PfadnavigationHomeGeschichteMilitärstädtchen Nr. 7Geblieben ist das Herz des TerrorsVeröffentlicht am 01.09.2025Lesedauer: 7 MinutenEine der wenigen Aufnahmen aus dem sowjetischen Militärstädtchen Nr. 7 in Potsdam. Der Schnappschuss stammt aus dem Album eines Wachsoldaten aus den späten 1980er-JahrenQuelle: Gedenk- und Begegnungsstätte Leistikowstraße PotsdamIn einem der schönsten Villenviertel Potsdams in der Nauener Vorstadt bezog Mitte August 1945 die sowjetische Militärspionageabwehr Quartier. Erst 1994 wurde das Areal wieder freigegeben. Im Zentrum: das stalinistische Gefängnis.Geblieben sind nur wenige Spuren. Ein paar Meter Mauern, gefügt aus groben Betonplatten. Ein auffallend gelbes Hausnummernschild mit einer „7“ oben und darunter, etwas größer, einer „10“. Die Reste zweier Denkmäler, erkennbar nur noch an der für die Gegend untypischen Pflasterung, verrosteten Fahnen- und Laternenmasten. Und, die größte erkennbare Hinterlassenschaft: ein zur primitiven Haftanstalt umgebautes, schmutzig beige-graues Wohn- und Geschäftshaus. Es steht, wenig überraschend, im Kern des gesamten einstigen „Militärstädtchens Nr. 7“ in der Nauener Vorstadt in Potsdam, direkt neben dem Park des Schlosses Cecilienhof.Hier lag für fast ein halbes Jahrhundert einer der geheimsten Orte in Mitteleuropa. Ein ummauertes und besonders gesichertes Areal von 16 Hektar, mit rund hundert Villen und (kleinen) Mehrfamilienhäusern sowie drei größeren Gebäuden: der ehemaligen Villa der Evangelischen Frauenhilfe e.V., von 1945 bis 1991 benutzt als Gefängnis, dem Kaiserin-Augusta-Stift, einer Schule für höhere Töchter mit Internat, die fast fünf Jahrzehnte lang als vorgeschobenes Hauptquartier der sowjetischen Militärspionageabwehr diente, sowie dem Haus des Kaisersohns Oskar von Preußen, lange Zeit Teil einer KGB-Kaserne.An sich handelte es sich bei dem lang gestreckten Areal zwischen dem Pfingstberg mit dem unvollendeten Schloss Belvedere im Westen und dem Park von Cecilienhof im Osten um ein elegantes Quartier; Potsdamer hatten es der oft adligen Herkunft der Bewohner wegen „Handkuss-Viertel“ genannt. Doch im Sommer 1945 zogen gänzlich andere Nutzer ein. Schon Anfang Juni hatten sowjetische Dienststellen das Kaiserin-Augusta-Stift besetzt. Da von hier aus der Zufahrtsweg zum Schloss Cecilienhof überwacht werden konnte, requirierte die Spionageabwehr- und Sicherheitsabteilung „Smersch“ (Abkürzung für „Tod den Spionen“) den großzügigen Bau. Wahrscheinlich hier hatten während der Potsdamer Konferenz der „Großen Drei“ von Ende Juli bis Anfang August 1945 die leitenden Geheimdienstfunktionäre Sergej Kruglow und Viktor Abukow ihre Büros. Was lag näher, als das vormalige Stift einschließlich der näheren Umgebung auch weiterhin zu nutzen?Am 13., nach anderen Berichten am 15. August 1945 beschlagnahmten sowjetische Offiziere die durchaus repräsentative Villa der Frauenhilfe mit Erdgeschoss, Obergeschoss und teilweise ausgebautem Dach. Im Keller und im Erdgeschoss entstanden Zellen, davon einige ohne Fenster sowie Stehkarzer. Die Dienstwohnung im Obergeschoss wurde zu Vernehmungsräumen und Sammelzellen. Ein gleichfalls beschlagnahmtes Nachbarwohnhaus beherbergte die Büros der Vernehmer und im Keller weitere ZellenOffizielle Aufgabe der Spionageabwehr (deren organisatorische Zuordnung in der Nachkriegszeit verschiedentlich wechselte und die ab 1954 zum KGB zählte) war es, die sowjetischen Truppen im besetzten Teil Deutschlands vor inneren wie äußeren Feinden zu schützen. Dieser Auftrag wurde gerade in den ersten Jahren sehr weit verstanden: Inhaftiert und verhört wurden in dem Gefängnis einerseits Deutsche, darunter tatsächlich vormalige Täter und Unterstützter des NS-Systems (darunter eine KZ-Aufseherin), aber auch Jugendliche, die als vermeintliche „Werwölfe“ galten, also Mitglieder der faktisch kaum existenten NS-Guerilla. Lesen Sie auchAndererseits nahm die Militärspionageabwehr, parallel zum ebenfalls in der Sowjetischen Besatzungszone tätigen Geheimdienst NKWD, Sowjetbürger fest. Darunter waren ehemals kriegsgefangene Rotarmisten, zeitweilige Angehörige der „Wlassow-Armee“ aus Kollaborateuren, jedoch auch Zwangsarbeiter und Exilanten. Ungeachtet der vollkommen unterschiedlichen Schicksale wurde ihnen oft pauschal „Fahnenflucht“ oder „Vaterlandsverrat“ vorgeworfen.Da aber auch alle, die sich dem totalen Machtanspruch Stalins und seiner Vollstrecker nicht vollkommen unterwarfen, als zumindest potenzielle Feinde galten, konnte praktisch jeder in die Mühlen der sowjetischen Geheimdienste geraten. Parallel mit dem Haftort im Militärstädtchen Nr. 7 entstand nur zwei Kilometer Luftlinie im früheren Gerichtsgefängnis von Potsdam in der Lindenstraße 54/55 eine weitere Untersuchungshaft für den NKWD, der ab 1946 MWD hieß; das Gefängnis unterstand nun dem MGB.Während dieses Objekt 1952 an das DDR-Ministerium für Staatssicherheit überging, betrieb die Spionageabwehr ihr Gefängnis in der Nauener Vorstadt bis 1991. Die Verfolgung tatsächlicher und angeblicher politischer Gegner in der SED-Diktatur war nun vorwiegend Aufgabe des Stasi-Apparates. Die sowjetische Militärspionageabwehr konzentrierte sich im Zuge des Kalten Krieges mehr auf die Tätigkeit westlicher Agenten – wirklicher und eingebildeter. Wie den erst 15-jährigen Joachim Lange. Er wurde in Leipzig 1947 verhaftet und ins Gefängnis im Militärstädtchen Nr. 7 überstellt. Man warf ihm vor, Informationen über sowjetische Truppenverschiebungen an westliche Geheimdienste und Informationen über die Wirtschaft in Sachsen weitergegeben zu haben. Tatsächlich hatte der Jugendliche im Freundeskreis verbreitet, dass die in Katyn ermordeten polnischen Offiziere nicht Opfer der Wehrmacht geworden waren, sondern der Sowjets.Lange wurde brutal verhört; das Ziel waren (wie stets bei sowjetischen Geheimdiensten) Geständnisse; es spielte keine Rolle, ob sie nun stimmten oder erfunden waren, um weiteren Qualen zu entgehen. Zusätzlich ging es um die Namen anderer Beteiligter, denn das stalinistische Denken kreiste stets um angebliche Verschwörungen gegen die Sowjetmacht. Schließlich wurde Joachim Lange mit fünf weiteren jungen Männern angeklagt, wegen antisowjetischer Propaganda, „Werwolf“-Tätigkeit, Verunglimpfung der Roten Armee, Verbreitung von Lügen über die sowjetische Besatzungsmacht und Spionage. Er erhielt eine 25-jährige Haftstrafe. Den Untersuchungsrichter fragte er: „Wieso ausgerechnet ich?“ Die Antwort war so plausibel wie pauschal: Es sei wie Fischfang. Man werfe ein Netz aus, und von tausend Fischen darin würden 999 weggeworfen, aber einer präpariert. Das war in diesem Fall Joachim Lange, der bis Anfang März 1955 hinter Gittern saß.Zu dieser Zeit konzentrierte sich die sowjetische Militärspionageabwehr schon weitgehend auf vermeintliche Verräter unter den eigenen Leuten. Ins Gefängnis im ehemaligen Haus der Evangelischen Frauenhilfe kamen fortan ausschließlich sowjetische Militärangehörige und Zivilangestellte sowie deren möglicherweise straffällig gewordenen Familienangehörigen. Vorgeworfen wurden ihnen Vergehen wie Desertion, Verstöße gegen die Dienstvorschriften oder kriminelle Delikte. Nach der Verurteilung verbüßten sie Haftstrafen in Lagern und Gefängnissen in der Sowjetunion. Die Dokumentation solcher Verfahren ist aufgrund der schlechten Quellenlage noch sehr viel dürftiger als bei deutschen Beschuldigten. Von den Schicksalen der hier inhaftierten Menschen zeugen bis heute massenhaft erhaltene Inschriften, die in die Zellenwände gekratzt wurden. Die Historikerinnen Ines Reich und Maria Schultz dokumentierten sie 2015 in dem Band „Sprechende Wände. Häftlingsinschriften im Gefängnis Leistikowstraße Potsdam“. Das Militärstädtchen blieb auch nach 1955 Sperrgebiet. Zusätzlich zu den requirierten Villen entstanden Kasernengebäude am Hang des Pfingstberges und mehrere Wohnblocks etwas außerhalb des eigentlichen Geländes. Deutsche Nachbarn wurden scharf kontrolliert; trotzdem gelang es einigen von ihnen, verdeckt Fotos zu machen. Aus dem Inneren des Areals existieren nur ganz wenige Aufnahmen, meist private Schnappschüsse hier stationierter (Wach-)Soldaten. Nach der Deutschen Einheit war klar, dass sich die sowjetischen, dann russischen Truppen bis Sommer 1994 aus Deutschland zurückziehen würden. Die Militärspionageabwehr verlegte ihren Standort schon 1991 ins Hauptquartier nach Karlshorst; das Gefängnis wurde faktisch aufgegeben, blieb aber weitestgehend erhalten. Erst praktisch auf den Tag 49 Jahre nach der Übernahme durch die Sowjets 1945 wurde das Sperrgebiet am 15. August 1994 wieder freigegeben. Der Zustand des ehemaligen Villenquartiers war desaströs: Die Häuser heruntergekommen, die Erde vielfach mit Dieselöl und anderen Schadstoffen belastet, die Gärten verwildert. Das Gefängnis konnte dank des Engagements unter anderem ehemaliger deutscher Inhaftierter bewahrt werden, steht seit 2004 unter Denkmalschutz und ist seit 2008 eine Stiftung. Der Evangelisch-Kirchliche Hilfsverein, der als Rechtsnachfolger der Evangelischen Frauenhilfe die total umgebaute Villa zurückübertragen bekommen hatte, unterstützt die Erinnerungsarbeit.Im Gegensatz dazu sind vom Rest des „Militärstädtchens Nr. 7“ fast keine Spuren mehr geblieben: Im Norden und im Süden des früheren Sperrgebietes gibt es an einigen Stellen in privaten Gärten Reste der Betonplattenmauer. An einer Villa an der Großen Weinmeisterstraße hat das gelbe Schild mit der Hausnummer „7 /10“ die denkmalgerechte Sanierung überstanden, für das zehnte Haus in diesem Militärstädtchen; hier wie an zwölf weiteren Stationen erklären gut gestaltete Informationsstelen und eine Audioführung die Vergangenheit des Areals. Das Kaiserin-Augusta-Stift ist zu hochwertigen Wohnungen umgebaut; an die Nutzung durch den KBG erinnern nur noch zwei Stelen. Ebenso sind die Kasernengebäude abgerissen, die Grundstücke renaturiert worden. Die einander gegenüberliegenden Denkmäler kann man nur noch vage erahnen, wenn man historische Fotos mit dem heutigen Zustand vergleicht. Potsdam hat sich das Handkuss-Viertel zurückerobert. Geblieben ist das Herz des Terrors: das stalinistische Gefängnis in der heutigen Leistikowstraße Nr. 1.Sven Felix Kellerhoff ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. 1987 war er erstmals im Schloss Cecilienhof direkt neben dem damals noch existierenden „Militärstädtchen Nr. 7“ – und ahnte nicht, dass er sich keine 500 Meter von einem aktiven sowjetischen Geheimdiensthauptquartier aufhielt.
Potsdam: Sowjetischen Militärstädtchen Nr. 7 - Geblieben ist das Herz des Terrors - WELT
In einem der schönsten Villenviertel Potsdams in der Nauener Vorstadt bezog Mitte August 1945 die sowjetische Militärspionageabwehr Quartier. Erst 1994 wurde das Areal wieder freigegeben. Im Zentrum: das stalinistische Gefängnis.






