PfadnavigationHomeGeschichteDeutsch-Französischer Krieg 1871„Die Beine waren zerschossen; der Kopf war zerfetzt, die Nase war weg, die Wangen auch“Veröffentlicht am 19.01.2026Lesedauer: 5 MinutenAttacke deutscher Ulanen gegen französische Infanterie bei Saint Quentin am 19. Januar 1871 – von Richard Knötel (1857–1914)Quelle: picture alliance/akg-imagesBei Temperaturen bis 20 Grad unter Null eröffneten drei französische Armeen im Januar 1871 eine Großoffensive gegen die deutschen Truppen. Bei Le Mans, Belfort und Saint Quentin kam es zu Schlachten, die von Desorganisation gekennzeichnet waren.Der Krieg, der 1870/71 zwischen Frankreich auf der einen und Preußen und seinen deutschen Verbündeten auf der anderen Seite tobte, wird oft auf die Schlacht bei Sedan am 1./2. September 1870 und die sich anschließende Belagerung von Paris reduziert. Dabei wird übersehen, dass bei Sedan mit dem Heer Kaiser Napoleons III. nur dessen Regime unterging, die Dritte Republik, die wenige Tage später proklamiert wurde, die Kämpfe jedoch weiterführte. Zwar wurde die – schwer befestigte – Hauptstadt schon bald von deutschen Truppen mehr oder weniger eingeschlossen. Aber weite Teile Frankreichs blieben unbesetzt und verfügten zudem über Häfen, über die kriegswichtige Güter ins Land kamen. Wie zur Zeit der Französischen Revolution setzte die Regierung auf das Prinzip der „Levée en masse“. Damit konnten Massenarmeen aufgestellt werden, die den deutschen Truppen zahlenmäßig weit überlegen waren.So zählte die Armée de la Loire, die bei Orleans operierte, bis zu 150.000 Soldaten. Nur wenig kleiner war die Armée de l’Est im Raum Belfort; bis zu 50.000 Mann umfasste die Armée du Nord, die an der Somme zusammengezogen worden war. Die Ausrüstung dieser Großverbände war akzeptabel, doch litten sie daran, dass das Gros des kaiserlichen Offizierskorps in Sedan und davor entweder gefallen oder gefangen worden war. Daraus, dass die Entwicklung der Waffentechnik inzwischen den Verteidigern auf dem Schlachtfeld zugutekam, hätten allerdings auch erfahrene Kommandeure kaum Schlussfolgerungen gezogen. Lesen Sie auchDie Führungsstruktur auf deutscher Seite war zwar intakt geblieben. Aber die Truppen, seit August beinahe permanent im Einsatz, waren erschöpft. Und mit den schweren Verlusten sank auch die Moral. Hinzu kam, dass im Winter 1870/71 die Temperaturen auf bis zu 20 Grad minus fielen, was die Krankenstände auf beiden Seiten in die Höhe trieb. Wiederholt hatten die französischen Armeen im Herbst 1870 versucht, den Belagerungsring um Paris aufzusprengen, waren aber zurückgeschlagen worden. Daher entwickelte die republikanische Führung den Plan, durch eine koordinierte Großoffensive im Januar die drohende Niederlage doch noch in einen Siegfrieden zu wenden. Die Loire-Armee sollte von Le Mans aus nach Osten vorstoßen, während die Ostarmee zunächst die belagerte Festung Belfort entsetzen und anschließend gegen die feindlichen Stellungen vor Paris vorgehen sollte. Parallel dazu würde die große Garnison von Paris – reguläre Truppen, Nationalgardisten, Milizen, zusammen rund 350.000 Mann – einen Ausfall unternehmen. Mit einer Offensive nach Süden war es Aufgabe der Nordarmee, die Deutschen an Umgruppierungen zu hindern, um sich gegen die Angreifer zur Wehr zu setzen. Lesen Sie auchDie Koordination dieser Operationen hätte einer erfahrenen Führung bedurft, an der es jedoch fehlte. Hinzu kam Schnee. „Dieser drückte sich fest zusammen, und bei der starken Benutzung ... wurden die Straßen schnell spiegelglatt, sodass ein Fortkommen für Menschen und Tiere höchst mühsam war... Störungen in den Kolonnen waren unvermeidlich ... die Märsche zogen sich bis tief in die Nacht hin“, schreibt Theodor Fontane, der als Kriegsberichterstatter Zeuge der Ereignisse in Frankreich war. Am 9. Januar ging die Loire-Armee unter Führung von General Antoine Chanzy in die Offensive, drei Tage später flutete sie unter Verlust von 25.000 Mann, zumeist Gefangene, zurück. „Die Desorganisation ist unbeschreiblich“, klagte ein Offizier, was einiges über die Professionalität seiner Kollegen aussagt. Ähnlich erging es der Ostarmee des Generals Charles Denis Bourbaki. Seine 120.000 Soldaten zogen gegen die 45.000 Mann des Preußen Bernhard Franz von Werder vor Belfort den Kürzeren. Den Franzosen lieb am Ende nur der Übertritt über die Grenze zur Eidgenossenschaft, wo sie interniert wurden. Der dänische Leutnant Wilhelm Dinesen, der als Freiwilliger auf französischer Seite an den Kämpfen teilnahm, beschrieb die Schrecken des Winterkrieges: „Neben mir lag jemand im Schnee; die Beine waren zerschossen; der Kopf war zerfetzt, die Nase war weg, die Wangen auch, die Augen hingen ihm bis aufs Kinn ... das warme Blut hatte dunkle Trichter in den Schnee gebohrt, Pfützen und helle Streifen in alle Richtungen, dort, wo die Verletzten versucht hatten, sich in Sicherheit zu bringen, aber waren sie in den Schnee gesunken ... Die eisige Kälte hatte die im Todeskampf verzerrten Glieder erstarren lassen.“Angesichts dieser schweren Niederlagen kann man dem Oberbefehlshaber der Nordarmee, General Louis Faidherbe, Mangel an Mut nicht nachsagen. Wie schon bei seinem gescheiterten Vorstoß Anfang Dezember forderte er von seinen Leuten „Todesverachtung zu Eurem eigenen Wohl“ und gab am 19. Januar den Befehl zum Angriff. Tatsächlich gelang ihm bei Saint Quentin ein Einbruch in die von August von Goeben gehaltene deutsche Front, sodass sich der Franzose schon als Sieger fühlte. Doch das war einmal mehr nur mangelhafter Stabsarbeit geschuldet. Große Teile seiner Armee befanden sich da bereits auf der Flucht. Gleichwohl ließ sich Fontane lobend über Faidherbe aus, der „mit Begabung und Energie seine Sache geführt habe“.Ebenfalls am 19. Januar setzte der Oberbefehlshaber von Paris, Louis Jules Trochu, den Schlusspunkt unter die letzten verzweifelten Kriegsanstrengungen Frankreichs. Mit 90.000 Mann unternahm er einen Ausbruchsversuch Richtung Westen, der jedoch im Abwehrfeuer der Belagerer liegen blieb. Ganze Bataillone unerfahrener Nationalgardisten wurden gegen die ausgebauten deutschen Stellungen geschickt und verloren dabei mehr als 80 Prozent ihrer Mannschaftsstärke. „Kopf schüttelnd fragt sich jeder, was solche Unternehmungen eigentlich bezwecken, bei welchen nicht einmal das Betreten unserer ersten Verteidigungslinie erreicht wird“, zitiert der Historiker Tobias Arand den Kommentar eines erschütterten Gegners. Am 23. Januar eröffnete die Führung der Republik die Verhandlungen über die Kapitulation, vier Tage später schwiegen die Waffen. Schon in seiner Geschichts-Promotion beschäftigte sich Berthold Seewald mit Brückenschlägen zwischen antiker Welt und Neuzeit. Als WELT-Redakteur gehörte das 19. Jahrhundert zu seinem Arbeitsgebiet.