Als mir meine Kollegin aus dem Spätdienst den Patienten übergab, warnte sie mich vor: Er sei extrem genervt von der gesamten Situation, ständig habe er sich über alles mögliche aufgeregt, sich ihr gegenüber mürrisch und extrem fordernd verhalten. Zum Beispiel wollte er unbedingt am Bettrand sitzen, obwohl ihm die Ärzte strengste Bettruhe verordnet hatten – also: so ruhig wie nur irgendwie möglich im Bett zu liegen. „Ich bin einfach nicht zu ihm durchgedrungen“, sagte die Kollegin.
Der Mann, um die 50, kam wegen einer Aortendissektion. So bezeichnet man es, wenn die innerste Wandschicht der Aorta, also der Hauptschlagader, eingerissen ist. Ein solcher Riss kann bei hohem oder steigendem Blutdruck größer werden – ein bisschen lässt sich das vergleichen mit einem Loch im T-Shirt: Wenn man das Kleidungsstück an der Stelle mit dem Finger nach außen drückt, dann wird das Loch größer. Pult man hingegen nicht daran herum, verändert es sich auch nicht. Bei der Aortendissektion ist es im Idealfall sogar so, dass das Loch von alleine verheilen kann, je nachdem, wie groß es ist.
Das wollten die Ärzte bei meinem Patienten versuchen, denn sein Riss war an einer ungünstigen Stelle, ihn operativ zu beheben daher äußerst schwierig. Ohne OP kann der Riss allerdings nur heilen, wenn er so wenig Druck wie möglich ausgesetzt ist. Dafür sind blutdrucksenkende Medikamente hilfreich – und eben absolute Bettruhe. Denn jedes Hin und Her, selbst jede emotionale Aufregung sorgt dafür, dass der Blutdruck steigt.






