Archäologen sind in der Sierra de Atapuerca auf menschliche Knochen gestoßen: gekocht, zerbrochen und angenagt – was Kannibalen vor rund 5700 Jahren von ihren Opfern übrig ließen. Aber das ist nicht der einzige gruselige Fund in diesem spanischen Gebirge.Mirador, mit diesem Begriff weisen Schilder in Spanien auf besondere Aussichtspunkte hin. In der Sierra de Atapuerca ist die „Cueva del Mirador“ eine Höhle, die Hirten über Jahrtausende hinweg als Unterschlupf oder Stall für ihre Schafe und Ziegen diente. Heute aber kommt dieser Ort mehr und mehr in Verruf, denn Funde zeigen: Es war ein Schlachtplatz. Ein Ort, an dem Menschen andere Menschen zerlegten – und aßen. Anfang der 2000er-Jahre entdeckten Archäologen in El Mirador die ersten menschlichen Gebeine. Es waren Knochen aus der Bronzezeit mit merkwürdigen Spuren, die sich nicht als rein rituelle Bestattungspraktiken deuten ließen. Offenbar handelt es sich um einen Fall von Kannibalismus, der höchstens 4600 Jahre zurückliegt. Sie wurden wie Tiere geschlachtetInzwischen fanden sich aber die Überreste von elf Menschen, die offenbar noch früher Kannibalen zum Opfer fielen. Vor rund 5700 Jahren hat in El Mirador ein regelrechtes Gemetzel stattgefunden, wie Archäologen und Anthropologen jetzt in den „Scientific Reports“ berichten. Unter den Opfern waren sowohl Kinder und Jugendliche als auch Erwachsene. Womöglich wurde eine ganze Familie oder Gruppe ausgelöscht.Um dieses Schicksal zu ergründen, untersuchte das Team um Palmira Saladié und Antonio Rodríguez-Hidalgo vom Catalan Institute of Human Paleoecology and Social Evolution (IPHES) Tausende menschliche Knochenstücke aus der Jungsteinzeit, dem Neolithikum. Hunderte dieser Fragmente wiesen Bearbeitungsspuren auf, die von den Wissenschaftlern nun als charakteristisch für Kannibalismus gedeutet werden. Lesen Sie auch„Die menschlichen Körper wurden auf die gleiche Weise zubereitet, wie es damals bei anderen Beutetieren üblich gewesen wäre“, erklärt die Anthropologin Saladié gegenüber WELT. Nichts deute auf Grausamkeiten hin. Anstelle von Wildschwein, Hirsch, Reh, Ziege oder Schaf wurden aber innerhalb von vielleicht nur wenigen Tagen elf Menschen, oder auch mehr, verzehrt. Sie starben vor rund 5700 bis 5570 Jahren, als sich aus den Bauerngemeinschaften der neolithischen Epoche allmählich die Kulturen der Bronzezeit entwickelten.Lesen Sie auch„Dies war weder eine Bestattungstradition noch eine Reaktion auf eine extreme Hungersnot“, erklärt Francesc Marginedas, der sich in seiner Doktorarbeit am IPHES mit den archäologischen Hinweisen auf Kannibalismus befasst. „Die Beweise deuten auf nur eine gewalttätige Episode hin.“ Möglicherweise das Ende eines Konflikts zwischen benachbarten Bauerngemeinschaften. „Viele Verhaltensweisen, die prähistorischen Zeiten auftraten, haben keine archäologischen Spuren hinterlassen, sodass wir ihre An- oder eben Abwesenheit nicht davon ableiten können“, gibt Saladié zu bedenken. Kannibalismus sei eine der am schwierigsten zu interpretierenden Verhaltensweisen, „da es von Natur aus schwierig ist, den Akt des Verzehrs von Menschen durch Menschen zu verstehen“.Die Opfer waren Einheimische, sie lebten in der Nähe von El Mirador, das belegt die Vergleichsanalyse der Strontium-Isotope. Über ihre Mörder ist jedoch nichts bekannt.„Wir wissen nicht, ob die Menschen, die diese Tat begangen haben, selbst aus der Region stammten oder aus anderen Regionen kamen“, sagt Palmira Saladié.Die Altersverteilung der Opfer – darunter waren Kinder, Jugendliche, junge Erwachsene und Erwachsene – scheint mit der einer typischen Kern- oder Großfamilie übereinzustimmen. Zusammen mit den Datierungsergebnissen deutet das darauf hin, dass alles innerhalb eines sehr kurzen Zeitraums geschehen sein muss. Antonio Rodríguez-Hidalgo und seine Kollegen vermuten, dass die Opfer eines gewaltsamen Todes starben. „Es wurden keine eindeutigen Anzeichen von Gewalt gefunden“, sagt Rodríguez-Hidalgo. Mölgicherweise wurden die Beweise dafür von den Spuren verdeckt, die später bei der Bearbeitung der Leichen entstanden sind.Die Knochen wurden gekaut und abgenagtSaladié erklärt, dass es wesentliche Unterschiede zwischen der Manipulation vor dem Tod – Handlungen, die um den Zeitpunkt des Todes herum durchgeführt werden – und der Behandlung von Leichen nach dem Tod gibt Unabhängig davon, ob diese mit dem Verzehr verbunden seien oder nicht. „In diesem Fall lässt die Intensität der Bearbeitung kaum Zweifel aufkommen“, sagt die spanische Anthropologin: „Die Leichen wurden gehäutet und vollständig entfleischt, die Knochen wurden gekocht, und einige wurden sogar von anderen Menschen gekaut und abgenagt. Eindeutige Beweise für menschlichen Kannibalismus.“Insbesondere die Schnittspuren, entstanden in verschiedenen Phasen des Schlachtprozesses, bezeugen diese Praktik. „Anhand dieser Markierungen konnten wir das Abziehen der Haut, das Entfleischen, das Ausweiden und das Trennen der Knochen identifizieren“, so die Forscherin. „All dies ging mit dem gezielten Brechen der Knochen einher, um das Knochenmark und das Gehirn zu entnehmen.“Eine DNA-Analyse könnte vielleicht bestehende Verwandtschaftsverhältnisse aufdecken, aber: Die Knochen wurden erhitzt, das Erbgut dabei beschädigt. Weil die Knochen zertrümmert wurden und lediglich Fragmente übrig sind, lässt sich bislang auch nicht einmal das Geschlecht der Opfer feststellen.El Mirador ist eine Karsthöhle am Südhang der Sierra de Atapuerca in Nordspanien. Das kaum mehr als 1000 Meter hohe Gebirge östlich von Burgos beherbergt weitverzweigte Höhlensysteme, von denen einige inzwischen als archäologische Stätten weltberühmt sind. Die Funde menschlicher Relikte in diesem Gebiet reichen mehr als 1,3 Millionen Jahre zurück und dokumentieren die Anwesenheit aller bisher bekannten menschlichen Spezies in Europa: vom Homo erectus über den Neandertaler bis zum Homo sapiens. Seit Jahrzehnten sind Archäologen hier mit Ausgrabungen beschäftigt. Und immer wieder tritt in dieser Region Kannibalismus in Erscheinung.Präzise Schnitte mit SteinwerkzeugenErst kürzlich veröffentlichten die IPHES-Forscher vorläufige Ergebnisse zu einem sehr frühen und zugleich sehr jungen Opfer kannibalistischer Praktiken: ein Kleinkind, das vielleicht zwei bis vier Jahre alt war, als es starb – und verspeist wurde. Anfang Juli hatte man bei Ausgrabungen in der weiter nördlich gelegenen Höhle „Gran Dolina“ zehn menschliche Knochen entdeckt, darunter einen Halswirbel mit verdächtigen Ritzspuren von Steinwerkzeugen. Die Zeichen geschickter Präzisionsarbeit, wie Saladié erklärt. Dem Kind wurde offenbar wie einem Tier der Kopf abgetrennt. Dies geschah vor rund 850.000 Jahren, in einer Zeit also, als Homo antecessor, vermutlich ein europäischer Nachfahre des Homo erectus, in der Region lebte und die Höhlen der Sierra de Atapuerca bewohnte, dort fanden sich auch typische Steinwerkzeuge. Das liegt zwar sehr lange zurück. Aber wieder ist es ein Fall von Kannibalismus in der Sierra de Atapuerca. Und betrachtet man die Vorfälle in diesem Gebirge als Reihe, erzeugen sie doch ein mulmiges Gefühl.Lesen Sie auchAuf die Frage, ob Kannibalismus in der Sierra de Atapuerca womöglich „Tradition“ hatte – angefangen vom archaischen Homo antecessor bis hin zum Homo sapiens in Neolithikum und Bronzezeit – antwortet Palmira Saladié allerdings klar: „Nein, es handelt sich um unabhängige Ereignisse mit unterschiedlichen Merkmalen.“ Zudem seien zwei verschiedene menschliche Spezies daran beteiligt gewesen.So handelte es sich einerseits um Vertreter einer nomadischen Jäger- und Sammlerkultur, später waren andererseits Mitglieder sesshafter Agrarkulturen beteiligt. „Es gibt keine Hinweise auf eine kontinuierliche Tradition. Wenn dies der Fall wäre, würden wir an anderen Fundorten weitaus mehr Hinweise darauf erwarten.“ Das bedeute jedoch nicht, dass man in Zukunft keine weiteren Fälle entdecken werde.Schädel dienten als BecherDann lässt sich vielleicht mehr Rückschlüsse aus den Unterschieden oder Übereinstimmungen der Vorfälle ziehen. Zwar wurden die menschlichen Leichen jeweils genauso behandelt wie Tierkadaver. „In der Schicht TD6 von Gran Dolina finden wir jedoch einen höheren Anteil an Säuglingen im Vergleich zu den beiden anderen Fällen“, hält Antonio Rodríguez-Hidalgo fest. Von jener Episode, die in der Cueva del Mirador aus der Bronzezeit dokumentiert wurde, gibt es wiederum eine bemerkenswerte Anzahl von Schädelbechern: „Die wurden wahrscheinlich für eine Art Ritual im Zusammenhang mit Kannibalismus hergestellt.“Die Frage, ob Kannibalismus einst die Norm oder eine Ausnahme war, fordert die Anthropologen heraus. „Die Antwort hat viele Nuancen“, sagt Saladié. Hinweise auf Kannibalismus in der Vorgeschichte würden inzwischen immer häufiger gefunden – weitaus häufiger, als man es noch vor wenigen Jahrzehnten erwartet hätte. „Bedeutet dies, dass Kannibalismus Teil des täglichen Lebens aller Gesellschaften war? Absolut nicht“, sagt sie und fügt hinzu: „Ich glaube jedoch, dass er in einigen von ihnen eine normative Praxis war, insbesondere während der Jungsteinzeit und der letzten Phase der Altsteinzeit.“Lesen Sie auchAuch Saladié und Rodríguez-Hidalgo sind überrascht, dass ausgerechnet in dieser nordspanischen Region so viele Knochen aus verschiedenen Epochen Spuren von Kannibalismus aufweisen. Die Archäologen führen dies jedoch auf die große Anzahl von Fundstätten in der Sierra de Atapuerca und die außergewöhnlich gute Erhaltung der dort entdeckten Relikte zurück. Bislang sind drei Fälle von Kannibalismus dokumentiert, von denen der älteste fast 900.000 Jahre von den anderen entfernt ist.Besonders überraschend ist, dass sich zwei dieser Fälle in der Cueva del Mirador ereigneten. Dies deute eben darauf hin, dass Kannibalismus häufiger vorkam, als bisher angenommen – wenn auch nicht alltäglich, so die Forscher.„Das Wiederauftreten dieser Praktiken zu verschiedenen Zeitpunkten in der jüngeren Vorgeschichte macht El Mirador zu einem wichtigen Ort für das Verständnis des prähistorischen Kannibalismus und seiner Beziehung zum Tod sowie möglicher ritueller oder kultureller Interpretationen des menschlichen Körpers innerhalb der Weltanschauung dieser Gemeinschaften“, schließt Palmira Saladié. Die Sierra de Atapuerca ist als eine Art Archiv der europäischen Frühgeschichte ein Glücksfall für Anthropologen und Archäologen. Sowohl der große zeitliche Umfang als auch der hervorragende Erhaltungszustand aller Fundstätten machen diesen Komplex laut dem IPHES-Team zu einem außergewöhnlichen Ort für die Erforschung der menschlichen Evolution. In biologischer, kultureller und technologischer Hinsicht.In der aktuellen Studie bringen die IPHES-Forscher und ihre Kollegen an Museen und Universitäten den Vorfall von El Mirador mit anderen neolithischen Massakern in Europa in Verbindung, wie etwa dem von Talheim bei Heilbronn, dem südlich von Halberstadt im Harz, Sachsen-Anhalt, oder dem von Els Trocs in den spanischen Pyrenäen. Obwohl sich der Fall von El Mirador in einem wichtigen Punkt von diesen unterscheidet: In der Höhle fanden sich stichhaltige Beweise für den systematischen Verzehr der Opfer. Ähnliche Verhaltensweisen, die mit Gewalt zwischen Gruppen und Kannibalismus in Verbindung stehen, wurden für die Epoche des Neolithikums aber bereits an anderen Orten dokumentiert. Berühmt-berüchtigt dafür sind die Funde aus der Fontbrégoua-Höhle in der Provence, oder etwa das bei Herxheim in Rheinland-Pfalz entdeckte Massengrab.
Archäologie: „Sie wurden wie Tiere geschlachtet“ - Kannibalismus in Spanien - WELT
Archäologen sind in der Sierra de Atapuerca auf menschliche Knochen gestoßen: gekocht, zerbrochen und angenagt – was Kannibalen vor rund 5700 Jahren von ihren Opfern übrig ließen. Aber das ist nicht der einzige gruselige Fund in diesem spanischen Gebirge.






