PfadnavigationHomePolitikDeutschlandSpionage-Prozess in DresdenDer Ex-Krah-Mitarbeiter, die Widersprüche seiner früheren Geliebten – und das Netz der ChinesenVeröffentlicht am 06.08.2025Lesedauer: 7 MinutenIm Prozess gegen den früheren Mitarbeiter des damaligen AfD-Europaabgeordneten Maximilian Krah hat die Verteidigung die Vorwürfe einer mutmaßlichen Agententätigkeit für einen chinesischen Geheimdienst zurückgewiesen. Darüber spricht Dr. Christopher Nehring, Cyberintelligence Institut Frankfurt, bei WELT TV.Zum Start des Prozesses gegen den Ex-Mitarbeiter von Maximilian Krah bringt der Richter den AfD-Politiker mehrmals ins Spiel. Die mitangeklagte mutmaßliche Komplizin von Jian G. verstrickt sich in Widersprüche. Im Saal geht es um den Ukraine-Krieg, Tausende Euro und einen 007-Vergleich.Der Deutsch-Chinese Jian G. betritt den Saal in Handschellen, einer OP-Maske im Gesicht, dazu trägt er eine Plastiktasche des Drogeriemarkts DM, „Wohlfühlort Familie“ steht darauf. G. sitzt seit einem Jahr in U-Haft; ihm drohen bis zu zehn Jahre Haft aufgrund besonders schwerwiegender Spionage für die Volksrepublik China gegen Deutschland seit 2002.Mitangeklagt ist die Chinesin Yaqi X., die seit 2015 in Deutschland – Dresden und Leipzig – lebt. 13 Verhandlungstage in einem Spezialgerichtsbau unter besonderem Polizeischutz hat der Staatsschutzsenat am Oberlandesgericht Dresden angesetzt, um den Komplex um die beiden zu entwirren. G., der bis 2015 einige Jahre lang SPD-Mitglied gewesen war, soll die AfD-Spitze, chinesische Dissidenten und das EU-Parlament bespitzelt haben – gemeinsam mit X., die für das Flughafen-Logistik-Unternehmen PortGround GmbH arbeitete. Sie soll am Flughafen Halle/Leipzig vor allem Militärfracht ausgespäht haben.Den Prozess umweht ein Hauch neuer Kalter Krieg, es geht auch um Affären, Geld in roten Briefumschlägen, radioaktives Frachtgut – und die politisch brisante Frage: Was wusste G.s damaliger Arbeitgeber im EU-Parlament, Maximilian Krah (AfD), von der mutmaßlichen Spionage-Tätigkeit seines Mitarbeiters? Krah ist selbst als Zeuge geladen und in einem separaten Prozess angeklagt, Geldzahlungen G.s erhalten zu haben; er sagt, sie seien legitim als Anwaltskosten gelaufen.Auch wenn der heutige Bundestagsabgeordnete und Ex-Europa-Spitzenkandidat erst im September als Zeuge auftreten wird: Im Gerichtssaal geht es schon am ersten Tag immer wieder auch um ihn. Zum Beispiel, als der Vorsitzende Richter, Hans Schlüter-Staats, Yaqi X. zu einem Besuch im März 2024 bei Jian G. in Brüssel befragt. Da war er noch Büro-Mitarbeiter bei Krah, seine Verhaftung noch einen Monat in der Zukunft. G. führte X. laut Anklage durch die Parlaments-Liegenschaften, stellte ihr ein, zwei Kollegen vor. „Nicht auch den Chef? Der soll ja ein kommunikativer Mensch sein …“, fragt der Richter, im Zuschauerbereich lachen einige. Um Krah und die AfD geht es auch, als Yaqi X. erklären will, warum sie G. immer wieder Interna aus ihrem Flughafen-Job schickte. Nur sie spricht an diesem Dienstag ausführlich auf der Anklagebank, eine Dolmetscherin übersetzt. Die in der zweiten Hälfte der 1980er-Jahre geborene Frau gibt sich dabei naiv. Sie, Absolventin eines Technik- und -Logistik-Studiums, wisse beispielsweise nicht, wie man in der Nachrichten-App Telegram Nachrichten auf Selbstlöschung stellt. Auf Nachbohren von Richter Schlüter-Staats verstrickt sich X. in Widersprüche. Erst beteuert sie, nie Nachrichten gelöscht zu haben, dann muss sie – mit Beweisen konfrontiert – doch eingestehen: „Ja. Ich habe Sachen gelöscht.“Naiv gibt sie sich auch, als es darum geht, warum sie G. sensible Personendaten von Rheinmetall-Mitarbeitern im Frachtverladebereich oder „Informationen zu einer als radioaktiv gekennzeichneten Sendung“ zukommen ließ. Yaqi X. sagt etwa: „Herr G. hatte oft komische Interessen.“ Oder: dass sie nach der Invasion Russlands in der Ukraine Angst bekommen habe, dass der Krieg sich „nach Deutschland ausweitet“. Und G., damals Mitarbeiter Krahs, habe ihr gesagt, „dass er sich mit seiner Partei dafür einsetzen könne, dass der Krieg beendet werde“ und „dass seine Partei das zu verhindern wüsste“. Deswegen solle sie ihm Bescheid sagen, wenn Waffen von ihrem Flughafen aus in die Welt geschickt werden. G.s Partei – die AfD – „könne dann dagegen arbeiten“. Krah hatte Jian G. einmal auf X als Mitglied seiner Partei bezeichnet.X. – mit Familie in China verwundbar – könnte gleichwohl auch ein Opfer von G. und der Kommunistischen Partei sein. Sie, die vor Gericht behauptet hat, aus pazifistischen Gründen gehandelt zu haben, sagt später in ihrer Erklärung auch Dinge wie: „In dem Moment hatte ich Angst.“ Nämlich als Jian G. von ihr sensible Personendaten haben wollte. Geschickt hat sie ihm diese dennoch, so die Ermittlungsergebnisse.„Vorm Gericht ist wie beim Arzt“, sagt der RichterDie Chinesin gesteht auch ein, mit G. 2015 eine Affäre gehabt zu haben, als sie alleine zum Masterstudium nach Dresden kam. Die ersten Stunden des Prozesses offenbaren ein ganzes Netz von Chinesen um sie herum, innerhalb dessen sich ihr Leben in Deutschland abspielte – angefangen mit Jian G., der ihr auch eine Wohnung vermittelte. In einer späteren Wohnung fanden Ermittler dann 3000 Euro in bar in roten Briefumschlägen oder einem roten Sack – ganz klar wird das nicht –, die X. angeblich für eine Tansania-Reise brauchte. Der Richter erntet erneut Lacher, als er darauf hinweist, dass man sich nicht mehr im Jahr 1993 befinde, wo man mit Traveller-Schecks in die Welt losziehen müsste. Unklar bleibt auch, was Yaqi X. mit mehreren Handys anstellen wollte. Lesen Sie auchJian G. sitzt fast die ganze Zeit schweigend auf seinem Platz; manchmal beschwert er sich unisono mit seinem Verteidiger über eine angeblich falsche Übersetzung von X.s Dolmetscherin. Dennoch gelingt es oft, Widersprüche in X.s Aussagen ausfindig zu machen. Die Beweislast ist groß, immer wieder ist die Rede von „akustischen Überwachungsmaßnahmen“, ausgelesenen Handys und Datenresten gelöscht geglaubter Beweise.Bundesanwalt Stephan Morweiser wartet viele Stunden, bis er auf einige Hauptwidersprüche aufmerksam machen kann. „Es kommt entscheidend in diesem Prozess darauf an, was Sie sich dabei gedacht haben, was Herr G. mit den Informationen anfängt, die Sie ihm liefern“, wendet sich Morweiser am späten Nachmittag an X. und moniert: „Dazu haben wir heute sehr, sehr wenig gehört von Ihnen. Wenn ich es richtig notiert habe, haben Sie argumentiert, dass Herr G.s Partei – die AfD, nehme ich jetzt hier an – verhindern will, dass Deutschland in den Krieg verwickelt wird zwischen der Ukraine und Russland. Und daher haben Sie ihm die Informationen weitergegeben?“Er lässt X. bejahen, ihn damit richtig wiedergegeben zu haben, dann legt er nach: In den meisten Informationen von X. vom Flughafen Halle-Leipzig habe der Ukraine-Krieg „überhaupt keine Rolle gespielt. Da geht es um Lieferungen nach Israel. Um Flugpassagierlisten.“ Nur eine einzige von ihr an G. gemeldete Truppenbewegung stehe „vielleicht entfernt mit der Ukraine in Verbindung“, konstatiert der Ankläger. „Können Sie das erklären?“ Kann X. nicht.Lesen Sie auchUnd dann: 2020, „lange vor der Ukraine“, habe X. – und einiges Material aus rekonstruierten Chats belege das – mit G. immer wieder Informationen aus Chatgruppen geteilt, in denen Auslands-Chinesen etwa die Corona-Politik in ihrem Heimatland kritisiert hätten. Morweiser liest aus einem Dokument vor, das eine Zusammenfassung chinesischer Chats zwischen X. und G. in deutscher Übersetzung beinhaltet: „Am ersten April 2020 verlangte G. Kontonummer und Namen“ einer Frau, die etwas Kritisches über Corona-Verdachtsfälle gepostet hätte. „X. macht sich Sorgen, eine Weitergabe der Informationen könnte der Frau schaden. Sie tut es trotzdem.“Vieles an diesem ersten Prozesstag bleibt im Vagen, und da ist die Verbindung zu Jian G.s mutmaßlicher Spionage im Politikbetrieb noch gar nicht tangiert. Den Zusammenhang bringt ein Dialog zwischen Richter Schlüter-Staats und X. am Beginn auf den Punkt: „Ich sag immer: Vorm Gericht ist wie beim Arzt – operiert wird jetzt und nicht in zwei Wochen. Verstehen Sie?“ Auch er will wissen: „Warum haben Sie das gemacht? Auch wenn es etwas Unangenehmes ist, sagen Sie es uns. Besser jetzt als nächste Woche.“X. spricht sehr leise mit ihrer Dolmetscherin. Dann übersetzt diese: „Ich hatte Angst gehabt. Aber ich hatte gedacht, er“ – sie meint G. – „arbeitet für eine Partei, für einen Abgeordneten, also wird er schon seine Gründe haben.“ Die Verteidigung von Jian G. weist die Vorwürfe zurück: Ihr Mandat sei letztlich nur ein kleines Licht, im EU-Parlament sei er schlicht einer Assistenten-Tätigkeit nachgegangen. Sein Verteidiger Hans-Jörg Elbs fragt: Warum sei Krah, wenn G. ein so gewiefter Spion im Fadenkreuz des Verfassungsschutzes sei, nicht früher gewarnt worden? Womöglich, weil er als Mittäter oder Mitwisser aufgrund des Verdachts illegitimer Zahlungen durch G. verdächtigt wurde. Der Prozess dürfte diesbezüglich Aufklärung bringen – und auch darüber, wie Elbs es formuliert, „ob Herr G. 007 oder lediglich 0815 war“.Jan Alexander Casper berichtet für WELT über die Grünen und gesellschaftspolitische Themen.