PfadnavigationHomeICONISTTrendsLug und TrugWas man beim Gesellschaftsspiel „Impostor“ übers Leben lerntVeröffentlicht am 27.08.2025Lesedauer: 3 MinutenLügen müssen manchmal sein: Szene aus der Thomas-Mann-Verfilmung „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ (1957) mit Horst Buchholz (r.) in der TitelrolleQuelle: picture alliance / Sammlung Richter„Impostor“ bedeutet „Hochstapler“ – es ist ein Spiel, das viel über die Menschen verrät, mit denen man es spielt. Und über ihr Wesen. Nur dass bei diesem Spiel am Ende alle Beteiligten gewinnen.Vielleicht ist hier eine Triggerwarnung erforderlich: In diesen Zeilen werden auch hartnäckige Leser nichts finden, was ihren Blutdruck hochtreibt, Debatten anheizt oder die Gesellschaft spaltet. Im Gegenteil: Es geht um versöhnliche Erfahrungen. Hier besteht ehrlicherweise die Gefahr, dass man als Leser direkt wieder aussteigt – in warmen Sommernächten, die vom Herbstwind vielleicht schon wieder weggeblasen werden. Ich schreibe über ein Gesellschaftsspiel, das wie ein reiner Zeitvertreib wirkt – und doch, wie alle guten Spiele, Erkenntnisse über das Wesen des Menschen, seine Gemeinheit und Großartigkeit enthüllt.Kenner werden es bereits erraten haben: Es geht um „Impostor“. Grob gesagt läuft das Spiel so: Alle am Tisch kennen einen Begriff – bis auf ein oder zwei Mitspieler. Keiner weiß, wer die Ahnungslosen sind. Die Wissenden sollen den Nichtwissenden identifizieren, der Nichtwissende darf sich nicht zu erkennen geben. Reihum muss jeder einen Hinweis geben. Wenn der geheime Begriff „Klassik“ lautet, könnte man also sagen: „unter anderem Bratschen“ (was allerdings arg einfach wäre). Auch die Nichtsahnenden müssen sich äußern, und zwar so, dass die anderen nicht merken, dass sie im Dunkeln tappen. Sie sind die Hochstapler, Täuscher oder Lügner, nach denen das Spiel benannt ist.Klingt kompliziert? Ist es auch. Je nach Alter und Freundschafts- oder Verwandtschaftsgrad sind manche Hinweise ebenso eindeutig wie kryptisch. Als das Wort „Zeichentrick“ lautete, sang eine der Spielenden (Jahrgang 1967) das Lied „Probier’s mal mit Gemütlichkeit“ aus dem „Dschungelbuch“ (gleiches Geburtsjahr). „Lampe“, den Hinweis eines 13-Jährigen, fanden die Erwachsenen wiederum unverständlich – im Gegensatz zu den Kindern und Jugendlichen am Tisch. Wer mit Pixar-Filmen aufgewachsen ist, für den ist die hüpfende Lampe am Anfang so vertraut wie der Elterngeneration das „Menschenjunge“ Mogli und Balu, der Bär. Dieser Generation-Gap wurde von dem 13-Jährigen hochelegant wieder aufgelöst. Beim Geheimbegriff „Schreibtisch“ sagte er „Blaubeeren“, was wirklich nur seine Eltern und seine Schwester verstehen konnten, denn sein Schreibtisch zu Hause ist voller Blaubeerflecken.Lesen Sie auchWenn man sich für Sprache und Menschen interessiert, ist das Spiel eine Fundgrube. Die Assoziationen und Täuschungsmanöver einer Zehnjährigen sind fundamental anders, aber nicht weniger perfide als die eines 58-Jährigen. Jeder muss ständig überlegen: Von wem will ich verstanden werden, wen muss ich täuschen, wie winde ich mich raus? Und diese Fragen begleiten uns das ganze Leben: Der Lehrer reißt mich aus meinen Tagträumen und erwartet eine Antwort auf eine Frage, die ich gar nicht gehört habe? Bei einer Dinnerparty geht es um die „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ von Thomas Mann, und ich mag mir keine Blöße geben, weil ich keine der Verfilmungen gesehen habe? Wie stehe ich denn nun eigentlich zu KI (wo ich doch heimlich immer noch google)?Anders als im Alltag gewinnen bei „Impostor“ alle Beteiligten. Vor allem, wenn sie übereinander herfallen, sich gegenseitig bloßstellen und in die Irre führen. Und dabei, ganz wichtig, nie vergessen, dass es sich nur um ein Spiel handelt. Wir sind alle Lügner und Betrüger. Und hinterher wird gemeinsam der Abwasch erledigt.
„Impostor“: Was man bei diesem Gesellschaftsspiel übers Leben lernt - WELT
„Impostor“ bedeutet „Hochstapler“ – es ist ein Spiel, das viel über die Menschen verrät, mit denen man es spielt. Und über ihr Wesen. Nur dass bei diesem Spiel am Ende alle Beteiligten gewinnen.






