PfadnavigationHomePanorama„Horden unhöflicher Touristen“Drehkreuz in Südtirol – Neue Wandergebühr löst Empörung ausVeröffentlicht am 11.08.2025Lesedauer: 4 MinutenDas Drehkreuz auf dem Panoramaweg, der zum Seceda führtQuelle: Carlo Alberto Zanella/Cai/dpaVier Landwirte in den Südtirol Dolomiten haben die Nase voll. Tausende Besucher vermüllen ihr Land, sagen sie. Aus Protest stellen sie ein Drehkreuz auf – zum Missfallen des örtlichen Tourismusverbands. Wie eine Bezahl-Schranke zum Symbol für Tourismusfrust wird.Geht man entlang des Panoramaweges „Seceda“ in Südtirol, versperrt ein Drehkreuz neuerdings den Zugang zum schönsten Teil, dem Gipfelzugang mit Blick auf die Bergspitzen. Der Preis dafür, das Drehkreuz zu passieren und den begehrten Foto-Spot zu erreichen: fünf Euro. Landwirte stellten es auf, um die massiven Besucherströme einzudämmen. Nachdem Anfang Juli international Schlagzeilen darüber entstanden waren, war das Drehkreuz nur kurz aktiv. Jetzt wird jedoch wieder ein Eintrittspreis für den „Selfie-Pfad“ (ausgenommen Anwohner und Kinder) verlangt, wie die „Südtiroler“-Zeitung berichtet. „Unser Ruf war ein Hilferuf“, erklärte Georg Rabanser, einer der vier Grundeigentümer, gegenüber der Zeitung. „Wir haben mit einem Anruf der Landesbehörde gerechnet. Aber nichts. Wir haben nur Stellungnahmen in der Zeitung gelesen. Gerüchte, nichts Konkretes. Nicht einmal Mahnschreiben haben wir erhalten. Also machen wir weiter. Das Land muss verstehen, dass die Liftbetreiber zwar ein Vermögen mit dem Touristenansturm verdienen, wir aber die Kosten und Schäden tragen müssen. Dazu kommen der zurückgelassene Müll und die von Horden unhöflicher Touristen ruinierten Rasenflächen.“ Bis zu 6000 Touristen kämen täglich. „Die laufen über die Wiesen, verrichten ihr Geschäft hinter unseren Hütten und lassen ihren Müll überall liegen“, schimpfte der Landwirt. Die Seilbahnunternehmen planen laut „Südtiroler Zeitung“, ihre Transportkapazität zur Seceda von 800 auf 2360 Personen stündlich zu erhöhen – eine Verdreifachung.Lesen Sie auchEin Blick auf die Zahlen verdeutlicht die wirtschaftliche Bedeutung des Tourismus für die Region: Im vergangenen Jahr verzeichnete Südtirol mit seinen rund 540.000 Einwohnern neue Rekordwerte – knapp neun Millionen Ankünfte und 37 Millionen Übernachtungen, berichtete der „Tagesspiegel“. Etwa die Hälfte der Gäste stammt aus Deutschland. „Die Eigentümer wollen nur Geld machen“Der Tourismusverband APT berichtet, dass vier Ranger eingestellt wurden, damit die Touristen auf den Wegen bleiben, die Wiesen nicht beschädigen und keine Drohnen fliegen lassen. Der Verband sieht die „Protestaktion“ kritisch: „Die Lage hat sich deutlich verbessert. Und selbst das Müllproblem ist nicht so gravierend, wie viele behaupten. Es hat sich deutlich verringert“, sagte Lukas Demetz, Präsident des Tourismusverbandes St. Christina, gegenüber der „Südtiroler“-Zeitung. Er zeigte sich enttäuscht über die Wiederinbetriebnahme des Drehkreuzes. „Es ist unklar, welche Rechtsgrundlage sie für die Erhebung der Maut haben. Die Wahrheit ist, dass die Eigentümer nur Geld machen wollen.“ sagte Demetz.Drei tödliche Unfällen pro TagWie der „Tagesspiegel“ berichtete, erleben besonders beliebte Orte wie die Drei Zinnen, der Pragser Wildsee oder die Seceda einen regelrechten Besucheransturm – angeheizt durch die sozialen Medien. Millionenfach werden dort Bilder geteilt, die eine scheinbar unberührte Natur und spektakuläre Ausblicke zeigen. Doch der Schein trügt: Influencer präsentieren herausfordernde Bergtouren häufig als harmlose Ausflüge und unterschätzen damit die Risiken – ihre Follower oft ebenso.Lesen Sie auchDie Folgen sind dramatisch. Immer häufiger geraten Wanderer in gefährliche Situationen, weil sie schlecht vorbereitet oder den Herausforderungen nicht gewachsen sind. Und nicht alle können gerettet werden. „Ich kann mich an keinen Sommer wie diesen erinnern“, sagte Maurizio Dellantonio, Leiter des nationalen Berg- und Höhlenrettungsdienstes, im Interview mit dem „Corriere della Sera“. Zwischen dem 21. Juni und dem 23. Juli kamen in den italienischen Alpen mindestens 83 Menschen bei Unfällen ums Leben, fünf weitere werden noch vermisst.„Jetzt ist es höchste Eisenbahn“Auch die Oppositionspartei in Südtirol, Team K, wirft der Landesregierung Versäumnisse vor und fordert Maßnahmen zur Begrenzung des Massentourismus: „Barcelona hat gewartet, bis die Menschen auf die Straße gingen. Südtirol sollte nicht so lange warten und jetzt handeln. Seit 6 Jahren fordere ich das, jetzt ist es höchste Eisenbahn“, sagt Paul Köllensperger, Oppositionspolitiker (Team K) gegenüber der „Hessischen/Niedersächsischen Allgemeine“.Das Problem: „Steuerungsmaßnahmen und Zugangsbeschränkungen setzen ein gemeinsames Verständnis voraus, was das richtige Maß ist“, so der Tourismusforscher Thomas Bausch von der Hochschule München gegenüber dem „Tagesspiegel“. „Dieses fehlt nicht nur in Südtirol, sondern an fast allen Standorten der Erde mit großem Touristenandrang. Und daher gibt es meist auch keine konsensfähigen Lösungen“, fügt er hinzu.Hinzu kommt, dass sich viele Entwicklungen kaum kontrollieren lassen: „In sozialen Netzwerken entstehen über Nacht neue Instagram-Hotspots – eine gezielte Steuerung ist da kurzfristig kaum machbar.“Gleichzeitig hätten die Belastungen für die Menschen in der Region spürbar zugenommen, etwa durch Staus und überfüllte öffentliche Verkehrsmittel, erklärt der Experte. „Je knapper der Raum, desto größer das Konfliktpotenzial.“ly