PfadnavigationHomeGeschichteNKWD-Gefängnis in Potsdam„Das Unmenschlichste, was man sich vorstellen kann“Veröffentlicht am 02.10.2025Lesedauer: 8 MinutenVom sowjetischen Geheimdienst in Zellen umfunktionierte Kellerräume im Gefängnis LindenstraßeQuelle: Hagen Immel/Stiftung Gedenkstätte LindenstraßeMitten in Potsdams Innenstadt betrieb der sowjetische Geheimdienst 1945 bis 1952 ein Untersuchungsgefängnis. Die rund sieben Jahre waren bisher nur in Umrissen bekannt. Jetzt wird das „Graue Elend“ aufgearbeitet.Vielleicht am schlimmsten waren die nagenden Fragen, die sich durch Jochen Sterns Hirn fraßen: „Warum sitzt du hier, und was wollen die von dir?“ Doch Antworten fand der 19-Jährige nicht. Am 14. Oktober 1947 war Stern in seiner Heimatstadt Frankfurt (Oder) von sowjetischen Soldaten festgenommen und wenige Stunden später in das ehemalige Gerichtsgefängnis Lindenstraße in Potsdams Innenstadt eingeliefert worden.Nach einiger Zeit in der Zelle begann er, mit den Fäusten gegen die grün lackierte schwere Metalltür zu schlagen. Ein sowjetischer Wächter schloss auf und befahl: „Ruhig, ruhig!“ Stern verlangte, einen Offizier zu sprechen – erfolglos. Am folgenden Tag versuchte er es erneut. Dem Posten, der dieses Mal die Tür öffnete, rief er zu: „Ich weiß gar nicht, warum ich hier sitze. Ich verstehe das gar nicht. Ich bin doch unschuldig.“ Die Antwort kam in gebrochenem Deutsch, aber dafür absolut eindeutig: „Wer bei uns sitzt, ist schuldig!“Elf Monate nach seiner Festnahme verurteilte ein sowjetisches Militärtribunal den Angeklagten Jochen Stern im Vorderhaus des Komplexes zu 25 Jahren Haft in einem Arbeitslager. „In dem Moment, wenn man die Anzahl 25 hört, kommt man als so junger Mensch gar nicht auf die Idee, dass man etwas vorhaben könnte, was noch lebenswert sein müsste“, erinnerte sich Stern: „Das Leben war eigentlich beendet.“Lesen Sie auchDer heute 97-Jährige ist einer der allerletzten Zeitzeugen, die von ihrer Zeit im sowjetischen Gefängnis mitten in Potsdam, keine 200 Meter von der belebten Brandenburger Straße entfernt, berichten können. „Die Zeit der Untersuchungshaft in der Lindenstraße war das Unmenschlichste, was man sich vorstellen kann“, wird er in der neuen Ausstellung der Stiftung zitiert, die sich um das historisch vielschichtige Gebäude kümmert. Ursprünglich errichtet im 18. Jahrhundert, wurde 1910 im Hof ein Zellenbau für das Potsdamer Stadtgericht ergänzt. Während des Dritten Reichs waren hier Regimegegner eingesperrt sowie (angeblich oder tatsächlich) straffällige Fremd- und Zwangsarbeiter.Im Zuge der Schlacht um Berlin besetzte die Rote Armee Ende April 1945 den Komplex. Drei Monate später beschlagnahmte der sowjetische Geheimdienst NKWD das barocke Vorderhaus im holländischen Stil sowie den Zellentrakt, zunächst als zentrales Untersuchungsgefängnis für die gesamte Sowjetische Besatzungszone und anschließend als Haftort für Beschuldigte aus dem 1947 neu eingerichteten Land Brandenburg. Im August 1952 übernahm dann die DDR-Staatssicherheit die Haftstätte; fortan waren hier Festgenommene aus dem Bezirk Potsdam eingesperrt. In der Friedlichen Revolution 1989/90 übernahmen Bürgerrechtler das Gebäude, das 1995 zum Teil und 2007 vollständig zur Gedenkstätte wurde. Seit 2015 trägt eine eigens gegründete Stiftung die Verantwortung.Die rund sieben Jahre als Gefängnis des sowjetischen Geheimdienstes (der in dieser Zeit mehrfach seinen Namen wechselte) waren bisher nur in Umrissen bekannt, vor allem durch Erinnerungen von Zeitzeugen wie Jochen Stern. Jetzt hat die Stiftung Lindenstraße ein mehrjähriges Forschungsprojekt abgeschlossen und präsentiert die beachtlichen Ergebnisse ab dem 26. September 2025 in der Sonderausstellung „Das graue Elend von Potsdam“.Lesen Sie auchDer Titel ist ein Zitat von Helga Wunsch, die 1947 am selben Tag wie Jochen Stern verhaftet worden war – beide als angebliche Mitglieder einer antisowjetischen Widerstandsbewegung aus Frankfurt (Oder), die „LO-Gruppe“ heißen sollte, angeblich für „Liberal Organisation“. Die 19-Jährige musste die folgenden acht Jahre hinter Gittern verbringen, unter anderem in Bautzen, das schon seit Langem der Farbe seiner Backsteinmauern wegen den Beinamen „Gelbes Elend“ trug. Das übertrug Wunsch rückblickend auf Potsdam.An die Monate der Untersuchungshaft in der Lindenstraße erinnerte sie sich nach ihrer Freilassung Ende 1955 so: „Das Leben verlief nun fast gleichmäßig. Früh um vier Uhr Wecken, dann wurden wir an den Wasserhahn in der Spülzelle geführt, Zelle für Zelle. Gegen sieben Uhr wurde eine Schüssel mit knapp einem halben Liter gesüßtem Kaffee in die Zelle gegeben und 375 Gramm trockenes Brot für jeden, das uns Halbverhungerten wie Kuchen schmeckte.“ Oft schloss sich vormittags ein „Spaziergang“ an, allerdings nur zehn Minuten und in einem winzigen Hof. Mittags gab es Wassersuppe mit ein paar Fettaugen und manchmal einigen Stückchen Kartoffel oder Gemüse, ebenso abends. Dann kam die Hauptsache – die Verhöre.Lesen Sie auchLeiter der „Ermittlungsabteilung“ in der Lindenstraße war zu dieser Zeit ein gewisser Iwan Iwanowitsch Siwakow, um die dreißig Jahre alt. „Er war immer nur unter dem Spitznamen ,Prügelmajor‘ bekannt“, berichtete Helga Wunsch: „Trotz Prügel und Karzer leugnete ich hartnäckig und dachte nicht daran, etwas zuzugeben, was nicht mal stimmte.“ Noch kannte sie das Prinzip der Verhöre bei sowjetischen Geheimdiensten nicht: Beschuldigte wurden so lange geprügelt, bis sie alles zugaben und oft auch noch begannen, zusätzliche Namen zu nennen. „Beim nächsten Verhör bei Kapitän Tobartschikow, meinem Vernehmer, gab ich zu, von der ,LO-Gruppe‘ gewusst zu haben. Man war zufrieden und quälte mich nicht länger“, hielt sie fest: „Vielleicht habe ich mir dadurch Wasserkarzer, Lungenentzündung, TBC erspart. Ich wäre nicht der erste Todesfall aus diesen Gründen gewesen.“Aber wie viele Häftlinge gab es in der Potsdamer Lindenstraße während der sieben Jahre als sowjetisches Geheimdienstgefängnis überhaupt? Wie viele davon waren Deutsche, wie viele Ausländer, wie viele Männer und wie viele Frauen? Weshalb wurden sie festgenommen? Schließlich, natürlich am wichtigsten: Was wurde aus diesen Menschen?Die Grundlage für die Untersuchung der Historiker Sven Schultze, Johannes Leicht und Maria Schultz bildeten Überstellungslisten aus der Lindenstraße in die sowjetischen Haftorte Sachsenhausen, Torgau, Ketschendorf, Frankfurt (Oder), Jamlitz sowie Bautzen; entsprechende Listen für Berlin-Hohenschönhausen und Buchwald sind nicht überliefert. Diese Unterlagen stammen eigentlich aus dem Moskauer Staatsarchiv, Kopien jedoch befinden sich schon seit mehreren Jahren in Deutschland. Allerdings sind die Angaben oft unvollständig oder sogar falsch. Deutsche Namen wurden in kyrillischen Buchstaben oft eigenwillig oder unleserlich geschrieben, sodass sie sich nicht weiterverfolgen lassen. Die Vorwürfe gegen die Verhafteten waren nicht selten derartig allgemein, dass sie sich nur schwer nachprüfen lassen.Allein für die Zeit vom 28. Juli 1945 bis zum 31. Januar 1950 sind 1860 Personen dokumentiert. 82 Prozent von ihnen waren Deutsche, gut 16 Prozent Sowjetbürger – der kleine Rest bestand aus Polen, Schweizern, Franzosen und weiteren Nationen, sogar einem Japaner. Darunter waren 224 Frauen, also zwölf Prozent. 109 Häftlinge wurden im Alter von nicht einmal 18 Jahren inhaftiert – laut sowjetischem Usus waren bereits Zwölfjährige strafmündig.Wo immer möglich, forschten die Potsdamer Historiker den Namen nach, unter anderem in Beständen des Bundesarchivs, aber auch bis nach Japan; stellvertretend sind im Rahmen der Ausstellung 26 Lebensläufe dokumentiert. Zunächst arbeiteten die sowjetischen Geheimdienstler offenbar systematisch Namenslisten von bisherigen NSDAP- und Staatsfunktionären ab. Das konnten ebenso Mitarbeiter des Reichspropagandaministeriums sein wie Beamte aus der Unrechtsjustiz des Dritten Reichs, aber auch Jugendliche, die als angebliche Mitglieder der nie ernsthaft bestehenden Partisanenorganisation „Werwolf“ galten.Ab 1946 veränderte sich die Zusammensetzung der Festgenommenen: Nun stand nicht mehr die (in der sowjetischen Besatzungszone ohnehin völlig willkürlich vollzogene) Entnazifizierung im Vordergrund, sondern beispielsweise Kontakte nach West-Berlin, die pauschal als „Spionage“ galten. Darunter waren auch Sozialdemokraten, die der sowjetische Geheimdienst verhaftete, weil sie sich der Zwangsvereinigung der SPD mit der KPD zur SED im April 1946 widersetzt hatten. Hinzu kamen Personen, denen Widerstand gegen den Aufbau der ostdeutschen Diktatur unterstellt wurde – wie Jochen Stern und Helga Wunsch. Rund ein Viertel der insgesamt bis 1950 hier eingesperrten Menschen gehörten zu dieser Gruppe.150 TodesurteileViele der in der Lindenstraße Inhaftierten wurden auch hier von einem sowjetischen Militärtribunal verurteilt – meist zu 25 Jahren Lagerhaft, der Standardstrafe in der stalinistischen Sowjetunion, was in der Regel zur Inhaftierung bis nach Stalins Tod 1953 führte. Allerdings erhielten auch mehr als 150 Insassen des vormaligen Gerichtsgefängnisses die Todesstrafe. Deren Vollstreckung erfolgte, sofern das Gnadengesuch wie in der Mehrzahl der Fälle abgelehnt worden war, meistens in Moskau. Vor dem Urteil starben im Gefängnis mindestens acht Verhaftete. Diesem düsteren Kapitel widmet sich die Ausstellung natürlich auch, ebenso der verzweifelten Suche der Angehörigen nach den Verhafteten – die oft für immer spurlos verschwunden blieben.Neben Folter waren dafür die miserablen Haftbedingungen und die mangelhafte Ernährung verantwortlich. Sicher mehr als 2000 Menschen insgesamt waren zwischen 1945 und 1952 in den 70 Zellen für nominell 88 Gefangene inhaftiert, manche nur wenige Tage, andere länger als ein Jahr. Der Hoftrakt muss also zu fast jeder Zeit deutlich überbelegt gewesen sein, was sich in den Schilderungen der Zeitzeugen bestätigt, – Akten darüber liegen bisher nicht vor. Nur für knapp jeden zweiten Insassen ist der Tatvorwurf bekannt. 25 Personen wurden aufgrund der Kontrollratsgesetze verurteilt, also wegen Tätigkeit im Nationalsozialismus. Bei 638 aber bildete Paragraf 58 des sowjetischen Strafgesetzbuchs die Basis des Schuldspruchs, der berüchtigte „Gummiparagraf“ gegen Verrat, Spionage, die „Verbindung zu ausländischen Staaten“ oder die „Unterstützung der internationalen Bourgeoisie“, ferner „antisowjetische Propaganda“ oder das „Unterlassen einer Anzeige“, also Verweigerung der Denunziation. 2024 übergab Jochen Stern seine privat gesammelten Unterlagen an die Stiftung Lindenstraße, die zudem aus dem Nachlass der im selben Jahr kurz vor ihrem 96. Geburtstag verstorbenen Helga Wunsch Tagebücher und einen mit dem eigenen Blut geschriebenen Kassiber erhielt. Ihre Leiden sind damit so gut es geht für die Zukunft dokumentiert.„Das graue Elend von Potsdam“. Stiftung Lindenstraße, Potsdam. 26. September bis 12. Juli 2026. Katalog 20 Euro.Sven Felix Kellerhoff ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Zu seinen Themenschwerpunkten zählen der Nationalsozialismus, die SED-Diktatur, linker und rechter Terrorismus sowie Verschwörungstheorien.