Der Tübinger Historiker Dieter Langewiesche knüpft mit seinem schmalen Band über die Kolonialkriege europäischer Großmächte in Afrika an ein Thema an, das er am Rande bereits in seiner großen Studie „Der gewaltsame Lehrer: Europas Kriege in der Moderne“ (C. H. Beck, 2019) adressiert hat. Die lediglich 55 Seiten haben es in sich: Nicht nur räumt Langewiesche mit einer postkolonialen Lesart der Geschichte auf, demnach eine direkte Linie von den europäischen Kolonialkriegen in den Holocaust führe; sondern er zeigt auch, wie präsent die Art und Weise der Kriegsführung bei der Unterjochung des afrikanischen Kontinents heute wieder ist – im russischen Angriffskrieg auf die Ukraine.

Europäische Kriege im 19. Jahrhundert wurden in der Regel als „gehegte“ Kriege ausgefochten. Eine Entscheidungsschlacht wurde zügig herbeigeführt, die Trennung zwischen Kombattanten und Zivilisten berücksichtigt. Diese Art der Kriegsführung unterschied sich fundamental von den Volkskriegen vorangegangener Jahrhunderte, in denen ganze Landstriche verwüstet und die Bevölkerungen niedergemetzelt wurden. Die Einhegung des Krieges ist für Langewiesche eine der großen Errungenschaften des 19. Jahrhunderts, wenngleich historisch gesehen eine Ausnahme, wie die Kriege des 20. Jahrhunderts zeigen.