PfadnavigationHomeDebatteArtikeltyp:MeinungMinus 0,3 ProzentDer Merz-Aufschwung ist bislang ausgeblieben – jetzt muss reagiert werdenVon Jan DamsChefreporter WELT am SonntagVeröffentlicht am 22.08.2025Lesedauer: 3 MinutenWELT-Autor Jan DamsQuelle: Martin U. K. Lengemann/WELTDeutschlands Wirtschaftskraft ist im zweiten Quartal 2025 um 0,3 Prozent gesunken. Dabei hatte Bundeskanzler Friedrich Merz einen raschen Aufschwung angekündigt. Nach der Sommerpause müssen Reformen beschlossen werden.Er kommt, er kommt nicht, er kommt. Nein, bisher kommt der Aufschwung nicht, den Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) in seiner Regierungserklärung vom 14. Mai in Anfängen schon für den Sommer 2025 versprochen hatte. Zwischen Anfang April und Ende Juni sank die Wirtschaftsleistung in Deutschland (BIP) um 0,3 Prozent im Vergleich zum Vorquartal. Ökonomisch betrachtet ist die schwarz-rote Bundesregierung nicht gut aus den Startlöchern gekommen.Die wirtschaftliche Misere ist nicht allein hausgemacht. Donald Trump hat der Welt den Zollkrieg erklärt, auch Europa und damit dem Exportland Deutschland. Der Streit um die Zollerhöhungen und die damit verbundene Unsicherheit macht es den Unternehmen schwer. Selbst der Deal zwischen der EU und den USA, der die Zölle auf im Schnitt 15 Prozent festlegt (deutlich niedriger als zeitweise befürchtet), ist für Exportunternehmen keine gute Nachricht. Die bis zu Trumps Amtsantritt bestehende Ausgangslage verschlechtert sich damit. Deutsche Waren werden in den USA teurer und sind damit weniger wettbewerbsfähig. Es kommt nur eben nicht ganz so schlecht, wie zwischenzeitlich befürchtet. Aber unterm Strich kosten die Zölle Wachstum in Deutschland. Und Wachstum ist keine kaum fühlbare Zahlengröße in den Excel-Tabellen irgendwelcher Volkswirte – Wachstum ist Wohlstand. Fehlt es, werden das Land und seine Bürger ärmer.Umso wichtiger ist es, dass die Europäer als Gemeinschaft und Deutschland als einzelnes Land Antworten auf die Herausforderungen finden. Wenn der EU-USA-Deal das beste Abkommen ist, das man haben konnte, dann ist es jetzt an der Zeit, weltweit nach neuen Handelspartnern zu suchen, die uns von den USA unabhängiger machen. Und nein, man sollte Handelsabkommen nicht damit verknüpfen, dass neue Partner selbst im Detail unsere politischen Vorstellungen teilen. In dieser sich verändernden Welt, in der wie im 19. Jahrhundert das Recht des Stärkeren gilt, wird es für die EU und Deutschland nicht ausreichen, nur mit guten Demokraten Geschäfte zu machen, wenn man sich nicht ökonomisch selbst verzwergen will.Lesen Sie auchMindestens so wichtig sind für Deutschland aber die eigenen Hausaufgaben. Auch wenn man jetzt unvorstellbare Milliardenbeträge in die Sanierung der Infrastruktur und Rüstungsprojekte investiert, entsteht daraus kein dauerhaft selbsttragender Aufschwung. Deutschland braucht Reformen. Die Kosten für das Gesundheits- und Rentensystem laufen aus dem Ruder. Die Wirtschaft ist überreguliert. Steuern und Abgaben sind im internationalen Wettbewerbsumfeld zu hoch. Der Standort schwächelt. Jeder in dieser Regierung weiß das.Die Frage ist: Kann sie sich nach der Sommerpause zu Reformen aufraffen? Kürzungen beim Bürgergeld, ein Heraufsetzen des Renteneintrittsalters, geringere Ansprüche in der Gesundheitsversorgung – jede dieser Reformen produziert zunächst Verlierer, bevor es wirtschaftlich besser wird. Die SPD hat mit den Hartz-IV-Reformen der Schröder-Ära erlebt, was es heißt, die eigene Klientel zu enttäuschen. Für die Sozialdemokratie geht es längst ums politische Überleben; das macht sie nicht reformfreudiger. Es liegt jetzt am politischen Geschick des Kanzlers, mit der SPD kluge Kompromisse zu finden, die Deutschland wirtschaftlich weit nach vorn bringen, ohne den Koalitionspartner dabei über die sprichwörtliche Klippe zu schubsen.