PfadnavigationHomeGeschichteErster WeltkriegMit 71 Divisionen in die EntscheidungsschlachtVeröffentlicht am 08.09.2025Lesedauer: 5 MinutenNach dem Sieg im Osten plante die deutsche Führung 1918 die entscheidende Offensive im Westen. 10.000 Geschütze und Werfer wurden in Stellung gebracht. Eine neue Angriffstechnik sollte „ein Loch“ schlagen.Der Plan war, freundlich ausgedrückt, unterkomplex: „Das Wort Operation verbitte ich mir“, sagte Erich Ludendorff, als Erster Generalquartiermeister der eigentliche Kopf des deutschen Heeres 1918, zu Bayerns Kronprinz Rupprecht, Oberbefehlshaber einer der wichtigsten Armee an der Westfront: „Wir hauen ein Loch hinein. Das Weitere findet sich. So haben wir es in Russland auch gemacht.“Dahinter stand die Annahme, mit einer Großoffensive in Nordostfrankreich im Frühjahr 1918 die Entscheidung an der Westfront erzwingen zu wollen, bevor Monat für Monat mehr als 100.000 bestens ausgerüstete US-Soldaten die britischen und französischen Truppen verstärken konnten. Im Osten waren nach dem Waffenstillstand mit den Bolschewiki am 15. Dezember 1917 die Kampfhandlungen abgeflaut; viele kampferprobte Divisionen waren in den Westen verlegt worden.Selbst wenn man sich die konkreten Weisungen Ludendorffs genauer anschaut, findet man nicht viel mehr als die Vorstellung, die er Rupprecht gegenüber geäußert hatte. Zwar ließ sich der Generalquartiermeister von den Stabschefs aller Armeen an der Westfront sowie von der eigenen Operationsabteilung Vorschläge für verschiedene Offensiven ausarbeiten, die Decknamen wie „Castor und Pollux“, „Walkürenritt“, „Georg II“ oder „Mars“ erhielten.Doch grundsätzlich blieb der faktische Militärdiktator bei seiner rein gefechtsfeldbezogenen Entscheidung: „Für Ludendorff stand der Erfolg des taktischen Durchbruchs, der im Krieg bis jetzt noch keiner Seite gelungen war, im Zentrum seiner Überlegungen“, schreibt der Militärhistoriker Gerhard P. Groß vom Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaft der Bundeswehr (ZMSBw) in Potsdam. Der Oberst gehört zu den besten Kennern der Operationen zwischen 1914 und 1918, von der Vorgeschichte und dem sogenannten Schlieffenplan bis hin zum Kriegsende. Ihm widmet er jetzt den ersten Band der neuen Reihe „Kriege der Moderne“ über „Das Ende des Ersten Weltkrieges und die Dolchstoßlegende“.So war es mehr Zufall, dass Ludendorff sich gerade eine Stelle aussuchte, an der die schließlich „Unternehmen Michael“ getaufte Offensive tatsächlich große strategische Effekte hätte haben können: Angreifen sollten die deutschen Truppen beiderseits der Stadt St. Quentin an der Somme, rund 140 Kilometer nordöstlich von Paris. Hier stießen sich die Frontabschnitte der Briten und der Franzosen zusammen; gleichzeitig war es ungefähr genauso weit nach Ault an der französischen Kanalküste.Lesen Sie auchSowohl die französische Hauptstadt wie die Kanalküste waren erstklassige strategische Ziele: Frankreich würde die Bedrohung seiner Metropole nicht hinnehmen können. Großbritannien wiederum wäre, falls seine Armee zwischen deutschen Truppen im besetzten Belgien und in Nordostfrankreich sowie dem Kanal eingekesselt worden wäre, sehr stark unter Druck geraten.St. Quentin war also eigentlich ein perfektes Ziel für eine Offensive – doch Ludendorff erkannte diese strategische Bedeutung und die Chancen, die sie eröffnete, einfach nicht. Warum, muss rätselhaft bleiben, denn er war ein exzellent ausgebildeter Generalstabsoffizier, der zudem über einen hoch qualifizierten Stab verfügte. Stattdessen konzentrierte sich die deutsche Führung auf einen schlichten taktischen Durchbruch.Die dafür bereitgestellten Reserven waren enorm: Nach Groß’ Berechnung standen für die erste Welle des Angriffs 39 Divisionen zur Verfügung, 22 für die zweite und immer noch zehn für die dritte Attacke. 6608 Geschütze und 3534 Minenwerfer sollten die feindlichen Stellungen zusammenschießen. Für die Frontabschnitte beiderseits von St. Quentin wählte Ludendorff mit Oskar von Hutier und Otto von Below zwei Generäle aus, die beide als erfahrene und erfolgreiche Offensivspezialisten galten.Für die deutschen Truppen lag Verpflegung für 16 Tage bereit, für Pferde sogar genügend Futter für drei Wochen. Artilleriegranaten gab es genügend für fünf Tage Dauerfeuer, davon eine Tagesration bereits marschfertig verladen. Man ging davon aus, schnell vorstoßen zu können.Warum? Die „Wunderwaffe“ der Jahres 1917, gepanzerte und schwer bewaffnete Kettenfahrzeuge, standen den Deutschen nur in geringer Zahl zur Verfügung. Ihre Generäle setzten weiterhin auf den Infanterieangriff. Allerdings nicht mehr auf das Vorgehen in Schützenreihe oder in größeren Pulks, sondern in kleinen Verbänden, den sogenannten Stoßtrupps. Seit Ende 1917 wurden aus ausgewählten Freiwilligen spezielle Sturmkompanien gebildet, später bildeten mehrere dieser Einheiten Sturmbataillone. Als Eliteformationen bekamen sie eine spezielle Ausbildung zum hoch mobilen Kampf zu Fuß sowie spezielle Waffen.Ein Förderer dieser Taktik war insbesondere Oskar von Hutier. Er war an der Ostfront vom Divisions- zum Korpskommandeur aufgestiegen und hatte entscheidenden Anteil an der Eroberung Rigas und der vorgelagerten Inseln. Wie die zarischen Truppen mangels schwerer Artillerie auf langes Trommelfeuer verzichteten, sondern sich auf schnelle Überfälle verlegten, setzte auch er auf kurze, präzise Feuerschläge. Damit sollte hoch mobilen Verbänden das selbstständige „Einsickern“ im gegnerischen Grabensystem ermöglicht werden. Entscheidend dabei war, dass die eigene Artillerie eine bewegliche Feuerwalze schoss, hinter der die Stoßtrupps vorstürmen konnten.Alle Vorbereitungen für den Angriff fanden unter extremer Geheimhaltung statt – Schanzarbeiten und Truppenverlegungen gab es fast nur nachts; die Konzentration von Kriegsmaterial beiderseits von St. Quentin sollte nicht bekannt werden.Dennoch erfuhren die Gegner davon, unter anderem durch Überläufer aus den deutschen Reihen, die sich nicht mehr für Kaiser und Vaterland in einer Schlacht opfern lassen wollten. Der Oberbefehlshaber der britischen 5. Armee, General Hubert Gough, wusste einschließlich der Hauptstoßrichtung und des genauen Angriffstermins, dem 21. März 1918, eigentlich alles, was man über eine gegnerische Offensive wissen konnte.Gerhard P. Groß: „Das Ende des Ersten Weltkrieges und die Dolchstoßlegende“. (Reclam, Stuttgart. 156 S., 14,95 Euro)Sie finden „Weltgeschichte“ auch auf Facebook. 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