PfadnavigationHomeGeschichteErinnerung an Hiroshima„Japan versteht sich als das letzte Opfer des Zweiten Weltkriegs“Veröffentlicht am 09.08.2025Lesedauer: 4 MinutenJapan erinnert anlässlich des 80. Jahrestages an die Opfer des Atombombenabwurfs auf Hiroshima. Am 6. August 1945 hatten die USA die Bombe Little Boy über der Stadt abgeworfen. Rund 140.000 Menschen kamen dabei ums Leben.Wie wohl kein anderer deutscher Historiker kennt Takuma Melber die Erinnerungspolitik rund um den Pazifikkrieg und den Abwurf von Atombomben am 6. und 9. August 1945. Ein Gespräch über inkompatible Narrative und reale Hintergründe.Ohne Zweifel war der 6. August 1945 eine Zäsur: Dieser Montag trennt die Zeit vor der Atombombe von der Epoche der Kernwaffen. Stärker als je vorausgesehen veränderte die Innovation der Kernspaltung, vor allem der explosionsartigen zum militärischen Gebrauch, aber auch der kontrollierten zur Energiegewinnung, die internationale Politik.Zu den besten deutschen Kennern der japanischen Zeitgeschichte gehört der Historiker Takuma Melber von der Universität Heidelberg. Außer Büchern über Pearl Harbor 1941 und die japanische Besatzungspolitik in Asien im Zweiten Weltkrieg hat er zahlreiche Beiträge, zum Beispiel über Erinnerungspolitik, publiziert.WELT: Wie beurteilen Sie die vorherrschenden Narrative in den USA und in Japan zum Abwurf der beiden Atombomben 1945?Takuma Melber: Die USA und Japan bemühen sich um ein gemeinsames Gedenken an den Pazifikkrieg. Symbolträchtig waren die gemeinsamen Besuche von US-Präsident Barack Obama und Japans Premierminister Shinzo Abe in Hiroshima und Pearl Harbor im Jahr 2016. Eine von Japan erhoffte Entschuldigung Obamas für die Atombombenabwürfe blieb dabei aus. Die USA erwarten ihrerseits noch immer eine japanische Entschuldigung für den Überfall auf Pearl Harbor. Dieser gordische Knoten muss weiterhin durchtrennt werden. Ich hoffe, dass dies mit dem Ableben der „Greatest Generation“ (Selbstbezeichnung der US-Frontsoldaten, d. Red.) über 80 Jahre nach Kriegsende leichter fällt. WELT: Wenn Sie an die einschlägigen Museen in Japan denken – welche Sicht dominiert dort?Lesen Sie auchMelber: Die Geschichte des Zweiten Weltkriegs wird in Japan noch immer vom Ende her erzählt. Museen rücken die letzten Kriegsmonate und das eigene Leid, vor allem die verheerenden Bombardements in den Mittelpunkt, die fast jede japanische Großstadt in Schutt und Asche legten. Die Atombomben von Hiroshima und Nagasaki haben dabei ganz wesentlich zur Bedienung des Opfernarrativs in Japan beigetragen: Japan versteht sich primär als das letzte Opfer des Zweiten Weltkriegs. Auch heute wird im Vergleich dazu die eigene Kriegsverantwortung nur unzureichend thematisiert.Lesen Sie auchWELT: Und in den USA, zum Beispiel am nahe Washington D.C. ausgestellten Hiroshima-Bomber „Enola Gay“?Melber: Die Übernahme von Verantwortung spielt in den USA eine große Rolle und zwar in dem Sinn, dass die Amerikaner zahlreiche eigene Opfer erbracht haben, um das kriegerische Treiben zu beenden – vor allem mit den Opfern des D-Day in Europa und denen der Inselschlachten im Pazifik. Auch die Entscheidung für die Abwürfe zweier Atombomben werden in den USA heute als Übernahme von Verantwortung und als Notwendigkeit ihrer Zeit verstanden: um weitere Todesopfer, vor allem eigene, zu vermeiden und um den Krieg zu einem schnellen Ende zu bringen, waren die Atombomben nötig – so das in den USA dominierende Narrativ.Lesen Sie auchWELT: Wenn Sie als deutscher Historiker mit dem Hauptarbeitsgebiet japanische Zeitgeschichte auf den Umgang mit den Lasten dieser Vergangenheit in beiden Ländern schauen – wo liegen die wichtigsten Unterschiede? Und gibt es vielleicht doch Gemeinsamkeiten?Melber: Deutschland gilt als Meister der Vergangenheitsbewältigung, während Japan ein Opfernarrativ bedient und in diesem Bereich großes Verbesserungspotenzial besitzt. Die Gründe dafür sind komplex, zentral sind die Kriegsenden: Die Atombombenabwürfe machten eine Invasion Japans obsolet, einen Kampf um Tokio gab es nicht. Hitler hatte sich feige seiner Verantwortung entzogen. In Japan wurde es nach dem Krieg versäumt, angemessen die Frage nach der Kriegsverantwortung des Kaiserhauses und Kaiser Hirohito vor Gericht zu stellen. Und der industrielle Massenmord in Europa, die Shoa, ist als singulär zu erachten, eine andere Dimension der Gewalt. Lesen Sie auchWELT: Sie haben sich auch mit dem hierzulande weitgehend unbekannten „konventionellen“ Luftangriff auf Tokio im März 1945 befasst. Wie ordnet sich diese vernichtende Brandbombenattacke mit mindestens 80.000 Todesopfern in die Eskalation hin zum Atombombeneinsatz ein?Melber: Der große Luftangriff auf Tokio vom 9. auf den 10. März 1945 war das größte konventionelle Bombardement der Menschheitsgeschichte und zeigte überdeutlich, dass Japans Abwehr nicht mehr das Land schützen konnte. Das Kaiserreich war 1945 also völlig am Ende, das Kriegsende nur noch eine Frage der Zeit. Tokio suchte verzweifelt nach einem Weg aus dem Krieg und legte seine verzweifelte Hoffnung auf die Sowjetunion als diplomatischem Mediator. Zwischen Hiroshima und Nagasaki erfolgte dann aber der Kriegseintritt der bis dato gegenüber Japan neutralen Sowjetunion, was diese Hoffnung abrupt beendete. WELT: Der britische Historiker Richard Overy legt in seinem neuen Buch „Hiroshima“ dar, dass die Alternative zum 6. August 1945 ein anhaltendes konventionelles Bombardement Japans gewesen wäre. Teilen Sie seine Analyse?Melber: Ja, denn de facto war Japans Kriegsniederlage im Sommer 1945 nur eine Frage der Zeit. Wie lange das konventionelle Bombardement der Alliierten noch hätte anhalten müssen, ist ein Fall für die kontrafaktische Geschichtsschreibung. Historischer Fakt ist, dass die Regierung in Tokio in die alliierten Kapitulationsforderungen nicht frühzeitig einlenkte. Die sich überschlagenden Ereignisse im August 1945 – die beiden Atombomben in Kombination mit der sowjetischen Kriegserklärung – erzwangen dann Japans Kapitulation, ein schnelles Kriegsende im Pazifik und läuteten ein neues Zeitalter ein, den Kalten Krieg.
Erinnerung an Hiroshima: „Japan versteht sich als das letzte Opfer des Zweiten Weltkriegs“ - WELT
Wie wohl kein anderer deutscher Historiker kennt Takuma Melber die Erinnerungspolitik rund um den Pazifikkrieg und den Abwurf von Atombomben am 6. und 9. August 1945. Ein Gespräch über inkompatible Narrative und reale Hintergründe.













