PfadnavigationHomeGeschichteÜbergelaufen zur StasiDer Spion, der in die Kälte gingVeröffentlicht am 20.08.2025Lesedauer: 8 MinutenDer Verräter Hansjoachim Tiedge 1990 im Garten seines Hauses in Ost-Berlin kurz vor seiner zweiten Flucht nach MoskauQuelle: Bernd Settnik/dpa/picture-allianceHansjoachim Tiedge war ein personifiziertes Sicherheitsrisiko: Alkoholiker, vom Leben überfordert und verschuldet. Dem Bundesamt für Verfassungsschutz fiel das zu spät auf – da war er im August 1985 bereits in die DDR verschwunden.Die Schlinge zog sich zu: Am 16. August 1985, einem Freitag, ordnete der seit zwei Wochen amtierende neue Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz (BfV) an, fortan einen seiner wichtigsten Leute observieren zu lassen. Ziel war, die „Trinkgewohnheiten“ des Regierungsdirektors Hansjoachim Tiedge zu ermitteln. Ferner verlangte Holger-Ludwigs Pfahls (übrigens zwei Jahrzehnte später selbst wegen Bestechlichkeit und Steuerhinterziehung zu viereinhalb Jahren Haft verurteilt), Tiedges finanzielle Verhältnisse zu ermitteln und baldmöglichst ein „Sicherheitsgespräch“ mit ihm zu führen.Das lief auf die Ablösung des Referatsleiters für DDR-Spionage und auf eine unehrenhafte Versetzung hinaus, vielleicht sogar auf seine Entlassung. Geplanter Beginn der „Operation“: Montag, der 19. August.Tiedge selbst bekam von diesen Weisungen seines Vorgesetzten nichts mit: Er war längst auf dem „Sprung“. Schon lange überschuldet, war der Alkoholiker seines bisherigen Lebens müde. Dann erfuhr, ebenfalls Mitte August, die Gehaltsstelle des Inlandsnachrichtendienstes von zwei bevorstehenden Gehaltspfändungen der Stadt Köln gegen den Beamten. Einem dazu für den 15. August angesetzten Gespräch ging Tiedge aus dem Weg, indem er kurzfristig Urlaub nahm. Am folgenden Tag sollte er einen „operativen Vorschuss“ in Höhe von 1500 Mark zurückzahlen – die er nicht hatte. Also ließ er seine Sekretärin erneut einen Urlaubstag beantragen.Noch Seltsameres ergab sich am 17. August 1985. An diesem Samstag wollte ein Mitarbeiter Tiedge sprechen – normal für einen BfV-Referatsleiter. Doch erst war er nicht erreichbar, dann meldete er sich aus seiner „Stammwirtschaft“ zurück und teilte mit, dort könne man ihn für eine „Rücksprache“ aufsuchen. Das war derart abstrus für einen ranghohen Geheimnisträger, dass später manche westdeutschen Beobachter darin so etwas wie ein Flehen um Festnahme erkennen wollten. Ein Betteln, ihn zu bewahren vor einer Dummheit, in die DDR überzulaufen. Tiedge selbst überging diese Spekulation in seinen 1998 erschienenen Memoiren.Nach seiner Darstellung fuhr er samstagnachmittags zum Kölner Hauptbahnhof, musste aber feststellen, dass er keinen für seinen Plan geeigneten Zug nach Hannover und weiter nach (West-)Berlin mehr bekommen konnte. So machte er sich am Sonntag erneut auf den Weg zum Skatspielen in seiner Lieblingskneipe und brach danach Richtung Hannover auf (wozu er Freifahrtscheine des BfV benutzte). Dort aber bekam er Zweifel an seinem Plan, beschloss zurückzukehren und sich den Konsequenzen für seine Verfehlungen zu stellen – den unsoliden Lebenswandel, die Überschuldung, das regelmäßige Betrinken, dessentwegen ihm schon der Führerschein entzogen worden war.„Überlaufen will ich“Durchaus glaubhaft schilderte er in seinem ansonsten ziemlich geschwätzigen, larmoyanten Buch seine Gefühle: „Was sollte ich im Büro? Eine Reihe von Erniedrigungen durch jüngere Kollegen erwartete mich.“ Tiedge war klar, dass „eine Peinlichkeit“ die nächste „jagen würde“; am Ende würde er mit geringerem Gehalt in eine unbedeutende Funktion versetzt werden. Wieder änderte er seinen Entschluss und nahm gleich in Köln den nächsten Zug zurück nach Hannover. Vorher meldete er sich aber noch telefonisch krank; im BfV schrillten nun endgültig die Alarmsirenen, denn am Wochenende war ein weiterer Fall einer Spionin des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) aufgeflogen, die sich abgesetzt hatte – in so einem Fall musste der faktische Chef der Spionageabwehr des BfV natürlich an seinem Platz sein.Lesen Sie auchStattdessen fuhr Tiedge nach Helmstedt, nahm dort den nächsten Zug nach West-Berlin – und stieg gleich beim Halt an der DDR-Kontrollstation Marienborn aus. Eigentlich überprüften die Stasi-Leute der „Passkontrolleinheiten“ die Passagiere auf der Fahrt zum Bahnhof Berlin-Zoo; nur wenige Menschen stiegen aus, die in die SED-Diktatur einreisen wollten. Der abtrünnige BfV-Mann schloss sich ihnen an und legte dem diensthabenden Kontrolleur seinen Reisepass auf den Namen „Heinz Tappert“ vor, dazu seinen BfV-Dienstausweis, ausgestellt auf Hansjoachim Tiedge – und ersuchte ihn, mit der DDR-Auslandsspionage Kontakt aufzunehmen.Ungläubig fragte der Mann in der Uniform eines Hauptmanns der Grenztruppen: „Was soll das? Was wollen Sie?“ Tiedge antwortete: „Was soll ich schon wollen? Überlaufen will ich, hören Sie, überlaufen.“ Die Antwort überraschte, denn als sei daran nichts Besonderes, brummte der Offizier nur: „Na, überlaufen, das ist doch schon was.“Damit begab sich der am Leben gescheiterte Verfassungsschützer vollends in die Hand der Stasi. In Köln war man sich zur selben Zeit schon sehr sicher, dass man es mit einem weiteren und dem schlimmsten Verrat beim BfV seit dem (nie völlig aufgeklärten) Fall Otto John 1954/55 zu tun hatte. Theoretisch stand noch die Möglichkeit im Raum, Tiedge könnte Selbstmord begangen haben – doch so schätzten ihn seine Kollegen nicht ein. Gewissheit gab es am 22. August 1985, als die DDR-Nachrichtenagentur ADN offiziell mitteilte, Tiedge habe in der SED-Diktatur um „Asyl“ nachgesucht.Lesen Sie auchIn den kommenden Tagen, Wochen und Monaten wurde der Überläufer in einem geheimen „Objekt“ des MfS nördlich Berlins ausgefragt. Dabei gestand er nach Angaben seiner Vernehmer unter Tränen, den Tod seiner Ehefrau Ute 1982 verschuldet zu haben. Sie war nach einem angeblich beim Putzen erlittenen Sturz besinnungslos ins Kölner Universitätsklinikum eingeliefert worden und einige Wochen später an einem Blutgerinnsel im Hirn gestorben, ohne das Bewusstsein wiedererlangt zu haben. Weil es schon Hinweise auf häusliche Gewalt bei Tiedges gegeben hatte, wurde ermittelt, doch ohne Ergebnis. Nach seinem Übertritt nahm die Kölner Staatsanwaltschaft das Verfahren wieder auf, doch es ergab sich kein neuer Verdacht.Für das MfS und seinen Auslandsnachrichtendienst, die Hauptverwaltung Aufklärung (HVA), war der Verrat ein mehrfacher Hauptgewinn. Erstens wegen der öffentlichen Wirkung: Der westdeutsche Verfassungsschutz stand blamiert da. Zweitens wegen der Aussagen Tiedges über die oberen Etagen des BfV und die politischen Verbindungen. Drittens aber, weil HVA-Chef Markus Wolf und seine Leute nun (aus ihrer Sicht: endlich) einen geheimdienstlichen „Schatz“ heben konnten. Denn schon seit 1981 verriet ein enger Mitarbeiter Tiedges, Klaus Kuron, gegen hohen Agentenlohn zahllose Details über Operationen des BfV an die HVA. Allerdings hätten Festnahmen in der DDR zu seiner Enttarnung führen können. Nun erfuhr die Stasi zwar wenig wirklich Neues über BfV-Spione im zweiten deutschen Staat, doch ließ sich deren Festnahme jetzt auf Tiedges Verrat zurückführen. Tatsächlich flog Kuron erst Anfang Oktober 1990 auf; zuvor hatte er das Angebot des KGB ausgeschlagen, sich in die Sowjetunion abzusetzen.Lesen Sie auchAnders Tiedge. Er lebte bis Sommer 1990 unter falschem Namen in einer Prominentensiedlung in Ost-Berlin; dort gab er sogar mehrfach Journalisten Interviews. Am 23. August flüchtete er mit seiner neuen Frau (die HVA hatte die Bekanntschaft herbeigeführt) in einem sowjetischen Flugzeug nach Moskau. Die sowjetischen Geheimdienstler, die von der HVA selbstverständlich stets vollständig unterrichtet waren, fühlten sich ihm gegenüber verpflichtet.Der Schaden, der Hansjoachim Tiedge angerichtet hat, ist kaum zu quantifizieren. Er kannte nach Aktenlage 816 verschiedene nachrichtendienstliche Operationen des BfV in der oder gegen die DDR – diese dürfte er vollständig verraten haben. Wie viele Menschen seinetwegen für wie lange ihre Freiheit verloren, ist wegen der weitgehenden Datenschutzbestimmungen des Stasi-Unterlagen-Gesetzes nicht verlässlich zu ermitteln. In vielen Fällen dürfte das eigentliche Auffliegen auf Klaus Kuron zurückgehen, die Festnahme hingegen indirekt auf Tiedge. Dass der zum 1. August 1985 zum BND gewechselte vormalige BfV-Chef Herbert Hellenbroich wegen seiner laschen Behandlung der Sicherheitsbedenken gegen den noch nicht abtrünnigen Referatsleiter seinen Posten aufgeben musste, kam hinzu.Lesen Sie auchDer KGB, nach dem Ende der UdSSR aufgespalten in den Inlandsdienst FSB und die Auslandsabteilung SWR, hielt dem Überläufer die Treue – auch in der Ära Jelzin. Seit der Machtübernahme des KGB-Gewächses Wladimir Putin bestand für Tiedge gar keine Gefahr mehr in Moskau: Er lebte abgeschirmt in einer Siedlung für aktive und ehemalige SWR-Geheimdienstler.1998 ließ er bei einem Berliner Verlag aus dem Umfeld ehemaliger Stasi- und SED-Funktionäre unter dem Titel „Der Überläufer“ seine Memoiren erscheinen. Das BfV und die Berliner Staatsanwaltschaft tappten in die durchschaubare Falle: Wegen „Verletzung des Dienstgeheimnisses und einer besonderen Geheimhaltungspflicht“ wurden die Räume des Verlages durchsucht, Dateien und Ausdrucke des Buchmanuskripts beschlagnahmt. Etwas Besseres hätte Autor und Verlag nicht passieren können. Die Berichte über den Aktionismus der inzwischen gesamtdeutschen Staatsmacht waren die beste kostenlose Werbung, die man sich wünschen konnte.„Es gab kein Zurück“Wohlweislich hatte eine Wiener Druckerei die Erstauflage von 5000 Exemplaren hergestellt; in Österreich waren die Bände für die deutschen Strafverfolger faktisch unerreichbar. Als Tiedges „Lebensbeichte“ (so der Untertitel) dann in kleineren Partien an Buchhandlungen ausgeliefert wurde, schlugen Ermittler noch einige Male zu, konnten aber nur wenige hundert Exemplare sicherstellen. Ein Bestseller wurde der Band trotzdem nicht, dafür war er einfach zu uninteressant und schlecht geschrieben. Außerdem wurden die 478 Seiten parallel im damals noch recht neuen Internet veröffentlicht – von einer unbekannten Person. Damit sei der Inhalt von Tiedges Buch kein Geheimnis mehr gewesen, befand das Gericht, das die Anklage gegen zwei Verlagsmitarbeiter zugelassen hatte. Selbst die Staatsanwaltschaft sah sich im März 1999 genötigt, Freispruch zu beantragen. Die Memoiren-„Affäre“ erledigte sich.Offiziell blieb Hansjoachim Tiedge auf der Fahndungsliste, auch wenn bekannt war, wo er sich aufhielt. Juristisch betrachtet verjährte sein Verrat 2005, doch sorgte er sich, ob sein Wechsel zum KGB 1990 als erneuter Landesverrat bewertet werden könnte; daher kehrte er nicht nach Deutschland zurück. 2011 starb Tiedge im Alter von knapp 74 Jahren in Moskau. Erstaunlicherweise angesichts seiner unaufgeklärten Rolle beim Tod seiner Frau steht auf deren Grab auf dem Friedhof Köln-Kalk eine Gedenktafel für ihn, sogar mit seinem 1988 an der Ost-Berliner Humboldt-Universität für eine Dissertation über den Verfassungsschutz erworbenen Doktortitel.„In dem Moment, als ich in der DDR war, hatten die Gewissensbisse ein Ende“, sagte Hansjoachim Tiedge in einem seiner gelegentlichen Interviews 1993 über sein eigenes Erleben. Und fügte hinzu: „Es gab kein Zurück, und ich habe es auch nie bereut.“Sven Felix Kellerhoff ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Mit Geheimdiensten im Kalten Krieg befasst er sich schon seit Jahrzehnten – unter anderem veröffentlichte er zusammen mit Bernd von Kostka vom Berliner Alliiertenmuseum das Buch „Hauptstadt der Spione“.
Übergelaufen zur Stasi: Alkoholiker, vom Leben überfordert und verschuldet - WELT
Hansjoachim Tiedge war ein personifiziertes Sicherheitsrisiko: Alkoholiker, vom Leben überfordert und verschuldet. Dem Bundesamt für Verfassungsschutz fiel das zu spät auf – da war er im August 1985 bereits in die DDR verschwunden.







