten Frauen und Männer, von denen Abschiedsbriefe überliefert sind, stammten aus Deutschland. Aber auch Menschen aus Polen, Frankreich, Tschechien und weiteren europäischen Ländern zählen zu den Opfern. Sie waren zwischen 19 und 81 Jahre alt.Die Haftanstalt München-Stadelheim war im Nationalsozialismus eine zentrale Hinrichtungsstätte und zählt damit zu den Hauptorten des NS-Unrechts in München. Über 1000 Menschen wurden dort bis 1945 hingerichtet, meist mit einem Fallbeil. Unter den Opfern waren auch Mitglieder der Widerstandsgruppe Weiße Rose, darunter die Geschwister Hans und Sophie Scholl. Zwischen 1933 und 1945 war die Justiz ein wesentlicher Teil des NS-Regimes; reguläre und Sondergerichte bis hinauf zum eigens eingerichteten Volksgerichtshof verhängten bereits für kleinere Delikte drakonische Strafen. Ziel war der Machterhalt und die Einschüchterung potenziell abweichend eingestellter Teile der Bevölkerung. Der Historiker Martin Broszat schrieb: „Unter Berufung auf die besonderen Bedingungen des Krieges und den Opfertod zahlreicher Soldaten wurde seit Kriegsbeginn eine ganze Serie von Kriegsstrafgesetzen erlassen, die eine bisher nicht dagewesene Häufung von Todesstrafandrohungen enthielten.“ Aus den 1933 nur drei Tatbeständen, die schon 1933 mit der Todesstrafe bedroht worden waren, wurden bis 1943/44 nicht weniger als 46 Tatbestände. Hinzukam das juristisch vollkommen ungeregelte Straf- und Mordsystem der SS in den Konzentrationslagern in ganz Deutschland und mehreren der besetzten Länder Europas. dpa/epd/mak