Während einer meiner Spätschichten am Wochenende kam die Frau meines Patienten auf mich zu. In ihrem Blick lag Verzweiflung, als sie sagte: „Wissen Sie, nächste Woche, da hab ich ein Problem.“ Oje, dachte ich mir nur. Das klang nicht gut. Als sie weitersprach, stellte sich heraus, dass sie von Montag an auf ihr Enkelkind aufpassen sollte. Von 15 Uhr an, bis dahin war der Bub im Kindergarten.
Das war exakt jene Zeit, zu der sie ihren Mann jeden Tag auf unserer Intensivstation besuchte, von 14 bis 16 Uhr. Das sind unsere offiziellen Besuchszeiten. Nun hatte die Frau Sorge, dass sie die kommenden Tage ihren Mann immer nur für höchstens eine halbe Stunde sehen würde, um dann rechtzeitig ihren Enkel abholen zu können. „Können wir da vielleicht etwas machen?“, fragte sie.
Das, was der Frau Kopfzerbrechen bescherte, war im Grunde gar kein Problem. Wenn der Zustand eines Patienten äußerst schlecht ist oder die Sterbephase eingetreten ist, dann ermöglichen wir den Angehörigen selbstverständlich, rund um die Uhr bei ihren Liebsten sein zu können. Auch bei stabileren Patienten sehen wir das mit den Besuchszeiten recht locker. Und das aus gutem Grund: Die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) empfiehlt zwar keine pauschal offenen Besuchszeiten, wie es beispielsweise in einigen skandinavischen Ländern fast überall üblich ist. Aber sie betont, wie sehr Besuche den Genesungsprozess positiv beeinflussen, vor allem bei Intensivpatienten.








