PfadnavigationHomeGeschichteHeidebrand 1975„Mein Gott – die Flammen sind ja schneller, als mein Auto fahren kann!“Von Antonia KleikampVeröffentlicht am 13.08.2025Lesedauer: 6 MinutenIn der zweiten Augustwoche 1975 loderte einer der schlimmsten Waldbrände des 20. Jahrhunderts in der Lüneburger Heide. Sieben Männer kamen ums Leben. Ein Hauptgrund für die schleppende Bekämpfung des Feuers war Kompetenzgerangel verschiedener Verwaltungen.Über Deutschland hing eine Gluthitze. Schon fast den gesamten Juli hatte es nicht geregnet, und in der ersten Augustwoche 1975 zeigte sich kaum ein Wölkchen am blauen Himmel. Ein stabiles Hochdruckgebiet pumpte heiße Luft aus dem Mittelmeer über die Alpen nach Mitteleuropa. Bei Temperaturen von bis zu 35 Grad im Schatten flüchteten Millionen Bundesbürger aus den Großstädten aufs Land – auf den Autobahnen brach Verkehrschaos aus, Sanitäter, Polizei und Feuerwehr hatten fast überall Großeinsatz.Was genau dann die Katastrophe in der Lüneburger Heide auslöste, konnte nie geklärt werden. Vielleicht war es eine weggeworfene Zigarettenkippe, vielleicht nicht ganz ausgetretene Glut eines Lagefeuers, vielleicht aber auch glühende Partikel aus dem Schornstein einer der wenigen noch genutzten Dampflokomotiven der Bundesbahn. Jedenfalls entwickelten sich spätestens am Freitagvormittag, dem 8. August 1975 nordöstlich von Gifhorn erste Waldbrände. Um 13.25 Uhr wurde die örtliche Freiwillige Feuerwehr alarmiert, doch schon eine Dreiviertelstunde später war klar, dass ihr Einsatz nicht genügen würden. Die Flammen breiteten sich derartig schnell auf Wälder, Wiesen und Moorgebiete aus, dass sämtliche Löschfahrzeuge mit Wassertanks im Landkreis Gifhorn ausrücken. Um 15 Uhr gab der zuständige Oberkreisdirektor Rolf Wandhoff Katastrophenalarm. Ungefähr zur gleichen Zeit gab es das erste, noch indirekte Todesopfer. Friedrich Meyer Jr., seit sechs Jahren Kreisbrandmeister, erlag auf der Fahrt zum Einsatzort einem Herzinfarkt. „Mein Gott – die Flammen sind ja schneller, als mein Auto fahren kann!“, sollen seine letzten Worte gewesen sein. Das schockte ihn offenbar derart, dass er starb. Am Nachmittag und in der Nacht erfassten die Brände immer größere Gebiete. Am 9. August standen 80 Hektar Wald beiderseits der Bundesstraße 188 in Flammen, doch dann ließ die Ausbreitung hier nach, schien das Feuer eingedämmt. Ein Irrtum, der zum Tod von sechs Feuerwehrleuten führte.Denn am Sonntag, dem 10. August, loderten bei auffrischendem Wind, aber weiterhin trocken-heißer Luft Flammen nördlich der Landstraße L-281 zwischen Eschede und Oldendorf auf. Eine angelegte Brandschneise, mit der die Straße geschützt werden sollte, übersprangen die Flammen mühelos und breiteten sich rasend schnell in den mehr als 5000 Hektar Kiefernwald aus, der sich nach Süden in Richtung des Dorfes Scheuen erstreckte. Mit einer Geschwindigkeit von manchmal tausend, manchmal aber auch zweitausend und mehr Metern pro Stunde gerieten weitere Flächen in Brand. Ebenfalls am Sonntag wurden bei Meinersen im Landkreis Gifhorn sechs Feuerwehrleute auf zwei Fahrzeugen, die durch ein vermeintlich bereits gelöschtes Waldstück zum nächsten Brandherd gefahren waren, von den hinter ihnen wieder hoch lodernden Flammen eingeschlossen. Einem von ihnen gelang die Flucht, doch die anderen fünf starben. Dabei hatte sogar ein Hubschrauber sie gesehen – doch es war keine Seilwinde an Bord, um sie herauszuziehen.Lesen Sie auchMehrere Dörfer wurden zeitweise von dichten Rauchwolken vollkommen eingehüllt; Krankenwagen rasten durch die Straßen, um vor allem ältere Menschen in Sicherheit zu bringen. Flammen schlugen bis zu 20 Meter hoch, Qualm stieg kilometerweit in den Himmel. Bis Montagnachmittag gab es in Niedersachsen keinen zentralen Krisenstab, der einen wirklichen Überblick über das Ausmaß und die Konsequenzen der Katastrophe hatte. „Das Bild ist nicht immer ganz klar, weil sich die Situation laufend ändert“, teilte Niedersachsens Innenminister Rötger Groß (FDP) mit. Noch am Samstag hatten der Celler Oberkreisdirektor Axel Bruns und sein Gifhorner Amtskollege Wandhoff mehrere Hilfsangebote zurückgewiesen: „Wir sind Herr der Lage!“Erst in der Nacht vom Sonntag zum Montag schloss sich Groß mit dem Bonner Bundesinnenministerium kurz, das vier Spezial-Löschflugzeuge vom Typ „Patalina“ aus Marignane bei Marseille anfordern konnte. Die Maschinen landeten am Montag gegen 16 Uhr sie in Hannover und begannen nach einer Einweisung, auf dem benachbarten Binnensee Steinhuder Meer Wasser aufzunehmen und über den Brandherden abzulassen. Da Südfrankreich im Sommer immer wieder von schlimmen Waldbränden heimgesucht wurde, waren die zweimotorigen Propellerflugzeuge angeschafft worden; ihre Besatzungen hatten genug Einsatzpraxis. Im Tiefstflug über einem See konnten sie jeweils 5300 Liter Wasser aufnehmen und diese Ladung binnen kürzester Zeit über Flammen ablassen. Diese Maschinen erwiesen sich als das wirksamste Mittel, um großflächige Brände zu bekämpfen. Außerdem kam jetzt die Bundeswehr zum Einsatz. Pioniereinheiten der (damals in Hannover stationierten) 1. Panzerdivision schlugen mit Bergepanzern und Planierraupen Schneisen, Soldaten unterstützten die ausgebildeten Feuerwehrleute bei deren Aufgaben. Doch es dauerte noch bis zum 14. August, bevor der Divisionskommandeur die Leitung des Einsatzes übernehmen durfte – der Grund waren Sorgen vor juristischen Problemen bei einem Einsatz der Armee im Inneren und Kompetenzgerangel zwischen den verschiedenen Verwaltungsebenen: Gemeinden und Kreise wehrten sich gegen Einflussnahme aus dem Regierungsbezirk Lüneburg, ferner mischte das Bundesinnenministerium mit dem Bundesgrenzschutz mit.Kurzzeitig wurde Oberkreisdirektor Bruns von seinem Amt suspendiert, weil er sich nicht unterordnen wollte, doch nach drei Tagen kehrte er in seine Funktion zurück, die er erst 1977 abgab. Sein hinsichtlich Hilfe von außen zeitweise ähnlich zurückhaltender Kollege Wandhoff aus Gifhorn wurde 1976 sogar befördert, nämlich zum Regierungspräsidenten von Lüneburg und Stade berufen.Ab dem 15. August dämmten Feuerwehrleute, Soldaten und zahlreiche Helfer die Flammen koordiniert ein. Doch immer noch gab es Problem. So verfolgte die Polizei am Sonntag, dem 17. August, einen mutmaßlichen Brandstifter. Dabei kam ein Funkstreifenwagen von der Fahrbahn ab; ein Beamter starb. Das siebte Todesopfer des Großbrandes. Am 18. August 1975 wurde der Katastrophenalarm aufgehoben.Innenminister Rötger Groß schätzte den Verlust auf 8000 Hektar Waldbestand und den Schaden zusätzlich zu den sieben Toten sowie zahlreichen teilweise Schwerstverletzten auf 40 Millionen Mark. Das war jeweils fast die Hälfte aller Schäden durch Waldbrände in der Bundesrepublik seit 1967, die das Bundesinnenministerium auf 18.000 Hektar verlorenen Wald und 84,4 Millionen Mark schätzte. Ein Dreivierteljahr später, Ende April 1976 nach einem trockenen Frühjahr, standen abermals bei Lüneburg weitere 1500 Hektar Wald in Flammen. Weil der Großteil der brennenden Fläche auf einem Truppenübungsplatz lag, griff die Bundeswehr sofort und ohne nennenswertes Kompetenzgerangel ein. Zehn Stunden nach Beginn des Löscheinsatzes war die Gefahr einer weiteren Ausdehnung gebannt.Als Hauptgrund für den Brand neben der Hitze und der Trockenheit machte ein Bericht des Innenministeriums in Hannover den Umgang mit den Hinterlassenschaften eines anderen Naturereignisses aus: Am 13. November 1972 hatte ein Orkan in der Lüneburger Heide unzählige Bäume umgeworfen. Doch nur das verwertbare Holz wurde in den folgenden zweieinhalb Jahren abtransportiert. Große Mengen Reisig und Äste lagen Anfang August 1975 immer noch im Wald: Dieses sehr trockene Material begünstigte „die schnelle Ausbreitung der Waldbrände und behinderte die Löscharbeiten“, bilanzierte der Bericht. Als Konsequenz aus den Erfahrungen des Heidebrandes von 1975 wurden die lokalen Feuerwehren besser ausgestattet und bei der Wiederaufforstung Brandschutzprävention beachtet. Hinzu kamen praktische Verbesserungen: Man legte befestigte Zufahrtswege für schwere Löschfahrzeuge an, ebenso an bestimmten Stellen bis an Seen und andere Gewässer heran. Wo das nicht möglich war, wurden alte, natürlich vorher gereinigte Heizöltanks in die Erde versenkt. Vor allem aber legte die Landesregierung in Niedersachsen zusammen mit dem Bundesinnenministerium neue Regeln für die Einsatzleitung fest. Der entsprechende Artikel 35 des Grundgesetzes ließ das zwar bereits seit 1968 detailliert zu (vorher hatte es nur eine ganz knappe Regelung gegeben), doch tatsächlich umgesetzt wurde diese Vorschrift erst jetzt.